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Ausgabe Mai/Juni 2020
Sepia – die Tinte des Tintenfisches ... von Anreas Krüger

Beitragsreihe über wichtige homöopathische Heilmittel

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©whitcomberd_AdobeStock

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H. Schäfer: Was ist unser heutiges Thema?
Andreas Krüger: Heute möchte ich über das homöopathische Mittel Sepia sprechen und über einen Aspekt, der mir immer deutlicher wird, weil er eine Dimension von Trauma auftut, die meines Erachtens bisher zu wenig betrachtet wurde. Sepia ist das Hauptmittel für die Verletzung der Würde, der Ehre, für die Verletzung unserer körperlichen Integrität und Autonomie und damit ist es das wichtigste Mittel für die Folgen von Missbrauch und Schändungen in allen Arten und Intensitäten. Es gibt ja bei diesem Thema keine Skala von „ein bisschen bis ganz viel“, sondern das Erlebnis von Würdeverletzung ist etwas sehr individuelles. Das kann von einem Blick oder einem Wort bis zu tagelangem Einschließen variieren und jedes Erlebnis ist gleich bedeutend und gleich ernst zu nehmen. Ich durfte in meiner Praxis schon vielen Menschen helfen – hauptsächlich Frauen, aber auch Männern – dieses Trauma des Missbrauchs und damit der Würdeverletzung so weit zu desensibilisieren, dass für sie wieder liebevolle Beziehungen, Zärtlichkeit und sexuelle Nähe überhaupt möglich wurden. Begleitend zu Sepia waren es auch Aufstellungen und schamanische Interventionen wie Entsetzungen, manchmal auch Traumatherapie nach Peter Levine. Im Grunde waren es oft viele Elemente, die zusammenkamen, um wirklich hilfreich zu sein.

Haben Sie einen konkreten Fall als Beispiel, bei dem Sepia nicht offensichtlich das Mittel der Wahl war?
Zu mir kamen immer wieder Menschen, um über ihre Probleme mit Nähe und Sexualität oder über ihre Ängste und Ekel vor männlicher Gewalt zu sprechen und mich um Hilfe baten, aber ich fand trotz intensiver Forschung keine Anhaltspunkte, wo dieses Trauma ihren Ursprung hatte. Hellhörig bin ich geworden, als ich mit einer Frau sprach, die in einer liebevollen Beziehung lebte, in der aber für sie keinerlei Sexualität möglich war, weil der Anblick ihres unbekleideten Mannes in ihr unerklärliche Ängste bis hin zu Ekel weckte. Die Mittel, die ich ihr gab, bewirkten keine Besserung und dann empfahl ich ihr doch Sepia. Und an dem Abend, an dem sie das Mittel nahm, rief ihre Mutter an und sagte: „Kind, ich habe nie davon gesprochen, aber heute habe ich das Gefühl, ich muss es dir sagen: Ich bin als Kind über Jahre von meinem Onkel missbraucht worden, immer mit der Drohung, wenn ich es jemandem erzählen würde, täte er das auch meinem kleinen Bruder an. Deshalb habe ich das mit großer Verzweiflung und großem Selbstekel über mich ergehen lassen. Ich weiß nicht, warum, aber heute musste ich dir das erzählen.“ Auf einmal war klar, dass sie die Last der Mutter trug – wie wir es ja aus Aufstellungen kennen – und ich habe ihr noch einmal Sepia gegeben und ihr noch zu einer Aufstellung mit ihrer Mutter geraten, um ihr alles zurückzugeben.

Wir haben auch schamanisch gearbeitet und ich durfte das Wunder erleben, dass diese Frau ein halbes Jahr später zu mir kam und sagte: „Lieber Andreas, ich führe zum ersten Mal in meinem Leben eine angstfreie, eine ekelfreie und sogar eine lustvolle Liebesbeziehung.“ Später kam die Mutter zu mir, die ja nachvollziehbar keine lustvolle Sinnlichkeit erlebt hatte und als ich sie mit Sepia behandelte, verlor sie ihre Myome und Polypen und hat im zarten Alter von 75 Jahren eine liebevolle und zärtliche Liebesbeziehung mit einem Mitbewohner ihrer Altersresidenz begonnen. Als ich mit der Mutter arbeitete, kam heraus, dass in der Linie der Mutter alle Frauen schweren Missbrauch erlebt hatten. Das hat sich energetisch bis zu dem Leben der Tochter fortgepflanzt, obwohl in ihrem eigenen Leben nie etwas Derartiges passiert war.

Ich weiß, dass es solche systemischen Phänomene gibt, aber …
… es ist unvorstellbar, dass eine Tochter, eine Mutter, eine Großmutter und eine Urgroßmutter immer mit 30 Jahren einen Tumor des Gebärmuttermundes entwickelt haben, um sich mit dem Leiden zu solidarisieren und ihren Ahnen zu folgen. Hellinger beschreibt in einem seiner Bücher die Geschichte eines jungen Mannes, in deren Krankenakte er las, dass sich die Männer in seiner Linie immer mit 28 Jahren suizidiert haben und an dem Tag, an dem er in der Akte las, bemerkte er, dass der Mann heute seinen 28. Geburtstag hatte. Daraufhin setzte er sich ins Auto, fuhr zu dem Mann hin und … die Pistole lag schon auf dem Tisch. Er konnte verhindern, dass dieser Mann seinen männlichen Verwandten in den Suizid folgte.

Was kann man als Einzelner machen?
Wenn wir den Sepiagedanken noch einmal aufgreifen, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo seit 5.000 Jahren oder seit Einführung des Patriarchats Vergewaltigung gesellschaftlich toleriert wird – es ist noch nicht lange her, dass Vergewaltigung in der Ehe überhaupt strafbar war, und es gibt andere Länder, wo Frauen von ihren Familien verstoßen werden, wenn sie Gewalt thematisieren – dann wird deutlich, dass selbst, wenn wir selber nichts Traumatisches erlebt haben, trotzdem Probleme bestehen, die in unser Leben hineinwirken und unser Leben bestimmen. Darum möchte ich alle Menschen, die diesen Artikel lesen, ermutigen, solche systemischen Zusammenhänge eventuell untersuchen zu lassen.

Haben Sie auch persönlich mit dem Thema Missbrauch zu tun gehabt?
Ich bin als junger Mensch mit 28 Jahren in meiner Praxis sehr stark mit dem Thema Missbrauch konfrontiert worden – wobei mir das selbst noch nie passiert ist und ich auch nicht in diesem Sinne gehandelt habe – und trotzdem kam von Anfang an das Thema Missbrauch in meine Praxis. Am Anfang habe ich versucht, mit der Homöopathie zu helfen, aber irgendwann war ich überfordert mit all dem Leid!
In diesem Zustand habe ich von meinem Homöopathen „Sepia“ bekommen. Und dann hatte ich einen Traum: Ich träumte, dass drei Tanten von mir in diesen Raum kamen mit einem Kind, das furchtbar zugerichtet war, legten es hier auf das Bett, sagten: „Kümmere dich darum“ und dann gingen sie wieder. Ich stand vor diesem Kind, war völlig überfordert und wusste nicht, was ich tun sollte. Als ich aufwachte, rief ich meine Mutter an und fragte, ob sie etwas darüber wüsste. Meine Mutter find an zu weinen und sagte, dass es ein Geheimnis in der Familie sei: „Auf der Flucht waren alle diese drei Tanten mit deiner Großmutter von der roten Armee eingeholt und drei Tage in Scheunen gesteckt worden. Die an Typhus erkrankte Großmutter haben sie mit den Kindern in eine andere Scheune gesteckt. Die Tanten sind zum Glück nicht erschossen worden, sondern lebend aus der Scheune herausgekommen und konnten weiterziehen, haben aber nie darüber geredet. Alle drei sind später mit Ende 50 Jahren an Krebs gestorben.
Für mich war dann klar, dass ich einen systemischen Auftrag hatte, mich darum zu kümmern. In einer Aufstellung habe ich dann gesagt, dass ich es gerne für sie gemacht habe, aber dass ich das nicht ewig machen kann, und habe ihnen einen Großteil des Auftrags zurückgegeben.

Fazit?
Wenn es systemische Übertragungen gibt, lasst systemisch testen, welche Methoden es gibt, aus diesen Teufelskreisen auszusteigen, und denkt immer an Sepia, eines der größten Mittel, auch wenn man selbst nie persönlich betroffen war.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst. Mehr über ihn unter: andreaskruegerberlin.de

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag


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