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Ausgabe Mai/Juni 2020
Altern in Würde - Wie wichtig die ältere Generation für die Gesellschaft ist ... von Christian Salvesen


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© jd-photodesign_AdobeStock

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Das Altwerden erleben sehr viele Menschen als eine individuelle Krise. Auch gesellschaftlich wird es zu einem Problem, dass es bei uns zu viele alte und zu wenig junge Menschen gibt. Aber das Alter bietet auch ungeahnte Chancen.

Als Teenager dachte ich ziemlich entsetzt, wie ich mich wohl fühlen werde, wenn ich so alt wie meine Großeltern bin. Es schien mir unvorstellbar. Nun bin ich tatsächlich über 60 Jahre alt. Und es kommt mir vor, als sei ich wie immer. Eigentlich fühle ich mich sogar besser als früher – wenn ich da an all die aus heutiger Sicht lächerlich erscheinenden Dramen und Gefühlsaufwallungen denke. Als Senior genieße ich die Ermäßigung der Bahncard und darüber hinaus eine gewisse Altersgelassenheit. Letztere habe ich mir allerdings wohl nicht nur durch die bloße Anzahl der Jahre verdient, sondern auch durch ein jahrzehntelanges Bemühen um spirituelle Erkenntnis. Der Begriff der Altersweisheit deutet andererseits daraufhin, dass wir durchaus von selbst – allein aufgrund unserer Lebenserfahrung – im Laufe der Zeit abgeklärter werden, auch ohne besondere Meditationspraxis. Wissenschaftler nennen das Gerotranszendenz (von Gero griechisch = Greis).
Doch bevor ich darauf eingehe, möchte ich noch mal nachfragen: Alter oder alt sein – wie soll man das überhaupt definieren? Ab wann bin ich alt? Was sind die eindeutigen Merkmale? Und bestehen da nicht auch graduelle Unterschiede zwischen einem Jungsenior wie mir und einem über 90-Jährigen, der nicht mehr gehen kann, keine Zähne mehr hat und an Demenz leidet? Mir kommt immer wieder der Unterschied zwischen der äußeren Erscheinung, das heißt dem Bild eines älteren oder alten Menschen, und dem inneren Kern oder Grundgefühl in den Sinn. Selbst wenn ich mich im Spiegel sehe, kommt mir das Gesicht nicht so alt vor, wie es anderen, sehr viel jüngeren Menschen erscheinen mag. Was, wenn ich in deren Treffpunkten auftauchen und kumpelhaft Hallo sagen würde? Ihre Reaktion würde mir wohl deutlich zeigen, wie alt ich bin, auch wenn ich mich nicht so fühle.

Einige Herausforderungen
Zum Thema Alter gibt es mehr aktuelle Fragen und Probleme, als hier angesprochen werden können. Zum Beispiel die Altersarmut. Eine Überschrift im Magazin „Der Spiegel“ lautete einmal: „45 Jahre gearbeitet – 140 Euro Rente!“ Millionen von Menschen über 70 können bereits heute nicht von ihrer Rente leben, und es werden in den nächsten Jahren weitere Millionen dazukommen.
Ein weites Feld ist das Thema Gesundheit/Krankheit und Alter. Es hat sich eine Anti-Aging-Medizin etabliert, es gibt viele und gute Angebote für Senioren, sich fit zu halten. Doch zugleich sorgt die medizinische Versorgung von immer mehr immer älter werdenden Menschen für eine Kostenspirale, die unser Gesundheitssystem kaum noch verkraftet. Schreckgespenster wie Alzheimer gehen um und fordern nicht nur die Fachkräfte, sondern auch und gerade die Verwandten und das gesamte soziale Umfeld dazu heraus, mehr Inspiration, Kraft und Mitgefühl einzubringen. Alte müssen sich gegenseitig mehr unterstützen. Die Jüngeren – ohnehin schon in der Pflicht, durch ihre Steuern die Älteren zu unterstützen – sind auch menschlich aufgerufen, ihre Verwandten nicht im Altersheim alleinzulassen.

Ich möchte im Folgenden kurz einzelne Aspekte beleuchten, wie Menschen dem Alter positive Seiten abgewinnen können, von der Altersweisheit über die Generativität bis hin zu Aufrufen und Angeboten des Bundesministeriums für Familie.


Gerotranszendenz
Mit diesem Begriff soll eine Veränderung der Lebensperspektive und Werte im Alter beschrieben werden: Von einer eher materialistisch und rationalistisch geprägten Weltsicht zu einer mehr „kosmischen und transzendentalen Welt- und Lebensperspektive“. Lars Tornstam, einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, sieht damit gewisse Merkmale verbunden – wie eine weniger selbstzentrierte und stärker spirituelle Ausrichtung. Es findet ein Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben statt, der aber durchaus positiv zu bewerten ist im Sinne einer Selbstbesinnung und inneren Stärke. Ältere Menschen entscheiden sich demnach sehr bewusst und gezielt, ob, wann und wie sie sich sozial einsetzen wollen.

Werteverschiebung
Aus Intensivgesprächen mit 50 schwedischen Frauen im Alter zwischen 52 bis 97 Jahren geht laut Tornstam eine Werteverschiebung in drei Bereichen hervor:

Kosmische Transzendenz: Mann/Frau befasst sich verstärkt mit früheren Generationen, sieht Leben und Tod gelassener und ist empfänglicher für die mysteriösen Seiten des Lebens. Die Zeit wird anders erlebt, die Grenzen zwischen Früher und Jetzt verschwimmen, es wird (anscheinend) eine Kommunikation mit abwesenden oder verstorbenen Verwandten oder Freunden möglich.

Neu-Definition des Selbst: bisher verheimlichte oder verdrängte positive wie negative Seiten des Ichwerden akzeptiert, insgesamt gibt es weniger Ich-Zentriertheit. Wiederentdeckung der Kindheit und des inneren Kinds, zum Beispiel im Kontakt mit Enkelkindern.

Soziale Neuorientierung: Oberflächliche soziale Beziehungen werden aufgegeben, andere intensiviert. Die Dualität von richtig/falsch wird oft lustvoll „transzendiert“, ebenso unsinnige soziale Normen und Rollengefüge. Das geht einher mit dem Bedürfnis, für sich zu sein und sich auf zeitlose Werte zu besinnen.

Mit dieser Theorie der Gerotranszendenz wird der häufig negativ bewertete Rückzug älterer Menschen in ein neues positives Licht gestellt. Fitness und Aktivität sind nicht das Allheilmittel und erfahren hier als Korrektiv eine Art Gegenmodell. Allerdings gibt es eine weitere wichtige Komponente, die ihre eigene Bedeutung und Dynamik hat, nämlich die sogenannte Generativität.

Generativität
Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Eric H. Erikson prägte diesen Begriff, um eine bestimmte Qualität des Lebensabschnitts zwischen 30 und 50 Jahren zu markieren. In dieser Zeit geht es vor allem darum, die eigenen Energien und Fähigkeiten für die kommende Generation einzusetzen. Eltern und Lehrer erziehen und lehren die Kinder. Fürsorglichkeit verhindert die Stagnation im Selbst. In neuerer Zeit wenden Gerontologen diesen Begriff auch auf ältere Menschen ab 60 Jahren an, denn sie sind erst recht „generativ“, voller Erfahrung und Wissen, das sie weitergeben können und möchten. Margret M. Baltes und Frieder R. Lang schreiben: „Im Begriff der Generativität kommt die Erwartung zum Ausdruck, dass ältere Menschen sich in ihren sozialen Beziehungen als weise erweisen, kooperativ, kontaktfähig und ihren Sozialpartnern zugewandt." Nach Ansicht von Erhard Olbrich umfasst Generativität des höheren Lebensalters dabei auch Prozesse der Verlustverarbeitung: „Spätestens jetzt geht es darum, zu erkennen, dass wir nicht ständig schöner, stärker oder sonst wie besser werden."
Im Modell von Lang und Baltes sind drei Arten von Generativität herausgearbeitet: a) die Schaffung von überdauernden Werten, b) die Wahrung kultureller Identität und c) Selbstbescheidung und Selbstverantwortlichkeit, um die Belastung anderer (jüngerer) Menschen zu minimieren.

In seinem Vortrag: „Gerotranszendenz und Generativität im höheren Lebensalter – neue Konzepte für alte Fragen“, fasst François Höpflinger zusammen:

„Geistig-seelische Erfahrungen und Entwicklungen sind für ein geglücktes Leben ebenso wichtig wie äußerlich sichtbare Aktivitäten. Gerotranszendenz und symbolische Generativität des höheren Lebensalters können zentrale Gegenmodelle gegenüber einem hyperaktiven Altern darstellen. Die Gefahr sowohl aktivitätsorientierter Altersmodelle wie aber auch der 'Anti-Aging'-Bewegung liegt darin, dass jugend- und leistungsorientierte Normen auch das hohe Lebensalter durchdringen, wodurch auch das hohe Lebensalter allmählich 'harten' Leistungszwängen unterworfen wird.
Die 'späte Freiheit' der Menschen in der nachberuflichen Lebensphase kann damit gefährdet sein, bevor sie überhaupt richtig aufblühte.“ (Quelle: www.alter-nativen.ch)

Die Acht Tore zur Weisheit
„Unglücklicherweise nimmt unsere Kultur die Sichtweise ein, die zweite Lebenshälfte bringe nur Niedergang, Krankheit, Verzweiflung und Tod. Wir brauchen uns nur die schockierende Tatsache klarzumachen, dass Amerika unter älteren Menschen weltweit die höchste Selbstmordrate hat, um zu erkennen, dass sich die Dinge ändern müssen.“ So schreibt die Kulturanthropologin Dr. Angeles Arrien in ihrem Buch „Acht Tore zur Weisheit“ und folgert: „Wir können nicht weiterhin auf die Weisheit verzichten, die künftigen Generationen unwiderruflich verloren geht, wenn unsere Ältesten an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden und aus unserem Blickfeld geraten.“

Die Acht Tore sind:
Das Silberne Tor: Neuen Erfahrungen und dem Unbekannten entgegen. Das Tor der Weißen Pfähle: Identitäten verändern, sein wahres Gesicht entdecken. Das Tönerne Tor: Intimität, Sinnlichkeit und Sexualität. Das Schwarz-Weiße Tor: Beziehungen – der Schmelztiegel von Liebe, Großzügigkeit, Enttäuschung und Vergeben. Das Bauerntor: Kreativität, Dienen und Fruchtbarkeit. Das Knochentor: Authentizität, Charakter und Weisheit. Das Natürliche Tor: Die Gegenwart von Gnade – Glück, Erfüllung und Frieden. Das Goldene Tor: Nichtanhaften, Hingabe und Loslassen.

Prof. Arrien ist überzeugt: „Die zweite Hälfte des Lebens bietet uns die Chance, verstärkt Tiefe, Integrität und Persönlichkeit zu entwickeln.“




Christian Salvesen (geboren 1951) Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Ghostwriter. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Homepage: www.Christian-Salvesen.de


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