aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Mai/Juni 2020
Räume bewusst gestalten ... von Judika und Eilert Bartels


art96320
© Antonioguillem_AdobeStock

Vergrößern hier klicken.
Die „Corona-Krise“, fordert uns alle auf eine für viele Menschen neue Weise heraus. Das gilt besonders auch für Paare. In Zeiten von Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen wird nun noch wichtiger, was uns von jeher auch in unserer Praxis Leitgedanke ist: „Stabile, erfüllende Paarbeziehungen setzen eine gute Beziehung zu sich selbst voraus“. Den eigenen Raum wahrnehmen und würdigen zu lernen, ist nicht nur dafür wichtig, sich abgrenzen zu können, sondern ganz besonders auch, um bewusste gemeinsame Räume der Begegnung miteinander gestalten zu können. Das gilt umso mehr, wo wir derzeit wegen „Corona“ und der Ausgangsbeschränkungen „aufeinander hocken“.

Vielleicht haben wir ja auch gerade jetzt die Chance, mit- und aneinander zu wachsen! Es mag sein, dass viele Paare sich im Moment, oder ohnehin schon länger, im Besonderen auf verschiedene Weise aneinander gebunden fühlen. Sich bewusst zu machen, dass Sie – auch, wenn Sie sich gebunden haben – dennoch ganz und eigenständig sind, gibt Ihnen die Möglichkeit, sowohl Freiräume für den Einzelnen als auch gemeinsame Räume des Miteinanders zu gestalten. Die „Corona-Krise“ ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance, dies für sich und miteinander zu lernen.

Wir haben uns dazu ein paar Gedanken gemacht, die wir Ihnen hier gern als unterstützende Anregungen mitgeben möchten. Das Wichtigste zuerst: Machen Sie sich klar, dass es überall, wo Menschen zusammenleben, sowohl Raum für jede und jeden Einzelnen braucht, als auch so etwas wie Räume des gemeinsamen Erlebens: ohne Grenzen kein Raum. Völlig klar: Schon unser Körper definiert sich über seine Grenzen. Unsere Haut bildet ganz natürlich eine Begrenzung unseres Körpers. Ohne Begrenzung würden wir unsere Gestalt und unser Gefühl für uns selbst verlieren. Wenn wir z. B. in einem Auto sitzen, sind wir darüber hinaus sogar in der Lage, „unseren Raum“ bis zu den Grenzen der Autokarosserie auszuweiten. Und wir reagieren verständlicherweise empfindlich, wenn jemand die Grenzen gegen unseren Willen übertritt, etwa, wenn uns jemand in den Kofferraum fährt, oder auch nur beim Spurwechsel zu nahe kommt. Gleichwohl freuen wir uns vielleicht auch, wenn wir nicht alleine Auto fahren, sondern einen freundlichen Menschen zur Mitfahrt in unseren Raum einladen können. An diesem Beispiel wird klar: Es braucht Grenzen. Sie sind ein ganz eigener Mensch. Ein Mensch mit eigenen Grenzen, aus denen heraus Sie Ihren eigenen Raum gestalten, den Sie für sich alleine haben, aber in den Sie auch andere Menschen einladen können, wenn Sie möchten. Und erst das Bewusstsein für Ihren eigenen Raum macht es möglich, zu unterscheiden zwischen „Dies hier ist mein eigener Raum“ und „Das ist unser gemeinsamer Raum“. Diese Unterscheidung ist wichtig! Denn ohne ein klares Gefühl für den eigenen Raum lassen sich auch willkommene gemeinsame Räume nicht gestalten! Um beim Autovergleich zu bleiben: Dann spüren Sie nicht mehr klar, ob Ihr Gegenüber gerade unwillkommen in Ihrem Kofferraum ist oder sich freundlich eingeladen hat, und sich als Mitfahrer auf dem Sitz neben Ihnen in Ihrem Raum befindet.

Räume gestalten
Wenn wir, bezogen auf das Zusammenleben zweier oder mehrerer Menschen, von Räumen sprechen, so meinen wir damit innere Räume, also sinnbildliche Räume. Zum Beispiel sind Sie ein eigener individueller Mensch mit ganz eigenen Gedanken, Bedürfnissen und Wegen, diesen zu folgen. Äußere Räume sind somit die reale Umgebung. Zum Beispiel die Zimmer der gemeinsamen Wohnung, oder auch nur ein Bereich innerhalb eines Zimmers, wie ein Arbeitsplatz, ein Lesesessel …, aber auch Zeiträume, innerhalb derer innere und äußere – eigene und gemeinsame – Räume gestaltet werden. Fangen Sie also am besten damit an, sich Ihren eigenen Raum bewusst zu machen.

Gestaltung des inneren Raums
Nehmen Sie sich hierfür doch einmal ein Stündchen Zeit für sich. Nehmen Sie sich einen Stift und ein Blatt Papier zur Hand und schreiben auf, was Ihnen dazu einfällt: Wenn Sie auf Ihre eigenen Bedürfnisse blicken, auf das, was Sie gerne tun, was Ihnen wichtig ist, was Sie allein tun wollen oder auch müssen, und worüber Sie ich freuen, es in Gemeinschaft zu machen.

Punkte auf dieser Liste könnten zum Beispiel sein:
Arbeiten (das muss ja schließlich sein); ein Buch lesen; Yoga praktizieren; essen; schlafen; einfach chillen und niemanden sehen und hören; mich abreagieren, wenn ich wütend bin; spazieren gehen (zu zweit); joggen (allein); duschen oder baden; Sex haben (mit mir allein oder gemeinsam; Heimwerken; Musik machen; mit Freunden telefonieren; Social Media; am PC gamen …
Was auch immer Ihren persönlichen Bedürfnissen und Prioritäten entspricht, schreiben Sie es auf. Sie sehen schon: Wenn man einmal bewusst darüber nachdenkt, ergibt sich fast von selbst, wo Sie gern Zeit und Raum für sich alleine haben möchten, oder wo Sie sich über gemeinsame Zeit und gemeinsamen Raum freuen.

Nun haben Sie schon eine gute Grundlage für die Gestaltung des äußeren Raumes. Zeichnen Sie doch einmal den Grundriss der gemeinsamen Wohnung auf. Was erleben Sie in den verschiedenen Bereichen Ihrer Wohnung? Nehmen Sie verschiedenfarbige Stifte zur Hand und tragen in die Grundrisszeichnung ein: Wo in der Wohnung ist für Sie „mein“ Bereich? Wo ist die Ecke, das Zimmer, wo Sie sagen können: „Ja, hier fühle ich mich wohl und sicher.“, oder: „Hier kann ich zur Ruhe kommen.“, oder auch: „Hier mag ich es, wenn wir uns begegnen.“, oder: „Hier komme ich richtig in Aktion.“, was auch immer Ihren Bedürfnissen nach eigenem Raum entspricht. Möglicherweise gibt es eine Ecke, einen Bereich oder ein Zimmer, wo sie gerne sagen: „Hier funkt mir keiner rein! Hier darf nur ich verändern und gestalten.“ Oder ist Ihnen das vielleicht gar nicht so wichtig? Spüren Sie da ruhig einmal hin, wie es wirklich ist! Je nachdem, ob Sie über eine große Wohnung, ein großes Haus mit vielen Zimmern verfügen, oder ob Sie sich eine kleine Einzimmerwohnung teilen, können nun ganze Zimmer, vielleicht aber auch einfach ein Bord eines Regals und Ihr Lieblingsstuhl „Ihr Raum“ sein, in dem Sie bestimmte Dinge gern erleben oder tun.

In einer Krise, aber auch sonst im Alltag raten wir:
Gestalten Sie sich Zeiträume, um miteinander zu sprechen, und zwar über Wesentliches: über das, was Ihren inneren Raum ausmacht. Ihre Bedürfnisse, Wünsche, Visionen, Ängste. Vielleicht lösen sich darüber ja sogar langjährige Missverständnisse auf.
Denken Sie nur an die obere Brötchenhälfte, die wir so oft dem Partner überlassen, weil wir denken, er oder sie möge diese lieber als die untere Brötchenhälfte! Tauschen Sie sich mit Ihrem Partner über Ihre jeweiligen Raumbedürfnisse aus. Vielleicht gibt es Überschneidungen oder „Raum-Konflikte“? Wie lassen sich diese lösen? Welche Ideen lassen sich entwickeln? Vielleicht lässt sich beispielsweise die Nutzung des Regals im Wohnzimmer anders aufteilen? Und vielleicht lassen sich Zeiträume vereinbaren, in denen derselbe Bereich einmal „mein“ Raum und einmal „dein“ Raum ist? Übrigens: Wie andere Räume auch, haben Zeiträume eine Begrenzung, einen Anfang und ein Ende. Sorgen Sie gut für sich, indem Sie sich selbst die Freiheit verschaffen, Ihren eigenen Raum zu gestalten. Dadurch kann es im partnerschaftlichen Miteinander leichter fallen, auch dem anderen diese Freiheit einzuräumen. Und gleichzeitig wissen Sie vielleicht besser, was Sie gerne bewusst gemeinsam miteinander erleben wollen. Und das ist nicht nur in Zeiten von Krisen (Corona) wichtig. Aber warum sollten Sie diese besonderen Zeiten nicht auch dafür verwenden, sich das für die Partnerschaft bewusst zu machen? Kommen Sie gut durch Krisenzeiten und vor allem: Bleiben Sie körperlich und seelisch gesund!

Judith und Eilert Bartels sind Paar- und Sexualtherapeuten und führen zusammen die Praxis „Beziehungsperspektive“ in Berlin. Eilert Bartels ist Autor des Buches: „Männliche und weibliche Erregungskurven“. Der Inhalt hinterfragt geschlechtliche Zuschreibungen und ist ein Plädoyer für eine sexuelle Selbstbestimmung jenseits von Scham und Rollenklischee. Außerdem hat er ein Buch herausgebracht: „huMANNoid: Männer sind Menschen“. Weitere Infos und Kontaktdaten unter www.beziehungsperspektive.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.