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Ausgabe Mai/Juni 2020
Vom Denken in der Angst zum Handeln in Freiheit ... von Hermann Häfele


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© terovesalainen_AdobeStock

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Angst ist ein interessantes Phänomen. Und damit meine ich nicht die natürliche, instinktive Angst, die von unseren steinzeitlichen Ursprüngen stammt, also etwa die vor wilden, gefährlichen Tieren – diese Angst spielt mindestens in unseren Breiten kaum noch eine Rolle.
Doch wir haben uns die Angst erhalten und übertragen sie heute auf eine – nüchtern betrachtet – sehr übertriebene Art und Weise auf andere Felder unseres Lebens. Angst gibt es heute allerorten. Von manchen Seiten aus wird sie gar bewusst geschürt. Es gibt zahlreiche Gründe, weshalb wir in der Angst bleiben.
„Angst ist ein Resonanzkiller, sie verhindert, dass wir einen Zugang zur Welt um uns herum aufbauen können. Sie macht uns gewissermaßen in uns selbst gefangen“, sagt der Soziologe Hartmut Rosa (Zeitmagazin online vom 03.04.2020).

Angst hat die althochdeutsche Herkunft „Enge, Engsein“ und eine noch ältere, indogermanische, nämlich „eng, bedrängend“. Wie also sind wir „bedrängt“ und was ist es, was uns „in uns gefangen“ hält?

Wir sind in unseren inneren Mustern und Programmen gefangen, und viele halten es kaum aus, wenn sie – auch durch äußere Umstände – auf sich selbst zurückgeworfen sind und flüchten in andere, zum Beispiel digitale Welten. Ablenkungen gibt es ja immer noch mehr als genügend. Gleichzeitig haben wir – wenn wir denn wollen – aktuell eine Riesenchance, aufs Neue mit der Welt und vor allem mit uns selbst und unserem Leben in Beziehung zu treten.
Das Wort „Chance“ geht auf das frühromanische „cadentia“ zurück und diesem liegt die lateinische Wurzel „cadentia“ („möglicher Fall, Fall der Würfel, Wahrscheinlichkeit“) zugrunde. Wie die Dinge letztlich werden, wissen wir nicht. Doch wir können bestmögliche Voraussetzungen für das „Fallen der Würfel“ für uns schaffen! Die Chance besteht konkret darin, einen eigenen „Roten Faden“ hinein zu uns selbst und in die Freiheit zu finden bzw. wiederzufinden.

Was bedeuten die Worte „Freiheit“ und „frei“?
Die indogermanische Wortwurzel für „frei“ stand ursprünglich für „vertraut, lieb, eigen“ und für „helfen, lieben“ sowie für „Zuneigung, Freundschaft“, wie der Sprachwissenschaftler Jochen A. Bär erklärt (www.baer-linguistik.de).

Er schreibt weiter: „… Frei lässt sich auf die indoeuropäische Wurzel prai- bzw. prî- (›lieben, gern haben, schonen‹) zurückführen. Die Entwicklung von ›lieb‹ zu ›frei, unabhängig‹ erklärt sich aus einer Vorstellung ‚zu denen gehörig, die man gern hat und schont‘ – also zu den Verwandten und Stammesgenossen. … Zu derselben Wortsippe zählen Freund (ursprünglich: ›Nahestehender‹, auch ›Verwandter‹), freien (›heiraten wollen, werben‹) und Friede (ursprünglich: ›Zustand des Wohlwollens, der Schonung‹).
In diesem Sinne definierte der Philosoph Martin Heidegger Freiheit als „Sein-lassen“, womit er nicht ›etwas unterlassen, sich davon abwenden‹ meinte, sondern ›etwas es selbst sein lassen, ihm seine Eigentümlichkeit erlauben‹. Also nicht: sich von etwas, sondern für etwas frei machen.“

Um die Chance zu nutzen, unseren eigenen „Roten Faden“ (wieder) zu finden, braucht es Mut und die Bereitschaft, bewusster zu werden, mehr wahrzunehmen und sich selbst Fragen zu stellen: Was habe ich bisher gemacht? „Fließen“ die Dinge in meinem Leben so, wie ich mir das vorstelle? Wenn nein, woher genau kommt mein Unbehagen und auf welche Lebensfelder bezieht es sich (z. B. Beruf, Beziehung etc.)? Was macht mich aus und habe ich etwas mit meinem Leben zu tun? Spüre ich Lebensfreude oder ist das doch zu einem abstrakten Begriff für mich geworden? Fühle ich mich (und meine Umwelt) oder bin ich eher ein funktionierender Kopfmensch? Führe ich aktiv eine bereichernde Beziehung? Zu beziehungsweise mit jemand anderem und zu mir selbst? Bin ich beruflich in Feldern aktiv, wo ich meine Stärken und Präferenzen sinnvoll und freudvoll einsetze, oder traue ich mich gar nicht so recht, da überhaupt drüber nachzudenken? Woher genau stammen meine Ängste und was kann ich tun, um sie zu überwinden?

Mit Hilfe dieser und ähnlicher Fragen auf Entdeckungsreise zu gehen, kann ausgesprochen spannend werden. Dabei gilt es, sich selbst mit Mitgefühl und dem eigenen Leben gegenüber mit Liebe zu begegnen.

Von was will/sollte ich mich befreien und für was will ich frei sein?
Anlässlich seines 70. Geburtstages sagte Charlie Chaplin: „Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das ‚gesunden Egoismus‘, aber heute weiß ich, das ist ‚Selbstliebe‘“.

Kann so ein Weg „erfolgreich“ sein und Entwicklung gelingen?
Ja, kann er, manchmal ganz anders, als ursprünglich gedacht!

Was kann die Hoffnung bewirken?
Hoffnung kommt tatsächlich ursprünglich von „aufgeregt umherhüpfen, in Erwartung hüpfen“ – vgl. auch das „hoppen“ aus dem Mittelniederdeutschen. Manche kennen noch aus eigener Kindheit das „hoppe, hoppe, Reiter ...“!
Hoffnung ist nach meiner persönlichen Überzeugung kein gutes Konzept, wenn es uns fortwährend aus der Gegenwart herauskatapultiert, wenn wir „anhaften“ an irgendetwas Zukünftigem, das unser Kopf sich einbildet. Dieses „wenn erst das und das (wieder) erreicht ist, dann werde ich ...“ kennt fast jede/r zur Genüge – so landen wir doch wieder beim ewigen Aufschieben. Irgendwann, so hoffen wir, wird‘s bestimmt besser …? Nein, wird es nicht, schon deshalb, weil dieser Zeitpunkt nie eintritt! Oder vielleicht doch, aber vom Außen beeinflusst in Zeiten von Ausnahmesituationen während Krisenzeiten?

Wenn das „aufgeregte Umherhüpfen“ allerdings als Ausdruck von Neugier und Freude geschieht und aus der Gegenwart heraus, wenn wir alles ‚willkommen heißen‘, was da kommen mag (einschließlich unangenehmer Dinge), dann sind wir auf dem richtigen Wege. Dann kann, genau so interpretiert, Hoffnung auch ein wunderbarer Ausdruck von Lebensfreude sein. Dazu noch einmal Hartmut Rosa, der es gut auf den Punkt bringt: „Ich verstehe Resonanz als eine bestimmte, gelingende Form, mit der Welt in Beziehung zu treten. (…) Ich lasse mich auf eine Sache ein, die mir wirklich etwas bedeutet, die mich innerlich berührt und bewegt. Ich bin nicht nur passiv berührt, sondern antworte auf das, was mich da anruft und erfahre mich dabei auch als selbstwirksam.“ Es gilt, in Resonanz zu gehen, mit dem Außen und mit dem Innen.

Machen wir uns also auf in Richtung Freiheit und machen uns frei – nicht nur von etwas, sondern auch zu etwas. Es lohnt sich gerade jetzt, in sich selbst zu investieren und sich (womöglich neu) zu positionieren, in welchen Feldern auch immer (fast immer hängt ja alles mit allem zusammen). So kommen wir (endlich) in unserem Leben an. Und das bedeutet: Fühlen und Denken in der Gegenwart – und Handeln in Freiheit!


Hermann Häfele unterstützt und begleitet Menschen, ihren eigenen Roten Faden (wieder) zu finden – für die eigene Positionierung, bei Krisenüberwindung und/oder bei persönlicher Weiterentwicklung in allen Lebensfeldern. Mehr Infos auf www.roter-faden-coaching.de


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