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Ausgabe Mai/Juni 2020
Mensch, erkenne dich selbst ... von Wolf Sugata Schneider


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© cranach_AdobeStock

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Manipulation? Schrecklich!!! Von so vielem und so vielen werden wir ständig manipuliert. Dabei bedeutet das Wort ursprünglich einfach die Bearbeitung mit den Händen, vor allem im medizinischen Bereich. Also zum Beispiel Massage. Das empfinden die meisten von uns doch als angenehm. Wenn uns das körperlich so guttut, warum wollen wir dann nicht auch psychisch manipuliert werden?

Mir scheint, dass die weit verbreitete Abneigung gegen Manipulation damit zusammenhängt, dass wir ahnen, wie leicht beeinflussbar wir sind. Was wir denken, fühlen, sagen und tun, kommt großenteils nicht aus uns selbst, sondern ist eine Folge von äußeren Einflüssen, die auf uns einwirken, ohne dass wir sie durchschauen. Dann wettern wir gegen böse Kräfte in der Werbung, der Wirtschaft und Politik – ja, die gibt es. Aber das führt meist nicht weit. Denn um uns von diesen bösen Kräften zu befreien, geben wir uns anderen Influencern hin, die behaupten, diese bösen Kräfte zu durchschauen und uns vor ihnen zu bewahren. Frei sind wir dadurch noch immer nicht, sondern nur von einem Bereich der unerkannten Beeinflussung zu einem anderen gewechselt.


Wie werden wir frei von ungewollter Einflussnahme? Das ist gar nicht so leicht. Die Behauptung davon frei zu sein, ist meistens eine Illusion. Zudem gibt es Kräfte, von denen ich beeinflusst sein will. Aber auch da weiß ich letztlich nicht, ob dieser Wille wirklich mein eigener ist, also frei aus mir heraus entstanden, in mir wurzelnd. Zu oft habe ich Menschen in ihr Verderben rennen sehen im festen Glauben, damit das für sie und ihre soziale Umgebung Beste zu tun.
Ein genauer Blick auf unsere Ich-Identität, das heißt auf den, für den wir uns jeweils halten, zeigt zum einen den Einfluss unseres Familiensystems, das wir in den systemischen Aufstellungen erforschen. Dort erspüren Stellvertreter, was sie in unserer – meist belasteten – Lage empfinden, denken oder tun würden. Sind wir die Person, die da aufgestellt wird? Können wir uns von der Last der Einflussnahme durch das »System« unserer familiären Herkunft befreien? Und von der Einflussnahme durch Medien, Politik, Wirtschaft und der Meinung unserer Freunde in ihren jeweiligen Echokammern?
Sich von all diesen Einflüssen loszulösen, ist wirklich nicht leicht. Punktuell gelingt uns das ja, mit ein bisschen Glück auch mal phasenweise, und wir fühlen uns befreit. Dann aber rutschen wir in eine neue Identität rein, die wieder ein Gefängnis ist, und sei es die des Zu-sich-Gekommenen oder Befreiten. Oder, noch spiritueller gesprochen, die eines Niemand. Im konventionellen Denken schämt man sich ein Niemand zu sein, in spirituellen Kreisen ist man hingegen stolz darauf, und hat damit wieder eine Identität gefunden. Diesmal eine, die beansprucht, von anderen Niemands unterscheidbar zu sein, womit sie als Karikatur ihrer selbst auftritt, als ein wandelnder Widerspruch, ein transpersonales Ego.
Die Lebenskünstler unter uns sind zu schlau, um in diese Falle zu geraten. Sie versuchen etwas anderes: Sie wollen sich selbst erschaffen – das größte Kunstwerk, zu dem ein Mensch fähig ist. Als mich selbst Erschaffender werde ich zu Gott, zum ultimativen Schöpfer, dem Schöpfer meiner selbst, und bin damit in die nächste Falle geraten, die Münchhausenfalle. Denn wer hat diese Person erschaffen, die da auf einmal zum Agenten ihrer Selbstschöpfung geworden ist? Ich! Die Teilung des Ichs in einen Teil, der erschaffen wird, und einen anderen, der aus sich selbst heraus entsteht, rettet mich also nicht vor dem Stolpern in eine zweite Karikatur meiner selbst.

Der Physiker Hans-Peter Dürr hat den Gang des Zweibeiners mal so beschrieben: Auf einem Bein stehend sind wir in einer instabilen Lage. Von dort aus fallen wir in eine weitere instabile Lage, die auf dem anderen Bein. Hat dieses Fallen eine Richtung, nennen wir es gerne ein Vorankommen, Fortschritt, obwohl es doch in jeder einzelnen Sekunde dieser Bewegung ein Hineinstürzen ist in etwas Ungewisses, Instabiles. So aber sind wir: Werdende. Unser Vorankommen ist ein Stirb-und-Werde-Vorgang. Wer ich gerade noch war, der bin nun nicht mehr. Wer ich bin, kaum habe ich es dämmernd wahrgenommen, verschwindet es schon wieder, und wer ich sein könnte, ist erst noch im Entstehen. Ist das die Freiheit, die ich mir vorgestellt hatte, als ich noch von Erleuchtung und Gottwerdung träumte?
Der Versuch, sich selbst zu entwickeln, zu entfalten und zu erkennen, um auf diese Weise ein besserer Mensch zu werden, ist trotzdem ein lohnender. Welcher Teil von mir da auch immer am Werk gewesen sein mag, um reifer, bewusster oder intelligenter zu werden und seelisch-psychisch zu wachsen. Das Growth oder Human Potential Movement, diese so einflussreiche soziale und therapeutische Bewegung der 60er- bis 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts speiste sich aus denen, die sich – zu Recht – unvollkommen fühlten und deshalb wachsen und werden wollten. Sie wollten hoch hinaus: den »neuen Menschen« erschaffen, nichts weniger als das. Erst dieser neue Mensch wäre imstande frei zu denken, zu leben und zu lieben.
Wohin hat uns das gebracht? Heute, im Frühjahr 2020, mitten in der Corona-Krise, die vielen als die schwerste Herausforderung erscheint, vor der die westlichen Gesellschaften seit dem Niederringen des Faschismus im Zweiten Weltkrieg stehen. Die Demokratien, in denen nach den Autokratien der Vergangenheit doch »das Volk« der Souverän sein sollte, so war es gedacht, zeigen allenthalben, dass die einzelnen Bürger und die Gruppierungen, in denen sie sich versammeln und institutionalisieren, so gar nicht souverän sind. Weit davon entfernt, sich selbst beherrschen zu können, kennen sie sich selbst nicht einmal.
Gnothi seauton – erkenne dich selbst« lautete die Inschrift am Eingang des Apollo-Tempels zu Delphi vor 2.400 Jahren. Auch heute könnte man wohl kaum einen treffenderen Aufruf über die Eingänge der Therapie- und Meditationsräume, der Kirchen, Moscheen, Tempel und säkularen Versammlungsräume unserer Zeit schreiben. Der Mensch ist nicht klüger geworden in diesen zweieinhalbtausend Jahren, wir sind nur mehr geworden.
Ein freies Denken, Leben und Lieben ist wohl erst möglich, wenn wir ein bisschen souveräner geworden sind. Nicht, dass wir erst die volle Erleuchtung bräuchten, um Liebende sein zu können. Die »volle Erleuchtung« zu ergattern ist für die meisten Suchenden eh nur eine neue Sucht, die vielleicht alte Süchte hat ersetzen können, aber nicht das Leiden mindern konnte. Ich glaube jedoch, dass ein Leben als zugleich Sterbender und Werdender – im Sinne von Goethes »Und so lang du das nicht hast, / dieses: Stirb und Werde! / bist du nur ein trüber Gast / auf der dunklen Erde« – dass wir erst als in diesem Sinne bewusste Menschen überhaupt hoffen dürfen, Liebende zu werden, politisch Souveräne und frei Denkende. Ohne Selbsterkenntnis geht es nicht.

Was werden 2.400 Jahre nach uns die Historiker über diese, unsere Zeit sagen? Dass sich im Grunde nichts verändert hat in Bezug auf die menschliche Dummheit? Die meisten von uns würden wohl meinen, dass Homo sapiens sogar zu dumm ist, um mehr als die nächsten 240 Jahre zu überleben. Stellen wir uns vor, was ein Blick von dort auf uns Heutige, in der Corona-Krise Gefangene sagen würde. Sind wir imstande unser Leben frei zu gestalten, ohne dabei auf Schuldige, uns Einschränkende außerhalb von uns selbst zu deuten? Vielleicht hatte Blaise Pascal (1623-1662) ja recht mit seiner Aussage: »Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.«


Wolf Sugata Schneider, Jg. 52
Autor, Redakteur, Humorist.
1985–2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de
Seminare: www.bewusstseinserheiterung.info


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