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Ausgabe Mai/Juni 2017
Das Experiment Hingabe. Aus dem Buch von Michael A. Singer


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© gstockstudio - Fotolia.com

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Mit seinem Buch "Die unbändige Seele" gelang es Michael A. Singer, wesentliche Dinge anschaulich auf den Punkt zu bringen. Für die Öffentlichkeit blieb der amerikanische Bestsellerautor ein unbeschriebenes Blatt. Nun erzählt er sein Leben und enthüllt dessen Geheimnis: totale Hingabe. Ein Buchauszug.

Bisher war es auf meinem Pfad zur inneren Freiheit immer allein um meine Meditationen gegangen. In der Meditation wurde ich von einem Gefühl tiefen Friedens und der Gelassenheit erfüllt. Und das funktionierte - bis zu einem bestimmten Grad. Ich konnte stundenlang sitzen und dabei diesen wunderbaren Fluss von Energie spüren, der mich emporhob. Aber ich vermochte nicht, zu dem durchzubrechen, wonach ich mich eigentlich sehnte. Ausserdem kehrte der persönliche Geist immer wieder zurück, sobald ich aufstand und aktiv wurde. Ich brauchte Hilfe, und diese Hilfe wurde mir eines Tages in einem Blitz des Erkennens zuteil. Mir wurde bewusst, dass ich die ganze Sache womöglich auf die falsche Weise angegangen war. Statt zu versuchen, mich durch die ständige Ruhigstellung des Geistes zu befreien, sollte ich mich vielleicht fragen, warum mein Geist so aktiv war. Was ist die Motivation hinter all dem Geschwätz? Wenn diese Motivation sich ausräumen ließe, dann wäre der ganze Kampf vorbei.
Diese Erkenntnis öffnete die Tür für eine völlig neue und aufregende Dimension meiner Übungen. Als ich mein Inneres erforschte, bemerkte ich zuerst einmal, dass der größte Teil meiner mentalen Aktivität sich um meine Vorlieben und Abneigungen drehte. Sobald mein Geist für oder gegen etwas voreingenommen war, redete er aktiv darüber. Ich vermochte zu sehen, dass es diese mentalen Vorlieben waren, die einen großen Teil des ständigen Dialogs darüber erzeugten, wie ich mein ganzes Leben kontrollieren könnte. In dem beherzten Versuch, mich von alldem zu befreien, beschloss ich, einfach damit aufzuhören, dem ganzen Geschwätz über meine persönlichen Vorlieben zuzuhören, und stattdessen mit der Praxis zu beginnen, all das, was der Fluss des Lebens mir präsentierte, willentlich anzunehmen. Vielleicht würde dieser Wechsel der Ausrichtung die Dinge in meinem Inneren beruhigen.
Ich begann diese Übung mit etwas sehr Einfachem, dem Wetter. Muss es denn wirklich so schwierig sein, es einfach regnen zu lassen, wenn es regnet, und die Sonne scheinen zu lassen, wenn es sonnig ist, ohne sich darüber zu beschweren? Anscheinend ist das dem Geist nicht möglich:
Warum muss es ausgerechnet heute regnen? Es regnet immer, wenn mir das nicht passt. Es hätte doch schliesslich schon die ganze Woche lang regnen können - das ist einfach nicht fair. Ich ersetzte all diesen sinnlosen Lärm durch den Gedanken: Sieh doch, wie schön - es regnet.

Bedingungslose Annahme
Diese Übungen des Annehmens erwiesen sich als sehr wirksam, und sie halfen mir durchaus, den Geist zu beruhigen. Also beschloss ich, die Sache noch weiter zu treiben und den Bereich der Ereignisse, die zu akzeptieren ich lernen würde, auszuweiten. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass ich mich entschied, meine Vorlieben loszulassen und dem Leben die Verantwortung zu übergeben, wenn es sich auf eine bestimmte Weise entfaltete und der einzige Grund, dass ich mich dagegen wehrte, in meinen persönlichen Vorlieben bestand.
Das war für mich noch völlig unbekanntes Terrain. Wohin würde mich das führen? Was würde mit mir geschehen, wenn ich mich nicht mehr von meinen Vorlieben leiten ließe? Ich fand diese Fragen nicht etwa beängstigend, sondern faszinierend. Ich wollte ja nicht das Kommando über mein Leben haben, ich wollte frei sein, um mich weit über mich selbst hinaus aufschwingen zu können. Ich begann, dies als ein großes Experiment zu betrachten. Was würde mit mir geschehen, wenn ich einfach meinen inneren Widerstand aufgeben und mich dem Fluss des Lebens überlassen würde? Die Regeln des Experiments waren ganz einfach: Wenn mir das Leben bestimmte Ereignisse bescherte, dann wollte ich so damit umgehen, als seien sie dazu da, mich über mich selbst hinaus zu führen. Und wenn mein persönliches Ich sich beschwerte, dann wollte ich jede Gelegenheit nutzen, es einfach loszulassen und mich dem zu ergeben, was das Leben mir präsentierte. Dies war die Geburt dessen, was ich später das "Experiment Hingabe" nannte, und ich war ganz und gar bereit herauszufinden, wohin mich das führen würde.
Sie mögen denken, dass nur ein Verrückter solch eine Entscheidung treffen kann. Aber ich hatte ja wahrlich bereits einige erstaunliche Dinge erlebt, die der Fluss des Lebens mir beschert hatte. Ich hatte unmittelbar erfahren, was geschah, als ich losließ und den unscheinbaren Hinweisen folgte, die mich in die Berge von Mexiko und dann zu den wunderbaren Erfahrungen mit den mexikanischen Dorfbewohnern führten. Als ich in die Staaten zurückgekehrt war, war ich zu meinem wundervollen Stück Land geführt worden, und denken Sie daran, was mit dem Haus geschah. Ich wollte einfach nur eine einfache Hütte bauen und das Ganze wurde zu einer unerwartet reichen Erfahrung. Mir war vollkommen klar, dass ich diese Dinge nicht getan hatte - sie waren mir geschehen. Ja, es war so, dass nichts davon hätte geschehen können, wenn ich nicht meinen anfänglichen mentalen Widerstand dagegen losgelassen hätte. Ich hatte den größten Teil meines bisherigen Lebens geglaubt zu wissen, was gut für mich war, aber das Leben schien es besser zu wissen. Ich wollte diese Vermutung, dass nichts zufällig geschah, nun bis zum Letzten austesten. Ich war bereit, mich hinzugeben und dem Fluss des Lebens die Kontrolle zu überlassen.

Das Leben übernimmt die Regie
Es mag so aussehen, als sei die Hingabe an den Fluss des Lebens ein sehr mutiger Schritt gewesen, aber in Wahrheit war ich den Herausforderungen des Lebens damals nur in geringem Maße ausgesetzt. Schließlich verbrachte ich den größten Teil meiner Tage allein in Stille auf meinem Stück Land. Es gab jedoch eine Ausnahme. Ich war noch offiziell an der Hochschule eingeschrieben, bis ich dort meine Zulassungsprüfung und meine Dissertation abgeschlossen hatte. Das bedeutete, dass mein Stipendium der Universität weiterlief und ich die Aufgabe hatte, pro Semester ein Seminar über Mikroökonomie oder Makroökonomie abzuhalten. Das einstündige Seminar fand gewöhnlich an drei Tagen in der Woche statt. Also machte ich morgens und mittags meine Yogaübungen und fuhr dann schnell in die Stadt, um an der Uni zu lehren. Danach fuhr ich sofort wieder zurück auf mein Land. Ich glaube kaum, dass ich damals für andere eine gute Gesellschaft war - ich war vollkommen unsozial. Wenn ein Schüler nicht gerade nach dem Seminar noch eine Frage hatte, tat ich mein Bestes, jedem Gespräch auszuweichen. Ich trug stets dieselbe Kleidung: Jeans und ein langärmliges Jeanshemd. Ich hatte mein langes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und trug entweder Sandalen oder war barfuss. Das war für die philosophische Fakultät vielleicht nichts ganz Außergewöhnliches, aber es ging dabei um einen Kurs für Erstsemester an einer Wirtschaftshochschule in den Südstaaten. Die Fakultät tolerierte mich nur, weil ich ein sehr beliebter Lehrer war und meine Studenten bei den Zwischenprüfungen sehr gut abschnitten.

Halbnackt im Hörsaal
Ich will nur eine bestimmte Vorlesung erwähnen, die wirklich extrem war. Ich hatte mich selbst vor die Aufgabe gestellt, herauszufinden, ob ich in die Stadt fahren, die Vorlesung halten, dann nach Hause zurückkehren könnte und während alledem meinen Geist die ganze Zeit möglichst still zu halten vermochte. Um das tun zu können, musste ich üben, während vieler Momente im Lauf des Tages in einem meditativen Zustand zu bleiben. Also übte ich Yoga im Freien, bevor ich abfuhr, und machte einige kontrollierte Atemübungen in meinem Auto, bevor ich zu dem Seminar ging. Ich hielt zudem vor allen Studenten zu Beginn der Vorlesung und danach inne, um meinen Geist zu beruhigen. An diesem speziellen Tag fuhr ich also in die Stadt, machte eine Atemübung und betrat den großen voll besetzten Hörsaal. Aus irgendeinem Grund begannen die Studenten, mich auszupfeifen, als ich den Hörsaal betrat. Ich brauchte einen Moment, um so weit auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, dass mir klar wurde, was los war: Als ich von meiner Yogamatte aufgestanden war, hatte ich zwar meine Jeans übergezogen, hatte jedoch vergessen, ein Hemd anzuziehen. Ich stand also barfuß und halbnackt vor den Studenten im Hörsaal. Mich störte das nicht, aber ich fragte die Studenten, ob wir das heutige Seminar ausfallen lassen sollten oder ob ich meine Vorlesung halten sollte. Die Reaktion war einstimmig, also hielt ich ungeachtet meiner Kleidung - oder des Mangels an Kleidung - meine Vorlesung über Makroökonomie.
So verging ein Monat nach dem anderen, während ich an meinem strikten meditativen Lebensstil festhielt. Ich hätte meine Zeit eigentlich für die Vorbereitung der Zulassungsprüfung zur Promotion verwenden sollen, aber natürlich schlug ich während der ganzen Zeit kein einziges Buch auf, und ich hatte auch nicht vor, das zu tun. Ich hatte mit diesem Teil meines Lebens abgeschlossen - so dachte ich zumindest.
Eines Tages nach dem Ende meiner Ökonomievorlesung traf ich Dr. Goffman in der Vorhalle, und er sagte mir, er wolle mich sprechen. Die Stimme in meinem Kopf meldete mir sofort, ich befände mich jetzt bestimmt in Schwierigkeiten. Schliesslich war er der Dekan der Fakultät, und zweifellos hatte er von dem hemdlosen Zwischenfall gehört. Aber wie gewöhnlich hatte die Stimme nicht recht.
Dr. Goffman berichtete mir, er habe einen Anruf vom Büro des Gouverneurs in Tallahassee erhalten. Offenbar hatte man an höherer Stelle beschlossen, in Gainesville eines der führenden Community Colleges von Florida aufzubauen. Dazu suchte man eine fähige Führungspersönlichkeit, die nicht nur für den Bereich der Ausbildung, sondern auch für das Fundraising und die Verwaltung der Finanzen verantwortlich sein sollte. Mit Rücksicht darauf hatte die Kommission einen der führenden Bankiers des Bundesstaates zum Präsidenten des neuen erweiterten Santa Fe Community College erkoren. Während mir Dr. Goffman all dies erklärte, fragte mein Geist die ganze Zeit: Warum erzählt er mir das? Was hat das mit mir zu tun? Ich will zurück auf mein Land.
Ich erhielt bald die Antwort. Offenbar verlangte das Gesetz von Florida, der Präsident eines Community College müsse einen Doktortitel tragen. Alan Robertson, der Bankier, den die Kommission für das Amt vorgesehen hatte, besass jedoch keinen Dr. phil. Was hatte man also beschlossen? Ein hervorragender Doktorand, der einen ähnlichen akademischen Hintergrund besaß wie Alan Robertson selbst, sollte ihn dabei unterstützen, zu promovieren. Und erstaunlicherweise war ich der Doktorand, den sie dafür im Auge hatten.
Die Stimme in meinem Kopf begann zu toben. Ich beobachtete, wie sie in meinem Inneren aufschrie: Nein! Das kann ich nicht. Ich habe das alles hinter mir gelassen. Ich muss meine Zeit meinen Übungen widmen. Ich werde auf keinen Fall wieder all meine alten Ökonomielehrbücher hervorkramen - damit habe ich nichts mehr am Hut. Mitten in all dem Protestgeheul erinnerte ich mich an die unlängst gefällte Entscheidung, mich dem zu ergeben, was das Leben mir präsentierte. Die Stimme, die ich beobachtete, war nicht mein spiritueller Ratgeber; sie war eine Bürde für meine Spiritualität. Dies war die perfekte Gelegenheit, den Sitz hinter dem Steuer freizumachen.
Während mir all das durch den Kopf ging, wartete Dr. Goffman auf meine Antwort. Doch die Worte der Zustimmung wollten mir nicht über die Lippen kommen. Schließlich hörte ich mich selbst laut sagen: "Ja, es wäre mir eine Freude, hier einzuspringen. Ich werde ihn unterrichten."
Damit war der Würfel gefallen. Nun hatte das grosse Experiment Hingabe wirklich begonnen.
Ich führte nicht mehr die Regie in meinem Leben.

Buchtipp:
Michael A. Singer:
Das Experiment Hingabe - Mein Weg in die Vollkommenheit des Lebens.
315 S. Ganzpappband, Edition Spuren, Winterthur 2016


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