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Ausgabe Mai/Juni 2017
Magie der Mantren. von Ali Schmidt und Michaele Hustedt


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© Elena Ray - Fotolia.com

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Vom unbedingten Klang …
Uralte Menschheitslehren und moderne Physik stimmen überein in dem Wissen, dass du und ich, alle Lebewesen, alles, was existiert, in seinem Wesenskern aus pulsierender Energie besteht. Die Festigkeit der Materie ist eine Illusion. Materie ist in Wahrheit langsam schwingende, "gefrorene" Energie.
Jahrhunderte lang haben Mystiker verschiedener Traditionen von der Erfahrung dieser Energie berichtet, die sich achtsamen Hörern als summende Schwingung in und um jedes Ding zeigen soll.
In der Sanskrit-Tradition wird dieser Klang Anahata Nada genannt, der "nicht angeschlagene Ton". Wörtlich übersetzt bedeutet Anahata Nada "der Klang, der nicht daraus entsteht, dass zwei Dinge aneinander angeschlagen werden". Der wesentliche Unterschied zu gewöhnlichen Klängen besteht darin, dass diese aus dem Zusammentreffen mindestens zweier Elemente entstehen: Bogen und Saite, Trommel und Hand, Stimmband und Stimmband, Lippen und Mundstück, Welle und Küste, Wind und Blätter usw. Alle Klänge innerhalb unseres Hörbereichs sind verursacht durch sichtbare oder unsichtbare Dinge, die zusammentreffen, schlagen oder schwingen und so Wellen von Luftmolekülen erzeugen, die unsere Ohren und unser Gehirn als Klang oder Ton hören.
Der unbedingte Klang, der nicht durch zwei zusammentreffende Dinge entsteht, ist der primäre Klang der Energie selbst, der Sound des Universums. Man kann diese Klänge vergleichen mit dem Summen eines elektrischen Transformators oder dem für unsere Ohren unhörbaren Summen der Atome und Moleküle.

… zum Om
Die vedische Überlieferung sagt nun, dass die Silbe Om - eigentlich Aum - derjenige hörbare Klang ist, der dem unbedingten Klang, dem Anahata Nada, am ehesten entspricht. Die Überlieferung sagt auch, dass sich dieses alte Ur-Mantra aus vier Elementen zusammensetzt: Die ersten drei sind Klänge der Stimme: A, U und M; der vierte Sound - unhörbar - ist das Schweigen, das dem hörbaren Klang folgt und vorausgeht, das Schweigen, das ihn umgibt.
In der vedischen Sanskrit-Überlieferung, genauer gesagt, in der Manduka Upa-nishade, die die vier Elemente des AUM als Gleichnis für die Ebenen des Bewusstseins erklärt, findet sich eine traditionelle allegorische Interpretation des Om. A - ausgesprochen als offenes "ah" wie in "Vater" - erklingt in der Mitte des Mundes. Es repräsentiert normales Wachbewusstsein, in dem Subjekt und Objekt als getrennte materielle Wesenheiten existieren. Dies ist die Ebene des Mechanischen, der Wissenschaft, des logischen Verstands, die Ebene der unteren drei Chakren. Die Materie existiert auf einer grobstofflichen Ebene, ist relativ stabil und nur langsam veränderbar.
Der Klang U - ausgesprochen wir in "du" - verlagert die Empfindung der Schwingung in den hinteren Teil des Mundes und hebt uns nach der Bedeutung dieser Interpretation auf die Ebene des Traumbewusstseins. Hier sind Subjekt und Objekt in wacher Aufmerksamkeit ineinander verflochten. Beide sind in uns enthalten. Die Materie wird feiner, subtiler, fließender und schneller wandelbar. Dies ist das Reich des Träume, der Gottheiten und der Vorstellungen, die innere Welt.
M ist das dritte Element, ein Summen mit sanft geschlossen Lippen. Dieser Sound klingt vorne im Mund und surrt durch den ganzen Kopf. Das lässt sich leicht ausprobieren. Dieser Klang repräsentiert den Bereich des tiefen, traumlosen Schlafes. Hier gibt es weder ein beobachtendes Subjekt noch ein beobachtetes Objekt. Alle sind eins und nichts. Nur reines Bewusstsein existiert, unsichtbar, ursprünglich, verborgen. Dies entspricht der kosmischen Nacht, dem Zwischenraum zwischen den Zyklen der Schöpfung, dem Leib der göttlichen Mutter.
Der vierte Klang des AUM, der ursprüngliche, unbedingte Sound im Schweigen steht am Ende (und am Anfang) der heiligen Silbe Om. Schweigen lässt sich nur verstehen im Verhältnis zum Klang. Am besten hören wir dieses Schweigen, wenn wir einem Klang lauschen, ohne ihn zu interpretieren oder zu beurteilen. Nur hören, in voller Aufmerksamkeit, offen, ohne Konzept und ohne Erwartungen: dem Klang von Musik, dem Sound der Stadt, dem Tönen des Windes im Wald. Alles kann uns die Gelegenheit eröffnen zum Weg des Klanges, in das Gewahrwerden des Klanges hinter dem Klang, des Sounds hinter dem Sound.
Wenn du wirklich diesem schweigenden Klang lauschst, dieser unbedingten Schwingung, gelangst du zur Stille, zur reinen und offenen Existenz. Der Dichter Gerhart Hauptmann sagt: Das Ziel aller Dichtung ist es, "das Wort hinter den Worten ertönen zu lassen". Während wir den Klang AUM ertönen lassen, hören wir diesen unbedingten Klang am deutlichsten in dem Moment, wenn die letzten summenden Schwingungen des M verklingen. In diesem Augenblick ist der Schleier zwischen dem hörbaren Klang und dem Schweigen am dünnsten und unser Gewahrsein im Hören am größten. In diesem Augenblick sind, um mit William Blakes Worten zu sprechen, die "Pforten der Wahrnehmung" gereinigt "und alles kann dem Menschen erscheinen, wie es ist, unendlich" - der Sound hinter dem Sound.

Eine andere, modernere Interpretation des Om…
…lässt sich am besten mit einer einfachen Übung erfahren:
A ist demnach der Klang grenzenloser, ins Universum expandierender Energie, der Energie von Einheit und göttlicher Liebe. U ist der Klang der Energie, die sich in unserer wachenden Wirklichkeit zeigt und materialisiert. Mit dem Klang M nehmen wir die Energien auf und integrieren sie in unser Sein. Im Schweigen danach danken wir und erlauben dem Prozess, in uns nachzuklingen.

Um es auszuprobieren:
Stehe bequem, Füße schulterbreit, Hände und Arme hängen locker seitlich herab. Bereite dich darauf vor, AUM zu tönen, alle drei Laute in einem gemeinsamen Atemzug. Atme sanft ein, dein Bauch dehnt sich leicht. Öffne deine Mund weit, wenn du einatmest, als würdest du das A selbst einatmen, um die Intention des Klanges zu bilden, ehe er beginnt.
Dann beginnst du mit dem Laut A, breite deine Arme zur Seite aus, als würdest du sie öffnen, um die ganze Welt zu umarmen.
Dann, während deine Stimme nahtlos in den Laut U übergeht, strecke deine Arme nach vorn, als hieltest du etwas Wertvolles und Machtvolles in deinen Händen. Du kannst dir dabei eine Form zwischen deinen Handflächen vorstellen, rund und energetisch.
Dann, während du zum M gleitest, bringe deine Hände und was immer sie halten, zur Mitte deines Herzens.
Zuletzt, im Echo des Schweigens, lege deine Handflächen auf deine Brust und drücke sie liebevoll auf dein Herz. Atme sanft.

Finde deinen eigenen Weg
Das Wichtigste bei dieser zweiten Interpretation des Om ist die Kombination von Klang und Bewegung. Es spielt im Grunde keine Rolle, welche Bilder du in deinem Geist während dieser Übung entstehen lässt oder welche spezifische Bedeutung du den einzelnen Lauten zuschreibst. Die bloße Tatsache, dass du diesen uralten Sound intonierst und kombinierst mit sanften, intuitiven Bewegungen, wird eine auf natürliche Weise freundliche und balancierende Wirkung haben - auf deinen Körper, deine Seele, deine Emotionen und deinen Geist.
In diesem Zustand können wir Anahate Nada, den nicht bedingten Klang hinter allen Klängen am besten hören, den wirklichen Sound des Selbst.

Klang erschafft Wirklichkeit
Klang ist Schwingung. Aus der Schwingung entstehen die Erscheinungen in Zeit und Raum. Aber auch schon mit unserem Denken, Sprechen und Singen erschaf-fen wir Wirklichkeiten. Jeder Gedanke, jedes Wort hat eine Wirkung, die verstärkt wird, wenn es laut ausgesprochen wird, gesungen, getanzt, wiederholt. So heißt es im Alten Testament:

"Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht." (Buch Genesis) und im Neuen Testament "Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort - alles ist durch dieses geworden" (Johannes-Evangelium).

Nach der alten indischen Lehre war das noch ungeformte Universum in einem Tropfen (bindu) geborgen. Diesen Ursprung symbolisiert ein Punkt. Aus ihm erklingt das Om, der Urton der Schöpfung, und erschafft die Welt: Der Klang geht also der Form voraus.
Nach den vedischen Schriften war es die weibliche, schöpferische Kraft (Shakti), durch die aus dem bewegungslosen Einen (Brahman) der Klang hinausströmte. Das Mantra wird daher auch der göttlichen Mutter zugeordnet. Wort und Klang sind nach östlicher Weisheitstradition weiblicher Natur (im Gegensatz zu griechischen Logos = Wort). Mantren zu singen ehrt also immer auch das weibliche Prinzip.

"Alles was lebt, ist ihr Lied. Alles was stirbt, ist ihr Lied. Auch der Wind, der da weht, ist ein Erdenlied und die Erde wird alle ihre Lieder singen." (Lied der Erde, Sioux)

Die Magie des Sanskrit
Die alten Sanskrit-Mantren wie etwa "Om mani padme hum" zu rezitieren oder zu singen aktiviert in uns Schwingungen, die uns den inneren Zugang ermöglichen zu dem Gesagten bzw. Gesungenen, übrigens auch dann, wenn wir die Bedeu-tung der einzelnen Sanskrit-Silben gar nicht so genau kennen - in diesem Fall lässt sich die Bedeutung des Mantras etwa so erspüren: "Das Göttliche lebt in der Mitte meines Herzens wie ein Juwel in einer Lotosblüte". Jeder Sanskrit-Laut hat eine wahrnehmbare geistige Entsprechung auf der feinstofflichen oder spirituel-len Ebene. Das Lautbild einer Sanskrit-Silbe benennt nicht nur, es schafft auch die spirituelle Entsprechung. Man könnte auch sagen: Das Mantra ermöglicht uns die "Rückkopplung" zwischen unserer Stimme und der Welt, direkt und unmittel-bar, verbunden und körperlich übertragen durch unsere Atmung. Auch Namen sind gleichsam Energiebotschaften, die mit dem Träger oder der Trägerin des Namens etwas bewirken können; daher auch die Wirkung spiritueller Namen.
In unseren Sing-Workshops und in unserem MantraChor dürfen wir es seit Jahren immer wieder erfahren: Das Singen von Mantren aus dem Herzen heraus ist weit mehr als Gesang: Es schafft die von Klang und Wesenheit, es verbindet uns mit-einander, mit uns selbst und mit der Welt auf magische Weise: "Wer das Ge-heimnis der Töne kennt, der kennt das Mysterium des gesamten Kosmos." (Hazrat Inayat Khan, indischer Sufimeister im 19./20. Jh.)


Ali Schmidt (Gitarre) und Michaele Hustedt (Traversflöte) leiten den MantraChor Berlin und organisieren die Spirituelle Liedernacht Berlin. Ali ist Autor der Mantra-Songbücher "Sacred Songs" Band 1 bis 3 sowie 3 CDs.


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