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Ausgabe Mai/Juni 2017
Die geheime Kraft der Musik
von Sebastian Sylla



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© christine krahl - Fotolia.com

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Was, wenn Musik einen weitaus größeren, weitaus magischeren Einfluss auf uns ausübt, als bisher angenommen? Wenn sie weitaus mehr ist als lediglich Geschmackssache und unser gesellschaftliches Weltbild nicht nur prägt, sondern sogar hervorbringt?
Sitzen Sie gut oder lesen Sie diesen Artikel gerade im Stehen, vielleicht beim Warten an der Kasse? Dann halten Sie sich mal gut fest, denn hier soll nun eine These vorgestellt werden, die den einen oder anderen unter Umständen ins Wanken bringt. Es geht um Musik und ihre geheime Macht.
Stellen wir zunächst folgende Beobachtung an: Eine der vorherrschenden Musikrichtungen in den USA war in den letzten 10 bis 20 Jahren Hip Hop, ein Stil, der sich vor allem durch einen wütenden, polternden und nur allzu oft auch diskriminierenden Tonfall auszeichnet und aus musikalischer Sicht zu wenig Feingefühl oder Subtilität neigt. Nehmen wir diese Beschreibung möglichst objektiv zur Kenntnis, ohne in eine subjektive Diskussion über musikalische Vorlieben zu verfallen, denn die unsichtbaren Kräfte, um die es hier gehen sollen, wirken jenseits individueller Musikgeschmäcker. Und, was noch wichtiger ist: jenseits einer Bewertung von gut oder schlecht.
Und nun betrachten wir folgende gesellschaftliche Erscheinung in den USA: Der neue US-Präsident präsentierte sich der Öffentlichkeit meist als wütende, polternde und nur allzu oft auch diskriminierende Person, die offenbar zu wenig Feingefühl neigt.
Ob es da einen Zusammenhang gibt, zwischen Hip Hop und dem Erfolg Donald Trumps? Sie ziehen zweifelnd die Stirn in Falten? Ein gewisser Kaiser Schun aus dem alten China hätte sofort bejaht. Er (und viele andere Kaiser Chinas) regierten ihr Land nämlich vor allem aus "musikalischer Sicht".

Musik im alten China
Damals galt Musik als die höchste aller Wissenschaften und das Amt des Musikministers war das bedeutendste von allen. Ihm oblag es, darauf zu achten, dass alle Musik im Einklang mit dem sogenannten kosmischen Ton gespielt wurde. Die alten Chinesen glaubten, dass sich in der Musik die Elemente der himmlischen Ordnung manifestierten, die die gesamte Schöpfung regierten, ja, dass die gesamte Schöpfung lediglich eine Manifestation des Urklangs und seiner zwölf untergeordneten Urtöne sei. Die irdische Ordnung hing demnach unmittelbar davon ab, inwieweit der Mensch sich in Harmonie zu den kosmischen Tönen befand. Daher beurteilte Kaiser Schun den Zustand seiner Länder nicht anhand irgendwelcher Wirtschaftsberichte, sondern anhand der Musik, die in den jeweiligen Provinzen vorherrschte.
Den alten Chinesen zufolge hing der Zustand der Welt, eines Landes, einer Gesellschaft, eines Individuums unmittelbar von der Musik als irdischem Ausdruck göttlichen Klangs ab - in dem Maße, wie sich eine Kultur dieser universellen Zusammenhänge in Bezug auf Klang und Schwingung bewusst war. Musik war also weitaus mehr als nur Geschmackssache. Man war überzeugt davon: Musik übt Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes aus und prägt deren Erscheinungsbild, nachdem sie Verbreitung fand. Da Musikschwingungen nicht am Ohr des Hörers enden, sondern sich, unabhängig davon, ob Musik bewusst gehört wird oder nicht, über Mauern und Grenzen hinweg wellengleich ausdehnen, so verbreiten sich auch die Informationen oder Energien, die in der Musik enthalten sind und wirken nicht nur auf den Körper, den Geist und die Seele eines Individuums, sondern auf jene eines ganzen Volkes ein. Daher unterhielten die chinesischen Dynastien auch mehrere tausendköpfige Orchester, die weniger zur Unterhaltung, als zum Aufbau eines harmonischen, dem Land förderlichen Schwingungsfeldes dienten.
Übrigens waren die alten Chinesen bei weitem nicht die einzigen, die der Musik solch eine machtvolle Stellung einräumten: Auch in Indien, im alten Ägypten, im antiken Griechenland, sogar in der christlichen Lehre finden sich ähnliche bis identische Überzeugungen (im indischen Om findet sich der Urklang wider, das verwandte Amen entstammt der ägyptischen Kultur, das Wort in der Bibel geht der Schöpfung voraus).


Die europäische Musikgeschichte aus esoterischer Sicht
Doch wir müssen gar nicht so weit zurückgehen. Denn auch unsere abendländische Musikgeschichte bietet genügend Beispiele für den geheimen Einfluss, den Musik auf die menschliche Zivilisation ausübt. Der Komponist, Autor und Weisheitslehrer Cyril Scott (1879-1970) legte diese als einer der ersten in seinem Buch "Musik - ihr geheimer Einfluss durch die Jahrhunderte" dar: So diente Händels Musik zum Beispiel dem Wiederherstellen eines Frömmigkeitsgefühls, welches in England die damals überhandnehmende Sittenlosigkeit bändigte. Die äußerst kunstvolle Verwendung von Polyphonie (Mehrstimmigkeit) in Bachs Musik wirkte besonders auf die Mentalebene der Menschen ein. Die Zeit der großen Dichter und Denker Deutschlands ging unmittelbar danach hervor. Beethovens leidenschaftliche Musik hingegen rief in den Menschen ihre Fähigkeit zum Mitempfinden wach, wodurch in der Folge die ersten Wohltätigkeitsvereine entstanden. Zusammen mit Mendelssohns Musik legte sie den Grundstein für die Psychoanalyse. Schumann sprach die kindliche Seite des Menschen an. Der Einfluss seiner Musik rückte das Kind als eigenständiges menschliches Wesen ins Bewusstsein. Chopin regte die Emanzipation an, Wagner die Esoterik, Debussy ein ökologisches Bewusstsein.


Nicht gute oder schlechte, sondern dienliche Musik
Doch man muss noch einen Schritt weiter gehen, bevor man Gefahr läuft, aus dieser Erkenntnis heraus Musik in gut und schlecht einzuteilen. Im Übermaß hat alles auch seine Schattenseiten: zu viel Frömmigkeit wird zu Dogmatismus, zu viel Geistigkeit zu Intellektualität, zu viel Mitempfinden zu Mitleid. Die missbräuchliche Verwendung von Wagners Musik zum Beispiel führte zu einem nationalen, statt zu einem globalen Einheitsgefühl. Oder: Dissonante (misstönende) Musik dient dazu, rigide, festgefahrene Formen zu zerstören, um Platz für Neues zu machen, welches wiederum aus konsonanter, melodiöser Musik entsteht. Wird stattdessen weiterhin die Dissonanz geheiligt, wie häufig in der modernen Musik, setzt sich die Zerstörung auf eigentlich gesunden Ebenen fort.
Schenkt man nun dieser Philosophie - die sich am ehesten in dem Grundgedanken "Wie in der Musik, so im Leben" zusammenfassen lässt - Glauben, so müssten wir uns die Frage stellen, welche Musik in welchem Maße und zu welchem Zeitpunkt einer Gesellschaft, die von Nächstenliebe, Toleranz, Frieden und Fairness geprägt sein soll, am dienlichsten sei. Eine Diskussion wäre es jedenfalls wert. Da Mozarts Musik die Empfindsamkeit und das Feingefühl stärkt…
Wollen Sie, lieber Leser, den Satz vollenden?

Der Autor Sebastian Sylla ist Musiker - und begeisterter KGS Berlin-Leser. Zuletzt erschien sein Album "Eine neue Erde" unter seinem Künstlernamen Ajugafan.


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