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Ausgabe Januar/Februar 2017
Yin Yoga - entspannen, entschleunigen, loslassen - von Susanne Hardt


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Yin Yoga ist eine stille Yogapraxis. Die meisten Positionen werden liegend oder sitzend, passiv, ohne Muskelaktivität über einen längeren Zeitraum gehalten (3-5 Minuten). Dadurch wirkt Yin Yoga auf die tieferen Schichten unseres Körpers, auf unsere Faszien oder das Bindegewebe. Die Faszien durchdringen den ganzen Körper als ein umhüllendes, stützendes und verbindendes Netzwerk. Sind sie durch Inaktivität oder Verletzungen verdickt oder verklebt, können sie unter Umständen starke Schmerzen verursachen. Durch das lange Verweilen in den Positionen im Yin Yoga können unsere Faszien mit der Zeit kräftiger und geschmeidiger werden, Schmerzen können weniger werden oder verschwinden.Im Yin Yoga arbeiten wir mit unserem gesamten Sein: unserem Körper, unserem Herzen, unserem Geist und unserer Seele. Ebenso bedeutsam wie die körperlichen Effekte des Yin Yoga sind daher auch dessen mentale, energetische und spirituelle Aspekte. Yin Yoga ist eine ruhige, meditative Form des Yoga. Während wir über einen längeren Zeitraum in den Positionen verweilen und „nichts tun“, lassen wir den Atem tief und frei fließen. Oberflächlich betrachtet passiert dabei nicht viel. Aber Yin Yoga wirkt in der Tiefe und kann eine sehr kraftvolle, transformierende Praxis sein.
Durch das lange passive Halten der Stellungen sinken wir langsam Stück für Stück tiefer in die Positionen. Dadurch werden Muskeln und Faszien flexibler, körperliche Verspannungen werden gelindert oder gelöst und der Fluss unserer Lebensenergie (Chi oder Prana) wird harmonisiert. Durch die achtsame Hinwendung zum Atem und zu den Empfindungen in unserem Körper aktiviert und reinigt Yin Yoga auf energetischer Ebene unsere Energiekanäle (Meridiane oder Nadis). Unsere Organe werden durch Akupressur genährt, indem die Meridianverläufe über einen längeren Zeitraum komprimiert werden.
„Nichts zu tun“ kann gerade in unserer schnelllebigen Zeit sehr ungewohnt und unter Umständen herausfordernd sein, weil wir uns dadurch unseres unruhigen



Geistes nur allzu bewusst werden. Wir fangen vielleicht an nervös zu werden, uns zu langweilen oder verfolgen müßig unsere Gedanken. Es können während einer tiefen Yin Yoga Praxis unter Umständen auch im Körper gespeicherte Gefühle an die Oberfläche kommen. Laut Traditionell Chinesischer Medizin ist jedes Organ das Zuhause bestimmter Emotionen. Hüftöffnende Positionen können zum Beispiel Gefühle der Frustration und des Ärgers hervorrufen, weil diese Positionen die Gallenblasen- und Lebermeridiane ansprechen. Vielleicht entdecken wir aber auch unser Mitgefühl (uns selbst gegenüber), da dieses ebenfalls in der Leber „wohnt“.
Es kann sich jedenfalls lohnen, das „Nichtstun“, das Auftauchen von unter Umständen herausfordernden Gefühlen und Gedanken auszuhalten und sich anzuschauen, was hinter der Langeweile, der Unruhe oder dem Ärger eigentlich stecken mag. Hier ist es zuerst einmal wichtig, einfach nur achtsam anzunehmen, was gerade auftaucht und sich dann behutsam anzusehen, wie unsere gewohnheitsmäßigen Reaktionen auf eventuell schwierige Situationen beim Yoga und im Alltagsleben eigentlich aussehen. Da die Reize beim langen Halten der Positionen stark werden können, können wir vielleicht unsere Gewohnheit beobachten wegzulaufen. Dies muss nicht unbedingt physisch stattfinden. Wir können auch aus der Situation gehen, indem wir unsere Achtsamkeit verlieren und das „Kopfkino“ in Gang kommt. Alternativ haben wir vielleicht die Neigung, schwierige Situationen verändern zu wollen. Dies kann sich darin äußern, die Yogaposition leicht zu verändern anstatt in der Stille zu verweilen. Oder wir bleiben still in der Position und bemitleiden uns selbst. Vielleicht gelingt es uns aber auch achtsam zu betrachten, was gerade passiert und es erstmal zu akzeptieren, um dann eventuell bewusst zu entscheiden, die Situation zu belassen oder zu verändern.
Im Yin Yoga haben wir Zeit, unseren Körper und Geist zu erkunden und zu erspüren. Wir schulen unsere Achtsamkeit, unsere Konzentration und lernen das „Hier und Jetzt“ bewusster zu erleben anstatt uns gedanklich in der Vergangenheit oder der Zukunft aufzuhalten. Die Yin Yoga Praxis aktiviert unser parasympathisches Nervensystem und wir können im Augenblick bei uns selbst in der Stille ankommen. Alleine die Tatsache im Yin Yoga nichts leisten, keine Erwartungen erfüllen zu müssen, von einem Zustand des Tuns zu einem Seinszustand zu gelangen, kann sehr heilsam sein. Wir können sowohl körperliche als auch geistige Spannungen loslassen, zur Ruhe kommen, akzeptieren, was gerade im gegenwärtigen Moment geschieht, ohne nach der perfekten Position zu streben, ohne uns zu wünschen, ein anderer (besserer) Mensch zu sein, einen anderen (besseren) Körper zu haben. Wie Thich Nhat Hanh sagte: „Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit. Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es.“
Wir nehmen uns, unsere Gewohnheiten und Reaktionsmuster vom Alltagsleben mit auf unsere Yogamatte und von der Yogamatte wieder zurück mit ins Leben. Wir praktizieren im Yin Yoga Achtsamkeit, wir üben, mit einer unter Umständen schwierigen körperlichen Position umzugehen und diese zu meistern. Diese Achtsamkeit und Fähigkeit können wir dann auf unseren Alltag übertragen und lernen, in schwierigen Situationen bewusste Entscheidungen zu treffen, die für uns und für unsere Mitgeschöpfe förderlich sind. Wir lernen innezuhalten und zu reflektieren anstatt sofort gewohnheitsmäßig zu reagieren. Wir lernen vielleicht sogar, die Ruhe zu bewahren, wenn das Leben mal wieder um uns herum stürmt.




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