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Ausgabe November/Dezember 2016
Der Wert der Stille. Von Francesco Oliviero


Schließen wir die Augen und fragen uns: »Was wird mein nächster Gedanke sein?« Bleiben wir wachsam und aufmerksam und warten auf den nächsten Gedanken. Es mag sein, dass wir eine gewisse Zeit warten müssen, bis der nächste Gedanke uns erreicht. Das bestätigt, dass wir, solange wir uns in einem Zustand intensiver Gegenwärtigkeit befinden, sehr wachsam sind. Wenn aber unsere bewusste Aufmerksamkeit unter ein bestimmtes Niveau fällt, macht sich das Denken breit, und der geistige Lärm kehrt zurück – wir sind in die Zeit zurückgekehrt.
Um mit unserem gesamten Inneren im Alltag gegenwärtig zu sein, müssen wir tief in uns selbst verwurzelt sein, unseren Körper vollständig bewohnen und ihn von innen heraus fühlen.
Andererseits wird uns unser Verstand mit seiner unglaublichen Kraft wie ein reißender Fluss wegspülen.
Die Zen-Meister verwenden den Begriff »Satori«, um einen Blitz der Erkenntnis zu beschreiben – das ist ein Moment der Geistesabwesenheit und gleichzeitig der vollkommenen Gegenwärtigkeit.
Nur so kann man sich der Schönheit und der Heiligkeit der Natur bewusst werden, wie der Unendlichkeit einer sternklaren Nacht oder des Klangs eines Gebirgsbachs im Wald. Um sich solcher Dinge bewusst zu werden, muss der Geist ruhen, muss ohne die Bürde der persönlichen Probleme der Vergangenheit oder der Zukunft sein. Andernfalls schauen wir, aber sehen nicht, hören wir zu, aber hören nicht.

Der Verstand kann weder Schönheit erkennen noch erzeugen.

Viele Menschen sind so sehr in ihrem Verstand eingesperrt, dass die Schönheit der Natur für sie nicht existiert. Sie geben den Naturelementen nur automatische, geistige Etiketten.
Wenn sie etwa eine Blume anschauen, nehmen sie weder deren eigenes Wesen noch deren eigene Heiligkeit wahr. Je größer der zeitliche Abstand zwischen der Wahrnehmung der Schönheit und dem reinen gegenwärtigen Bewusstsein ist, umso größer ist die Tiefe in uns Menschen.
Wenn wir uns des Seins bewusst werden, werden wir uns unser selbst in der Gegenwärtigkeit bewusst.

Gegenwärtigkeit bedeutet Leben, das Selbstbewusstsein erreicht.

All das, was existiert, hat ein Sein, ein göttliches Wesen, ein Bewusstsein. Auch ein Stein hat ein rudimentäres Bewusstsein. Anders würde er nicht existieren, und seine Atome und Moleküle würden sich zerstreuen. Die Sonne, die Erde, die Pflanzen, die Tiere, die Menschen – alles ist Ausdruck von Bewusstsein, das eine Gestalt erhält. Die Welt ist das Bewusstsein, das Figuren und gedankliche und materielle Formen hervorbringt. Jede Lebensform wird millionenfach repliziert, und viele dieser Lebensformen leben nicht länger als einige Minuten nach ihrer Geburt.
Auch der menschliche Körper wandelt sich unermüdlich, bis er zu Staub wird. Das erscheint tragisch und grausam, wenn wir jede Lebensform als eine separate Identität sehen und vergessen, dass das Bewusstsein ein göttliches Wesen ist, das sich in Formen ausdrückt.
Der Mensch erlebt sich als separate Gestalt und fürchtet entsprechend die Vernichtung der eigenen körperlichen und psychischen Existenz. Wenn in unserem Aquarium ein Fisch geboren wird, den wir mögen und der einige Minuten später von einem anderen Fisch gefressen wird, dann wird das von unserem rationalen Verstand als tragisch beurteilt – weil wir nur den Bruchteil eines dynamischen Prozesses erfassen.

Den eigenen Verstand zu beobachten, heißt, ein persönliches Konzept zu gestalten, das eine kosmische Bedeutung hat.

Fast alle Menschen befinden sich jedoch fest im Griff eines Bewusstseinsmodus, der auf das Ich konzen-triert ist: Ihr Verstand verwickelt sich in immer größere Verwirrungen, Konflikte und Erfahrungen von Gewalt, Krankheit, Verzweiflung und Wahnsinn.
Es gibt eine Atempause von der Tätigkeit des Verstandes, die unterhalb des Denkens liegt – nachts im Traum. Aber auch durch Sex, Alkohol, Zigaretten und andere Drogen kann die Vorherrschaft des aktiven Geistes reduziert werden. Wenn Menschen ihren Geist nicht durch diese Drogen ruhigstellen könnten, dann wäre der Wahnsinn des menschlichen Geistes nur noch offensichtlicher, als er es ohnehin schon ist.

Die Stille ist ein starker Träger der Gegenwart.

Wenn man etwas liest oder sich etwas Interessantes anhört, sollte man sich der Stille zwischen und hinter den Worten und Pausen bewusst werden. Der Stille zuzuhören, ist eine einfache Art, um präsent zu sein. Sie wird Ruhe in uns erzeugen – die Gegenwärtigkeit, das vom Denken befreite Bewusstsein.
Jesus Christus lebte vor zweitausend Jahren und übertrug die göttliche Gegenwärtigkeit – seine wahre Natur – unmittelbar an seine Umgebung. Er hat die von der Zeit dominierte Dimension verlassen und ist in das Reich der Zeitlosigkeit eingetreten.
Dazu heißt es in der Bibel: »Ich bin der, der ich bin.« Das ist reine Gegenwärtigkeit.
Wenn wir uns von einem erleuchteten Meister angezogen fühlen, befindet sich in uns ausreichend Präsenz, sodass wir die Präsenz eines anderen erkennen können. Die Dunkelheit kann das Licht nicht erkennen, nur das Licht kann das Licht erkennen.
Um die Präsenz zu leben, kann es hilfreich sein, sich mit anderen in einer Gruppe zusammenzuschließen. Wer sich in einem Zustand der Gegenwärtigkeit mit anderen vereint, erzeugt ein kollektives Energiefeld von großer Intensität, erhöht den Grad an Präsenz und hilft, das menschliche, kollektive Bewusstsein vom Verstand zu befreien.
Der Verstand versucht immer, das Sein zu definieren, es in eine Schachtel zu stecken und es mit einem Etikett zu versehen. Aber das Sein ist kein Gegenstand mit Etikett. Im Sein verschmelzen Objekt und Mensch miteinander zu einem Ganzen.
Das Sein befindet sich jenseits von Name und Form. Das Sein ist frei von der Illusion, dass wir nur unser physischer Körper und unser Geist seien. Es ist frei von der Angst, die unser ständiger Folterknecht und die unvermeidliche Folge dieser Illusion ist. Es ist frei von Sünde, frei von Wahnsinn und Leid, das wir unbewusst uns selbst und anderen zufügen.


Wenn du wissen willst, an was du dich von Gott erinnerst,
schau in deinen Verstand.
Wenn du wissen willst, was du von Gott fühlst,
schau in deinen Körper.
Wenn du wissen willst, was du von Gott weißt,
schau in deine Seele.


Aus: Oliviero, Krankheit als heilende Kraft, S. 218-219, mit freundlicher Erlaubnis des Scorpio Verlages

Der Autor Dr. Francesco Oliviero ist Facharzt für Psychatrie und beschäftigt sich seit langem mit einer personenzentrierten Medizin. Er begründete das Centro Omega in Palermo und die EPI-Medizin.

Buchtipp:
Francesco Oliviero, Krankheit als heilende Kraft, Ein psycho-spiritueller Heilungswegvom Begründer der EPI-Medizin 272 S., Hardcover mit UmschlagScorpio Verlag 2016


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