aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe September/Oktober 2016
Der Weg des Mitgefühls. Wo ich aufhöre und du anfängst. Von Ethan Nichtern


Ich habe eine kleine Theorie über die Erleuchtung. Wenn Sie ganz alleine in einem alternativen Universum leben würden (Bevölkerung: Sie), dann könnten Sie sehr schnell erleuchtet werden, wenn Sie es sich zum Ziel setzen. Ihr Leben würde sich radikal vereinfachen. Es gäbe keine Grenzstreitigkeiten, keine Rosenkriege, keine Rachedramen mit Clint Eastwood. Facebook wäre extrem langweilig, da man null Freunde hätte. Voyeurismus wäre tot. Es wäre ein sauberes und simples Universum, frei von den lästigen Verwicklungen, die andere fühlende Wesen mit sich bringen. Hier ist der Grund, warum ich glaube, dass in diesem unmöglichen Universum die Erleuchtung leichter wäre: Wenn irgendwelcher Kram hochkäme, wüssten Sie sofort, zu wem er gehört. Wie Sie mit Ihren karmischen Mechanismen arbeiten müssten, läge auf der Hand. Sie würden die Regeln Ihres Geistes sehr schnell lernen.
Es wäre auch viel einfacher, wenn wir in einem Universum leben würden, in dem das Verhalten der anderen völlig vorhersehbar wäre. Wie einfach wäre das Leben, wenn andere Leute immer das machen würden, was wir von ihnen erwarten, oder noch besser: was wir uns von ihnen wünschen!

Wir können unseren Beziehungen nie entkommen
Und für viele sind es gerade Schwierigkeiten mit Beziehungen, die sie überhaupt erst auf den Weg der Selbst-Bewusstwerdung bringen. Sakyong Mipham nennt diese Erkenntnis, dass der Weg des Aufwachens nicht nur ein persönlicher, sondern ein gemeinsamer Weg ist, gerne „den großen Schalterwalter“. Zuerst denken wir, beim Weg nach Hause, in unsere Bewusstheit, gehe es nur um uns selbst. Es ist auch keine Schande, mit dem Zweck der Selbsthilfe zu praktizieren. Das ist der ursprüngliche Grund, aus dem fast jeder, den ich kenne, mit der Meditationspraxis angefangen hat: um mehr über sich selber zu lernen und eine Atempause von den anderen zu bekommen, eine Chance zum Nachdenken, von Beziehungen isoliert.
Allerdings müssen wir schnell einsehen, dass es unmöglich ist, sich von Beziehungen zu isolieren. Unser Universum ist relational strukturiert und deswegen ist unser psychischer Zustand - unser Selbstgefühl an sich - auf der Grundlage unserer Beziehungen zu anderen fühlenden Wesen aufgebaut. Mit dieser Erkenntnis entwickelt sich der Weg zwangsläufig über unseren Ich-Horizont hinaus.
Der Übergang von einer mehr auf einen selbst und das eigene Karma konzentrierten Vorgehensweise zu einer mehr relational orientierten, die auch die Interaktion mit anderen in den Blick nimmt, wird in der historischen tibetischen Tradition als Übergang vom „Kleinen Fahrzeug“ zum „Großen Fahrzeug“ bezeichnet. Der Weg der Beziehungen ist kein besserer Weg - er stellt einfach nur eine natürlich Ausweitung des Horizonts unserer Praxis dar.
Wir müssen immer und immer wieder auf das Fundament der Selbst-Bewusstwerdung und der persönlichen Verantwortung für unseren Herz-Geist zurückkommen. Und obwohl eine gewisse Fähigkeit, für die eigene Psyche Verantwortung zu übernehmen, natürlich da sein muss, damit wir unsere Aufmerksamkeit wirklich auf Beziehungen richten können, so merken wir doch schnell, dass sogar unser persönliches Selbstbild eine relationale Größe ist. Wenn wir unsere Identität wirklich unter die Lupe nehmen, sehen wir, dass unser Selbstgefühl immer in Beziehungen zustande gekommen ist. Auf der ersten Etappe des Weges verkleinern wir unseren Realitäts-Ausschnitt so, dass wir uns auf unseren eigenen Geist konzentrieren können, weil unsere eigene Erfahrung das einzige ist, was wir direkt miterleben und verantworten können. Aber wir erkennen schnell, dass es nur ein sehr grobes Bild der Realität ergibt, wenn wir die Selbst-Bewusstwerdung von der Erforschung unserer gegenseitig verflochtenen Beziehungen isolieren.
Unser Selbstgefühl ist eine lange Zeit relational gewesen. Wenn wir unsere Praktiken als weitere Förderung für die bewusste Arbeit der Selbstreflexion betrachten, dann hat der Weg in die Beziehungen nichts Überwältigendes und ist auch keine Selbstaufopferung und kein Martyrium.
Der Weg der Beziehungen, des Mitgefühls und der Empathie ist einfach eine weiterentwickelte Form der Selbsthilfe. Es gibt immer einen Moment - schmerzhaft und inspiriert zugleich - in dem wir erkennen, dass Bewusstheit für einen selbst ohne den Kontext der Beziehungen einfach nicht reicht, um voll und ganz aufzuwachen. Es gibt keinen technischen Begriff für diesen Moment. Ich nenne ihn gern „den blöden Moment nach der tollen Meditation“.
Ich habe noch keinen engagierten Praktizierenden getroffen, der dieses Phänomen nicht schon irgendwie beobachtet hätte. Es geht ungefähr so: Sie hatten endlich mal eine tolle, friedvolle Meditationssitzung. Der Gong ertönt, und Sie fühlen sich ausgeglichen, zuversichtlich und im Moment einmal nicht überfordert von der täglichen Tretmühle Ihres Daseins. Während der Sitzung waren Sie präsent und sich über weite Strecken bewusst, was ans Licht kam. Sie fühlten sich kompetent und selbstbewusst. Das kummervolle Seufzen in Ihrer Seele löste sich etwas, und sogar Ihre Muskeln lockerten sich. Alles, was Ihnen in den Kopf kam, fühlte sich irgendwie beherrschbar an. Sie kamen wirklich nach Hause zu sich selbst, und das Fleckchen Erde, auf dem Sie saßen, war von Grund auf ein guter Platz. Sie spürten sogar den Wunsch, ohne dass es kitschig oder unecht gewesen wäre, alle Wesen könnten glücklich sein.
Und jetzt! Plötzlich, nur ein paar Minuten später, klingelt das Telefon, und es ist Ihre schreckliche Stiefmutter (Sie dürfen hier gern auch Ihren eigenen persönlichen Rachegott einsetzen). Allein die Stimme drückt einen Knopf, irgendwo, wo Sie selber gar nicht hinkommen, und plötzlich fühlen Sie sich wie ein alter Roboter mit einem Motivationsproblem. Ohne es kontrollieren zu können, triefen aus Ihrer Stimme Sarkasmus und Aggression wie aus dem Drehbuch. Bevor Sie wissen, wie Ihnen geschieht, haben Sie irgendetwas Unbedachtes gesagt, und vor Ihren Augen verflüchtigen sich Friede und Mitgefühl der Meditation komplett. Ihr Wunsch, alle Wesen mögen glücklich sein, bricht unter dem Arger über dieses eine Wesen zusammen, das Sie nicht ausstehen . können. Plötzlich erscheint Ihnen Ihre Praxis als Rückschritt/oder noch schlimmer: als sinnlos.
Der Tradition zufolge kommt die Kultivierung des erwachten Herz-Geistes, Bodhicitta, erst durch unser volles Engagement in Beziehungen so richtig in Fahrt.
Sich auf diesen Weg des Bodhicitta zu machen bedeutet, einen scheinbaren Widerspruch zu denken: den scheinbaren Widerspruch zwischen persönlicher Verantwortung für das eigene Erleben einerseits und der gegenseitigen Abhängigkeit andererseits. Mein Lieblingszitat von F. Scott Fitzgerald ist: „Eine erstklassige Intelligenz zeigt sich in der Fähigkeit, gleichzeitig zwei einander widersprechende Vorstellungen zu denken und trotzdem noch normal zu funktionieren.“ Das ist eine perfekte Beschreibung, wie man sich diesen Weg vorstellen muss; in der Realität ist jedes Wesen unterschiedlich - jedes mit einem eigenen Herzen, Geist und Karma -, aber gleichzeitig existieren wir nicht separat voneinander. Wenn wir den scheinbaren Widerspruch, dass wir anders sind als andere und doch alle wechselseitig abhängig sind, voll annehmen, dann erkennen wir: Um selber voll und ganz aufzuwachen, müssen wir unsere Beziehungen zu anderen heilen.

Aus: „In dir selbst zu Hause sein“, mit freundlicher Erlaubnis des Verlages – www.arbor-verlag.de


Ethan Nichtern ist offizieller Lehrer in der Shambhala-Tradition und Begründer des „Interdependence Project“, einer gemeinnützigen Organisation, die sich buddhistisch inspiriertem, ganzheitlichem politischen Aktivismus, Achtsamkeitstechniken, einem anderen Umgang mit Medien und westlicher Psychologie widmet. Seit 2002 lehrt Ethan Nichtern in den Vereinigten Staaten Meditation und buddhistische Psychologie. Er lebt in New York.

Buchtipp:
Ethan Nichtern, In dir selbst zu Hause sein, Buddhas Lehre für die heutige Zeit, 296 Seiten, Pappband mit Lesebändchen, 19,90 € im Arbor Verlag 2015


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.