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Ausgabe September/Oktober 2016
NOW! Gelassen leben im Hier und Jetzt. Ein Gespräch mit der Yogalehrerin Karin Furtmeier und der Achtsamkeitstrainerin Heike Mayer


Ist Achtsamkeit eine Technik zur Glücksoptimierung?
Achtsamkeit ist die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment intensiv wahrzunehmen, ohne ihn zu bewerten und ohne sich in Gedanken und Meinungen darüber zu verfangen. Dadurch erlebt man all das, was das Leben an kleinen und großen Geschenken für uns bereithält, sehr viel deutlicher. Viele Menschen entdecken durch die Praxis der Achtsamkeit, wie viel Schönes ihnen unverhofft begegnet, und erleben dadurch mehr Dankbarkeit und Lebensfreude.
Achtsamkeit heißt jedoch, sich allen Aspekten des Lebens mit Offenheit zuzuwenden – auch dem, was vielleicht weniger angenehm ist. Es ist kein Leben mit einer rosaroten Brille, damit wir alles nur heiter, hübsch und nett finden. Achtsamkeit bedeutet auch anzuerkennen, dass es in jedem Leben Leid und Schmerz gibt. Wenn ich nicht mehr versuche, davor die Augen zu verschließen oder mich anstrenge, Traurigkeit, Wut oder Angst zu unterdrücken oder davor wegzulaufen, finden sich oft auch Möglichkeiten, mit Schwierigkeiten anders umzugehen: vielleicht mit mehr Verständnis und Mitgefühl für mich und andere. Achtsamkeit ist ganz sicher keine schnelle Lösung für Probleme oder eine Gute-Laune-Pille. Es ist keine Methode, sondern im Grunde eine Lebenshaltung, eine veränderte Art und Weise, mit uns und dem Leben in Kontakt zu sein.

Es geht also darum, mehr Bewusstheit ins Leben zu bringen. Warum fällt es vielen Menschen leichter, sich selbst bewusst wahrzunehmen, wenn sie sich bewegen?
Weil man in der Bewegung seine Gedanken besser beruhigen kann. Der Fokus liegt in der Ausführung einer Bewegung und somit sind unsere Gedanken darauf konzentriert. Das Verweilen in einem inaktiven Zustand bringt in den meisten Menschen jede Menge Gedanken zum Vorschein. Yoga ist daher ein wunderbarer Weg, Achtsamkeit und Bewusstheit ins eigene Leben zu bringen.
Yoga in seiner Gesamtheit ist das Wissen um den eigenen Geist. Den Zugang bekommen wir oft über den Körper. Wir nehmen uns und unsere Grenzen im Ausüben der Körperübungen, die im Yoga Asanas genannt werden, wahr. Der nächste Schritt ist es dann, uns in der momentanen Situation anzunehmen.
Stellen Sie sich vor, ich möchte die sitzende Vorwärts-Beuge üben und merke, dass ich mit meinem Oberkörper nicht ganz so weit nach vorne komme wie letzte Woche. Meistens ist es nun so, dass erst mal der Wunsch aufkommt, tiefer gehen zu wollen. Unser Geist formt einen Gedanken, der sich so derzeit nicht in die Realität umsetzen lässt. Nun geht es darum, sich hierbei zu beobachten, zu lernen zu erkennen, warum ich heute in meiner Dehnfähigkeit eingeschränkt bin. Gibt es nur körperliche
Einschränkungen? Oder kann es sein, dass ich den ganzen Tag Druck und Stress ausgesetzt war und dadurch verspannter bin als sonst und somit die Flexibilität eingeschränkt ist?
Im nachfolgenden Reflektieren kann ich möglicherweise herausfinden, was mich unter Druck gesetzt hat und warum dies Verspannung verursacht hat. Situationen, Verhaltensweisen, Gedankenstränge treten ins Bewusstsein und weil sie uns bewusst werden, haben wir die Möglichkeit, sie zu verstehen und aufzulösen. Nach und nach werden wir uns besser verstehen und unseren Geist reinigen können. Yoga ist eine Form der ganzheitlichen Wahrnehmung, die über das Praktizieren auf der Yogamatte hinausgeht. Es ermöglicht uns, im täglichen Sein einen klaren Blick auf uns selbst zu bekommen. Dies ist jedoch ein fortwährender Prozess, der sich auf unterschiedlichen Ebenen abspielen kann.

»Je ruhiger dein Geist ist, umso ruhiger fließt dein Atem.« Warum ist der Atem so bedeutsam?
Der Atem spielt in unserem Leben eine vermeintlich unscheinbare Rolle. Wir nehmen ihn, wenn überhaupt, nur selten wahr. Und dennoch schenkt uns der Atem unser Leben. Er hilft uns, unsere Organe mit Sauerstoff zu versorgen, und fungiert zugleich auf der mentalen Ebene wie ein Stimmungsbarometer. Sind wir gestresst, atmen wir flach. Sind wir entspannt, fließt der Atem ruhig und gleichmäßig. Durch eine gezielte Atemführung (pranayama) kann man zum einen seine Lebensenergie steigern und zum anderen den Gedankenfluss beruhigen. Letztendlich ist Yoga bewusstes Üben – immer. Das bedeutet, dass jede bewusst ausgeführte Asana uns in den Augenblick bringt. Selbst die Vorbereitung einer Übung sollte immer mit voller Achtsamkeit stattfinden. Die Vorbeugen helfen uns loszulassen. Mit jeder Ausatmung sinken wir tiefer in die Asana. Hierbei geschieht sehr viel auf der mentalen Ebene, der Atem und die Schwerkraft können uns dabei unterstützen. Yoga hat viel mit Dankbarkeit und Hingabe zu tun. Mit Dankbarkeit gebe ich mich hingebungsvoll meinem Leben hin und empfange alles, was das Leben für mich bereithält. Letztendlich, wenn man sich tiefer auf den Weg des Yoga begeben will, geht es darum, durch diese Hingabe sein Ego aufzulösen, was man nur erwirken kann, wenn man alles loslässt.

Genau dieses Loslassen fällt uns oft so schwer. Obwohl Leben Veränderung bedeutet, halten wir lieber an Bekanntem fest. Warum stecken wir so oft im Widerstand gegen das Leben fest?
Ängstlichkeit und Pessimismus sind evolutionär als Überlebensstrategie in jedem Menschen angelegt. Entsprechend bringt das NSD-Radio, von dem vorhin schon die Rede war, das NonStop-Denken in unserem Kopf, häufig Nachrichten über das, was gestern schiefgelaufen ist oder morgen schieflaufen könnte. Und wir sind mit diesen Gedanken so identifiziert, dass wir nie hinterfragen, ob sie alle wahr oder nützlich sind und wir uns entsprechend verhalten müssen. Wir wollen gerne alles planen und im Griff haben, was passiert, weil wir denken, wir könnten das Leben dann kontrollieren. Wir hoffen, auf diese Weise Unangenehmes zu verhindern und Positives herbeizuführen. Allerdings erreichen wir dadurch meist genau das Gegenteil.
Von Eckhart Tolle stammt der wunderbare Satz: „Dem Leben keinen Widerstand entgegenzusetzen bedeutet, in einem Zustand von Gnade, Mühelosigkeit und Leichtigkeit zu sein. Dieser Zustand ist nicht davon abhängig, dass alles auf bestimmte Art und Weise läuft.“ Innerer Friede entsteht nicht dadurch, dass alle Probleme verschwinden und alles so läuft, wie wir wollen. Wir brauchen nicht erst frei von allen Schwierigkeiten zu sein, um leichter zu leben. Wir können lernen, auch mit unseren Schwierigkeiten frei zu sein. Wir könnenn uns bewusst dafür entscheiden, mehr Vertrauen ins Leben zu entwickeln.

Die beiden Autorinnen, Yogalehrerin Karin Furtmeier und Achtsamkeitstrainerin Heike Mayer, begleiten seit Jahren Menschen auf dem Weg zu mehr Präsenz, Lebensfreude und Gelassenheit. Beide haben bereits mehrere erfolgreiche Bücher zum Thema verfasst. Die Autorinnen leben in München. www.yosha.eu

Buchtipp:
Karin Furtmeier/Heike Mayer: NOW! Gelassen leben im Hier und Jetzt für ein bewusstes und gelassenes Leben - Achtsammkeit, Yoga, Vertrauen ins Leben, Flexbroschur, 160 S. vierfarbig mit vielen Illustr. 17,99 €, Scorpio Verlag 2016


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