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Ausgabe September/Oktober 2016
Achtsamkeit und Mitgefühl. Von Wolf Schneider


Achtsamkeit und Mitgefühl sind die wichtigsten Tugenden, sagen die Buddhisten. Soweit klar, da kann man nix gegen sagen. Oder doch? Als ich neulich ein Ausmalbuch für Erwachsene auf einem der Wühltische bei Aldi sah - auf dem Titel prangte »Achtsamkeit« in großen Buchstaben begann ich daran zu zweifeln.
Und Mitgefühl als Tugend? Wenn Menschen mitfühlend sein sollen, obwohl sie lieber auf das eigene Wohl achten würden als auf das anderer, laden wir uns da nicht eine Wiedereinführung der alten Moralisiererei ein, diesmal durch die Hintertür? Eine Moral, die Verdrängung und Heuchelei produziert oder sogar direkten Widerstand?

Achtsam eingelullt werden
Das war die Kritik. Jetzt das Positive: Achtsamkeit hilft tatsächlich! Das Ausmalen vorgezeichneter Strukturen ist jedoch eher etwas für überforderte Menschen, die mal bei einer Unterforderung entspannen wollen. Achtsamkeit ist immer gut, »da kann man nix gegen sagen«, aber diese spezielle Übung hat noch weniger speziell mit Achtsamkeit zu tun als Unkraut zu jäten, Fenster zu putzen und Windeln zu wechseln. Wenn man beim Bilder Ausmalen was falsch macht, ist doch egal, das hat keine schlimmen Folgen. Es gibt aber Bereiche, wo Unachtsamkeit schlimme Folgen hat. Ein Chirurg muss achtsam sein, ein Pilot und wir alle in der Kommunikation mit unseren Liebsten und mit unseren Feinden. Die Verwendung des Wortes in Kontexten wie hier bei Aldi plündert jedoch seinen Wert und hölt ihn aus, vielleicht so wie wenn Beethovens Sonate »Für Elise« als Kaufhausmusik am Endlosband läuft. Unser Wirtschaftssystem plündert die Ressourcen der Erde, das ist inzwischen allen klar, aber es tut noch mehr: Es plündert auch unsere Sprachen aus. Was unsere täglich gesprochenen Worte an Magie enthalten, das wird so lange für Verkaufszwecke benutzt, bis man dabei nur noch weghören will. So wie wenn man bei einer Liebesschnulze lieber das Radio ausmacht, um nicht eingelullt zu werden. Einlullen wäre doch das letzte, was »Achtsamkeit« will.

Sei gefälligst mitfühlend!
Auch über Mitgefühl lässt sich viel Positives sagen. Es ist die Basis von Solidarität und sozialem Zusammenhalt, von Liebe in allen Bedeutungen dieses Wortes. Mitgefühl erlöst uns aus der existenziellen Einsamkeit, es verbindet uns. Im ‚Mitleiden‘ tut es manchmal weh, in der Bilanz aber macht uns ein mitfühlendes Leben glücklich. Die Ermahnung mitfühlend sein zu sollen, weil das eine Tugend ist, führt jedoch tendenziell zu Reaktionen, die eben gerade nicht mitfühlend sind. Ein wirklich mitfühlender Mensch wird deshalb das Ermahnen eher meiden. Mahnende Ratschläge sind eben auch Schläge. Also lieber mitfühlen als ermahnen, und der moralische Zeigefinger bleibt gesenkt.
Ist das nicht verhext? Wenn wir das, was wir wollen, auf platte Art erstreben, erreichen wir damit das Gegenteil. Sollten wir vielleicht lieber schweigen, damit sich niemand durch unser Reden ermahnt fühlt? Sollte ich die Kritik an der Abnutzung der Sprache lieber lassen und auch dieses ständige Genörgel an unserem Wirtschaftssystem? Gerade in einem echten und tiefen Sinne achtsame und mitfühlende Menschen wollen doch keine Revolution, jedenfalls keine gewaltsame. Ich meine, dass drei Sachen helfen.

Sprachkritik
Als erstes das: Wir sollten nicht einfach hinnehmen, dass Spiritualität für kommerzielle Zwecke geheuchelt und missbraucht wird. Wir sollten uns nicht mit dem Unechten zufriedengeben, aber ohne dabei zu Puristen zu werden und dann nach Reinheitsdogmen handeln. Tantramassagen im Rotlichtbezirk (Sakrileg!) oder das unechte Reiki (Verrat!) verbieten zu wollen ist dumm. Wir können auch nicht verhindern, dass bei Aldi ein Einlullbuch mit dem Titel »Achtsamkeit« verkauft wird, jedenfalls nicht durch ein Verbot oder eine Petition. Verbote bringen in diesem Falle nichts. Es sollte aber auch jeder wissen dürfen, dass Achtsamkeit mehr sein kann als ein Einlullbuch, das durch Unterforderung Entspannung bewirkt – was Buddha, Thich Nhat Hanh, Jon Kabat-Zinn und tausende andere spirituelle Lehrer mit Achtsamkeit meinten, ist etwas anderes. Den Missbrauch und die Abnutzung von Formen sollten wir nicht hinnehmen (»Es ist, wie es ist!«), sondern dies als Herausforderung nehmen, schöpferisch zu sein und mit immer neuen Worten das Unsagbare umkreisen.

Spiritueller Kitsch
Ähnliches gilt für spirituellen Kitsch. Nicht nur an den Pilgerorten des Christentums und Hinduismus werden Devotionalien verkauft, sondern auch in der spirituellen Szene der eklektischen Moderne. Kristalle, Buddhas, Engel in allen Varianten, Träumfänger, Pyramiden, Mandalas, die Blume des Lebens auf Spiegeln, Kühlschranktüren und Autorückseiten, und all die Mantren und Yantren, bis hin zu den Gebetsmühlen und Fähnchen der Tibeter. Warum nicht, wenn mensch sich damit wohlfühlt? Ich sage doch auch nichts gegen Kuscheltiere. Ich möchte nur nicht, dass diese Bilder des Heiligen mit echter, tiefer Religiosität verwechselt werden. Wirklich achtsam zu sein ist für jeden Menschen eine Herausforderung. Das Ausmalbuch bei Aldi ist das Gegenteil. Es sei denn, hehe, du kannst dich dabei selbst beobachten, wie das Buch dich einschläfert und entspannt.

Bewusstseinsexplosion
Drittens können wir, inmitten von all dem Jammer über die Seichtigkeit, das Halbherzige und den Kitsch, als unerschütterliche Optimisten auch der Möglichkeit eines exponenziellen Ausbruchs von Bewusstein eine Chance geben. Weil zur Zeit viel vom Islam die Rede ist, zwei Beispiele aus diesem Kulturraum. Wer in das Bilderverbot des Islam tiefer eintaucht, versteht den Sinn darin: Gott und das Heilige lassen sich andeuten, aber nicht abbilden. Deshalb gibt es im Islam kaum religiösen Kitsch. Könnten wir hier im kitsch- und kommerzverseuchten Westen das nicht mal würdigen? Vielleicht würden dann ein paar weniger der auch dort authentisch Sinn Suchenden zu Fundamentalisten werden, weil sie das Hohelied des Westens, dass alles erlaubt ist, was sich verkaufen lässt, satt haben. Und wir könnten erkennen, dass das Empfangen des Koran – Erzengel Gabriel als Überbringer, Mohammed als Medium – ein Channeling war, das auf Grund besonderer historischer Umstände zu einer Weltreligion wurde. Könnten die gechannelten Botschaften der Medien von heute auch solche Folgen haben? Wer weiß …

Weisheit, Liebe und Humor
I have a dream: Ich wünsche mir, dass Bewusstsein, Frieden und Liebe sich in der Welt viral ausbreiten. Dass eine tiefe Religiosität ohne Lagermentalität und Fronten gegen andere, ohne Ikonen, Dogmen und gewaltsam zu schützende Tabuzonen sich durchsetzt. Eine Religiosität, die nicht gegen andere kulturelle Varianten des letztlich Selben kämpft, sondern die innere Einheit erkennt und dabei im Äußeren tolerant ist. Tolerant gegenüber allem, was Menschen, Tieren und der Umwelt nicht schadet. Eine Religiosität, die nicht aufs personal Gottgläubige verengt ist und auf für sakrosankt gehaltene ‚Heilige Schriften‘, sondern die offen ist und weitherzig. Die Weisheit schätzt und Humor, und für die Liebe eine Art ist, das höchste aller Ziele auszudrücken.
Solange es Menschen gibt, die nach dieser Art von Religiosität streben, bleibe ich optimistisch.



Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection.


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