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Ausgabe Juli/August 2016
Resilienz und Kraft. Über die Zusammenführung alltäglicher und nicht-alltäglicher Wirklichkeiten. Von Roland Urban


Resilienz, ein Begriff, der ursprünglich aus der Physik kommt, ist in den letzten Jahren zu einem viel diskutierten Konzept avanciert. Wohl auch, weil ein Bedürfnis bestand und besteht - zusammen mit anderen Ansätzen wie etwa der Salutogenese (nach Aaron Antonovsky, 1997) oder der Gesundheitsförderung - ein Gegengewicht zu einer stark pathologisierenden Herangehensweise konventioneller Medizin und Psychologie zu etablieren.
In der Psychologie wird Resilienz - oder ‚Widerstandsfähigkeit‘ - üblicherweise im Kontext von Risiko- und Schutzfaktoren diskutiert. Einfach ausgedrückt: Risikofaktoren reduzieren Resilienz, Schutzfaktoren stabilisieren bzw. erweitern diese. Das Ziel ist es, gesamtorganismisch eine entsprechende Biegsamkeit und Flexibilität zu entwickeln, um krisenhafte und potenziell traumatisierende Ereignisse bewältigen zu können, ohne daran zu zerbrechen bzw. nachhaltigen Schaden davonzutragen.
Als klassische Risikofaktoren gelten neben so genannten Vulnerabilitätsfaktoren, die auf individueller Ebene zu verorten sind, vor allem sozial bedingte Faktoren wie niedriger sozio-ökonomischer Status, Armut, niedriges Bildungsniveau, kontraproduktive Erziehungsstrategien der Eltern, häufige Umzüge, etc. Als Schutzfaktoren können etwa identifiziert werden: positive Lebensmodelle und Vorbilder, gute Beziehungen zu Bezugs- bzw. Vertrauenspersonen, Mut, Eigenverantwortlichkeit, realistische Ziele, der Glaube an die eigene Kraft - oder Spiritualität.
Aus schamanischer Perspektive betrachtet sind im Zusammenhang mit Resilienz einige grundsätzliche Überlegungen zu beachten: Wir wissen, dass die Welt nicht nur aus der mit den üblichen fünf Sinnen wahrnehmbaren alltäglichen Wirklichkeit besteht, sondern auch aus spirituellen Erfahrungsdimensionen, der nicht-alltäglichen Wirklichkeit. Diese beiden Realitäten sind als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen, repräsentieren verschiedene Facetten der gleichen Welt. Entsprechend muss Heilung (im Übrigen gleichermaßen wie Prävention) auf beiden Ebenen ansetzen - bzw. beide Wirklichkeiten umfassen.
Es gilt somit, den Menschen zu befähigen, eigenständig die Notwendigkeiten und Bedürfnisse seiner physischen wie psychischen Existenz zu erfüllen. In diesem Fall können Begleitung, Beratung, mitunter auch person- oder systembezogene Therapien sinnvoll sein. Mindestens ebenso wichtig erscheint die Bereitstellung von Rahmenbedingungen, die Entwicklung, Wachstum und Gesundung ermöglichen. Dazu bedarf es einer funktionierenden und tragenden Gemeinschaft, im übergeordneten Sinne auch Gesellschaft.
Der Mensch besteht aber nicht nur aus Physis und Psyche (im modernen Sinne: die kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen Aspekte), sondern er besitzt auch eine Seele. Um diesbezüglich Resilienz zu steigern bzw. Gesundheit zu erhalten, sind die Geister erforderlich. Wie auch die Schamanen und Schamaninnen, die als MittlerInnen zwischen Menschen und Geistern fungieren.
Die so genannte westliche Welt hat überzeugende Instrumentarien vor allem zur Therapie des Individuums, punktuell auch zur gedeihlichen Entwicklung von Gemeinschaften hervorgebracht. Wir haben es bewerkstelligt, gut auf den alltäglichen Aspekt der Menschen zu achten. Die Betonung liegt dabei auf ´der Menschen´. Wir haben es nämlich nicht zustande gebracht, diese Entwicklungen in Einklang mit einem ökologischen Gleichgewicht zu verwirklichen. Mit anderen Worten: die Egozentrik der Gesellschaftsform des Westens drückt sich auch dadurch aus, dass von einem ´Anthropozän´ gesprochen wird - einem Zeitalter, das den Menschen als wichtigsten nachhaltig verändernden Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde nennt.
Was die Nährung unserer Seele anbelangt, sieht es vergleichsweise düster aus. Die Seele wurde aus der Psychologie (der Wissenschaft der Seele) wegrationalisiert, spirituelle Traditionen (abseits der Hochreligionen) werden schnell in ein ‚esoterisches Eck‘ abgeschoben und abgewertet. Gleichzeitig wissen indigene Kulturen aus allen Kontinenten seit Jahrzehntausenden, dass schamanische Arbeit eine signifikante Wirkung auf Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung eines Balancezustandes (mit anderen Worten: von Gesundheit) hat. Der Schlüssel dazu liegt in spiritueller Kraft, Kraft die von den Geistern - den zentralen Instanzen im Schamanismus – kommt.
Versorgt man sich regelmäßig mit spiritueller Kraft, steigt die Resilienz. Ist man mit Kraft aufgefüllt – ist man ‚in seiner Kraft‘ -, so ist man immun, ist gleich resistent. Beherrscht man grundlegende schamanische Techniken, kann man eben dies auf relativ einfache Art und Weise bewerkstelligen bzw. forcieren. Entweder, indem man schamanische Reisen unternimmt und sich somit einer spezifischen Kraft aussetzt, bzw. auch Informationen in Erfahrung bringt, die ansonsten nicht zur Verfügung stehen. Oder indem man Kraft herbeiruft und in der alltäglichen Wirklichkeit - dort, wo sie tatsächlich benötigt wird und umgesetzt werden soll - manifestiert.Dass dies nicht nur ‚auserwählten Schamanen und Schamaninnen‘ vorbehalten ist, sondern der weitaus größte Teil der Menschen erlernen und praktizieren kann, beobachten wir immer wieder in unseren Seminaren.
Im Basisseminar der Foundation for Shamanic Studies liegt auch deswegen der Fokus auf dem Erlernen der schamanischen Reise bzw. anderer grundsätzlicher Methoden, damit unsere TeilnehmerInnen in direkten Kontakt mit ihren Verbündeten, den Geistern, kommen – und somit Zugang erhalten zu den wahren Quellen der Kraft im Schamanismus.

Schlusspunkt
Selbstheilung gibt es im Schamanismus nicht. Was nicht bedeutet, dass das betroffene Individuum nicht selbst etwas beitragen müsste. Dies ist sehr wohl notwendig. Aber der jeweilige Mensch muss nicht die gesamte Last tragen. Es bedarf auch des Mitwirkens der sozialen Gemeinschaft. Und die Unterstützung der spirituellen Gemeinschaft, es bedarf der Unterstützung der Geister. Der Mensch ist eben nun mal kein isoliertes Individuum, sondern ein bio-psycho-sozio-spirituelles Wesen, einbettet in einen natürlichen Kosmos.

Der Autor Roland Urban ist Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europa. Umfangreiche Seminar- und Forschungstätigkeit sowie schamanische Praxis. Zudem Gesundheits-, Klinischer und Notfallpsychologe. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte betreffen u.a. ´Schamanismus und Wissenschaft´, ´Unheilbare Krankheiten´ sowie ´Gesundheitsförderung´. Weitere Informationen unter www.shamanicstudies.net.

Buchtipps
Urban, Roland (2014): Über Kraft. In: Picard, Winfried, Wohlfarter, Sylvia (Hrsg.): Schamanismus heute: Aktuelle Berichte aus Forschung und Praxis. Ahlerstedt: Param.
Urban, Roland (2016): Schamanismus und Wissenschaft. In: Urban, Roland, Hirsch, Andreas J. (Hrsg.): Schamanismus und Wissenschaft. Wartberg o.d.Aist: FSSE.


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