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Ausgabe Mai/Juni 2016
Zehn Minuten: Nichts. Von Katja Neumann

Das süße Nichts oder die unerträgliche Leichtigkeit des einfach nur Da-Seins. Wohlfühlen hat für uns ganz viel mit Runterbremsen und Innehalten zu tun. Dass wir das so dringend nötig haben, ist ja auch kein Wunder. Eine kleine leidenschaftliche Fürsprache

Ich bin gerade wieder über einen Menschen gestolpert, der auf sein Handy starrend stehen geblieben ist. Ein Phänomen unserer Zeit. Wir tun es immer mehr - mindesten zwei Dinge gleichzeitig. Und früher oder später kommt eins von beidem oder meist beides zu kurz. Es hat etwas Zwanghaftes, vieles gleichzeitig zu tun,. Wir leben im Multitasking-Zeitalter. Wir trinken den Coffee-to-Go, wir lesen Zeitung (als App) und hören parallel dazu Musik. Wir fahren Auto und telefonieren dabei, sehen fern und beantworten gleichzeitig Mails und so weiter und so weiter. Immer online, informiert, bespaßt und in Bewegung - und ganz weit weg von uns selbst. Und auch von all den anderen, die direkt neben uns stehen. Wer soll sich da noch selbst hören? Wer sieht noch die kleinen Dinge am Wegesrand? Warum fällt es uns immer schwerer innezuhalten? Ist es wirklich nur die Stadt, die uns dazu bringt? Wären wir anders, wenn wir auf ein Schweizer Bergpanorama (mit Kuhglockenbeschallung) schauen würden?
Hand aufs Herz (und das dürfen Sie gern wörtlich nehmen): Ist es nicht eine Entscheidung, die wir treffen, jeden Tag aufs Neue, jeden Moment? Ist das nicht ein Automatismus, dem wir irgendwann unbewusst zugestimmt haben? Haben wir wirklich keine Zeit mehr? Dann ist es wohl mal wieder an der Zeit, auszumisten, unsere Zeit zu entmüllen von Dingen, die eigentlich gar nichts mit uns zu tun haben, die unsere Sinne zukleben und das Hirn vernebeln. Nichts ist so wichtig, dass es uns permanent von uns fernhalten könnte.

Kleiner Seelenknigge
Wenn wir gehen, gehen wir und nichts anderes. Gucken und lächeln ist dabei erlaubt (erwünscht). Kaffee, Sojalatte etc. nur im Sitzen zu sich nehmen, Essen auch. Das „to go“ ist eine Unart, ungesund und produziert Müll. Wenn wir essen, essen wir. Handy bleibt aus. Punkt. Auch Musik hat es verdient, unsere volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Hören Sie! Und wenn Sie etwas anderes tun, tun Sie es auch mal ohne Musik. Stille ist Balsam für die Seele.
Seelenfasten. Meine heißgeliebten täglichen 10 Minuten Nichts. Dieses „Nichts“ ist absichtslos, somit weniger als Meditieren und damit freier von Leistungsdruck.
Ich höre ganz oft: „Ich kann aber nicht meditieren“. Hinlegen, Frieden geben und atmen. Im Zweifelsfall mit Wecker. Das ist natürlich ausdehnbar, aber wer es gewohnt ist, drei Sachen gleichzeitig zu machen, sollte langsam starten. Nichts denken ist gar nicht so einfach. Es gibt, wenn man ganz still ist, einen Ton zwischen den Ohren, wie eine Frequenzlinie oder ein Radiorauschen. Das hilft, den Kopf frei zu halten. Schon die Heilige Hildegard von Bingen hat uns das empfohlen.

Katja Neumann ist schamanische Heilpraktikerin in Berlin


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