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Ausgabe Mai/Juni 2016
Im Flow. Eintauchen in den Fluss des Lebens. Von Wolf Sugata Schneider


Glücklich sind die im Flow Mitfließenden, denn sie stehen nicht mehr neben sich. Sie sind mitten drin im Fluss des Lebens, absorbiert von ihrer Tätigkeit, damit verschmolzen, eins geworden mit dem, was sie tun. Dabei stehen sie nicht mehr als separates Subjekt einem separaten Objekt gegenüber, sondern sind Teil des Ganzen. Der von dem ungarischen Psychologen Mihály Csíkszentmihályi geprägte Begriff des Flow ist ein moderner Ausdruck für das mystische Verschmelzen im Tun. Man kann ein solches Einssein in der stillen Meditation erleben, aber auch im Tun, und wenn es im Tun passiert, nennen wir es Flow.

Alles fließt
Als Heraklit die Worte panta rhei prägte - alles fließt -, meinte er vermutlich diesen Flow. Von Heraklit stammt auch die Aussage, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn das Wasser, das dort vorbeifließt, ist immer neu, immer ein anderes, nur das Flussbett hat eine gewisse Konstanz.
Im normalen Alltagsbewusstsein gehen wir von festen Gegenständen aus und halten uns als tätige Menschen für die Verursacher von Handlungen. Wir verstehen uns als Subjekte, die mit wechselnden Objekten in wechselnden Umgebungen zu tun haben und diese Objekte mehr oder weniger gut handhaben. Im Flow hingegen empfinden wir uns als Teil des Geschehens. Dabei sind nicht nur wir selbst, das tätige Ich, in Bewegung, sondern auch das, womit wir zu tun haben, erscheint uns als in Bewegung. Das Glücksgefühl des Flow besteht darin, nicht mehr getrennt vom Geschehen zu sein. Nicht nur wir selbst, auch alles andere ist in Bewegung, nichts ist mehr starr. Wir empfinden uns nicht mehr als von Mauern umgeben, sondern als Teil eines komplexen Systems von Fließgleichgewichten, in dem auch wir selbst, unsere Ich- und Wir-Identitäten, mitfließen.

Wie kommen wir dort hin?
Soweit die Philosophie. Würden Heraklit, Sokrates, Platon, Buddha und Laotse heute bei Maischberger in der Talkrunde sitzen, hätten sie gute Chancen, an diesem Punkt Einigkeit zu erzielen. Aber wie erreicht man diesen begehrenswerten Zustand? Da müssen nun die professionellen Psychologen, Coaches, Mentaltrainer und spirituellen Lehrer ran. Sie sollen uns sagen, wie wir aus dem Ich-Bewusstsein, das sich als separat empfindet, in den Flow kommen.
Wer von den Coaches & Kollegen mit seiner jeweiligen Methode nicht nur im kleinen Kreis Erfolg haben will, wird von Marketingleuten vermutlich den Rat erhalten, sich seine jeweils einzigartige Erfolgsformel, wie man »In sieben Schritten zum Flow« gelangt, patentieren zu lassen. Das wäre dann jeweils eine bewerbbare Methode mit klaren Handlungsanweisungen, die allerdings den Nachteil hätte, den Kunden fürchten zu lassen, bei Falschanwendung zum Verlierer zu werden: Daran bist du nun selbst schuld! Und sogar bei Richtiganwendung müssen wir bangen, das Erreichte wieder zu verlieren. Was das Erlangen des Flow erschwert, ihn vielleicht sogar verhindert.

Die Paradoxie des Glücks
Das Glück hat mich verfolgt, aber ich war schneller! Blödelsprüche dieser Art haben es in sich. Sie beschreiben auf witzige Art die Paradoxie des Erreichens mystischer Zustände, zu denen man im erweiterten Sinn auch das Glück zählen kann, jedenfalls den Flow. Einerseits will man alles tun, um dort hinzukommen, zu diesem alles Irdische überschreitenden Wert. Andererseits kann man das Glück, die Liebe, den Flow und die Erleuchtung nicht erreichen, denn »es« haben zu wollen ist die beste Methode, es zu verscheuchen.
Reicht es also, auf die Gnade zu warten, dass es geschieht? Auf die große Liebe, den Flow, die psychosomatische Gesundheit, die religiöse Verzückung, das Erwachen? Nein. Das zielstrebige Tun bleibt einem nicht erspart. Auch das Vermeiden des Abzielens ist ja eine Art von Streben. ‚Hienieden‘, in den Gefilden des Irdischen, gibt es Ursache-Wirkung-Beziehungen ohne Ende, bezüglich Arbeit, Gesundheit, Wachheit und körperlichem Wohlgefühl – wir befinden uns hier im Samsara, dem Reich der Wiederkehr, der Teufels- und Engelskreise.

Klein und groß
Nur der hohe Zustand der Hingabe, der lässt sich willentlich nicht erreichen. Dort gilt, dass »dein Wille geschehe«, wie es im christlichen Gebet heißt. Liebe, Glückseligkeit, Erwachen und das Verweilen im Flow ist eine Gnade. Aber »ich will doch nur ein bisschen Entspannung«! Ist die Philosophie des kleine-Brötchen-Backens ein Ausweg? Bleibt uns, die wir doch nur eine Auszeit aus dem Alltagsstress suchen, der Fluch und Segen der Paradoxie im Verfolgen des Glücks erspart? Keineswegs. Es ist im Kleinen wie im Großen: Wer am dringendsten Entspannung braucht und sie deshalb vielleicht am energischsten sucht, wird genau damit ihr Eintreten verhindern, weil das Suchen nach Entspannung dann den anderen Stressfaktoren noch einen hinzufügt.
Wir dürfen also weiterhin unsere täglichen Meditationen und Yogaübungen machen. Wir dürfen auch weiterhin als Ratgeber verkleidete Weisheits-Bücher lesen, wenn wir gut damit umgehen, verscheuchen sie die Weisheit nicht. Die Welt der Ursache-Wirkungs- und Subjekt-Objekt-Beziehungen bleibt, wie sie ist. Und du bist du, und ich bin ich, ganz unverschmolzen. Wer viel erstrebt und dabei Disziplin einsetzt, erreicht mehr als die Couch-Kartoffel.

Hingabe an etwas Größeres
Um aus dem kleinen Ich herauszukommen, das unter Selbstwertzweifeln leidet, Lob erhofft und Tadel fürchtet, ersehnen wir den Flow der Hingabe an ein größeres Ganzes. Früher war das für viele Männer das Militär, heute können die Fan-Gemeinden der Fußballvereine das ersetzen. Für Frauen war das größere Ganze oft die Zugehörigkeit zu den Guten, also keine Schlampe oder Zicke zu sein, sondern ein Mädchen oder eine Frau, wie es sich gehört. Diese Hingabe an ein größeres Ganzes führt allerdings nur zu begrenzten Flow-Erlebnissen. Beim Flow des Eintritts in eine echte mystische Erfahrung gibt es »nichts anderes« mehr, keine Außenwelt. Beim einem Fußball-Match hingegen ist, wenn der Gegner gewinnt, die gute Stimmung erstmal dahin. Ein gutes Mädchen tut auch mal etwas Böses und weiß über die eigene, innen versteckte Bosheit; das beeinträchtigt das Glücksgefühl im Flow auf der guten Seite zu stehen. Dem Mystiker hingegen ist »nichts Menschliches fremd«. Auch wenn mich diese kostbaren Momente der Wachheit wieder verlassen werden (pantha rei), bin ich immer eingebettet in das Große Ganze. Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hände.

Diesseits und Jenseits
Im Diesseits, im Land des Samsara, gewinnen nicht die Flow-Ekstatiker, sondern die Streber – so weit so gut, so ernüchternd. Jenseits dieser irdischen Welt, jenseits der Kriege, Konflikte und Rattenrennen gibt es jedoch noch etwas anderes. Dieses Andere ist aber nicht der Himmel über den Wolken oder die Zeit nach dem Jüngsten Gericht, sondern diese Anderswelt ist der schon überall und seit je vorhandene Bereich des Paradoxen, des nicht begrifflich Festzunagelnden, den wir im Flow berühren. Das Himmlische ist überall, und Gott ist mitten unter uns. Die Erleuchtung geschieht nicht am Ende eines langen Weges, sondern dort, wo unser Tun von Weisheit geführt ist.




Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seitdem Leben mit Flüchtlingen.


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