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Ausgabe März/April 2016
Yoga und Meditation. Die innere Haltung, die uns dabei hilft, den Geist zu beruhigen, ist die des Beobachters. Von Anna Trökes


Bedingt durch unsere Lebensführung, die allgemein zunehmende akustische und visuelle Reizüberflutung und die Anforderungen des Alltags, die uns zumeist dazu zwingen, »auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen«, ist der Geist des modernen Menschen ausgesprochen unruhig geworden. In der Vielfalt seiner Aktivitäten funktioniert er vielschichtig, und das, was wir bewusst wahrnehmen, wenn wir versuchen, ihn zu beobachten, ist immer nur die Spitze des Eisbergs.
Neben den bewusst wahrgenommenen Gedanken, Gefühlen, Empfindungen, Bildern oder Erinnerungen gibt es eine ständige Unterströmung von mentalen Inhalten, die zumeist unbewusst bleiben und nur von Zeit zu Zeit ins Bewusstsein kommen. Dazu gehören zum Beispiel alle Gedanken, die sich mit dem beschäftigen, was man noch erledigen muss oder was man noch nicht zu Ende gedacht hat. Es scheint so, als hielte unser Geist die Fäden des noch nicht Abgeschlossenen so lange in der Hand, bis es sich erledigt hat. Da die meisten Menschen mit Unmengen unerledigter Angelegenheiten zu tun haben, ist ihr Geist schon dadurch ziemlich beschäftigt und gebunden. Die drängende Energie des Unerledigten kann sie bis in den Schlaf verfolgen, so dass der Geist deshalb noch nicht einmal nachts zur Ruhe kommen kann. Noch viel mehr wird auf einer unbewussten Ebene der Geist durch unterdrückte und unausgelebte Gefühle beschäftigt.
Wenn zum Beispiel auf Grund einer ungeklärten, tief sitzenden Angst ein Mensch ständig mit Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen hat, dann werden diese Gefühle alles, was er tut und sagt – kurz: jede seiner Lebensäußerungen –, kommentieren und hinterfragen. Als »innerer Kritiker« ist diese Stimme ständig präsent und bemängelt gleichermaßen Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Es sind vor allem diese unterschwelligen Bewegungen des Geistes, die sich auf unsere Geistesverfassung und unser Gestimmtsein auswirken. Sie sind es, die den Grundton des Geistes bestimmen; der bewusste Teil, zum Beispiel die Gedanken, sind eher kleine darüber liegende und meist flüchtige Melodien.
So kann es passieren, dass ein Mensch sich rein äußerlich in einer Situation befindet, in der alles sicher, überschaubar und geordnet ist: Er sitzt vielleicht auf seinem Meditationskissen und hat eine Spanne Zeit vor sich (sagen wir, ein Meditationsretreat), in der er ungestört, versorgt und aufgehoben ist. Trotzdem ist der Geist dieses Menschen unruhig, wandert von Sorge zu Sorge, ist bekümmert und in der Grundstimmung pessimistisch. Äußerlich ist scheinbar alles in Ordnung, innerlich dagegen nicht. Da die Unruhe und Besorgtheit auf einer unbewussten Ebene abgehandelt werden, merkt dieser Mensch vor allem, dass er unruhig, besorgt und insgesamt verstimmt ist, aber er weiß nicht, warum er sich so fühlt. Wie soll ein Mensch in einer solchen Verfassung meditieren?

In die Stille gehen
Die Stille hilft, unbewusste Inhalte an die Oberfläche steigen zu lassen Solange wir im Getriebe des Alltags unterwegs sind, kann sich unser Geist bewusst immer nur mit dem beschäftigen, was gerade anliegt. Liegt viel an, dann bleibt er ohne Pause an der Oberfläche dieser Aktualitäten. Erst wenn sich die Gelegenheit ergibt, zur Ruhe zu kommen, also, wie es umgangssprachlich so treffend heißt, »zur Besinnung zu kommen«, können wir beginnen, all die unterschwelligen Strömungen des Geistes zu erforschen. Besonders dann, wenn wir uns vornehmen, dass der Geist ganz still werden soll, erheben die Inhalte des Mentalen ihre Stimme und zeigen sich deutlich. Oft werden wir dann sogar, kaum dass wir uns hinsetzen, von dem, was ins Unbewusste zurückgedrängt wurde, im wahrsten Sinne des Wortes überschwemmt.
Deshalb ist ein regelmäßiges Innehalten und Stillwerden ein unverzichtbarer Bestandteil jeder Meditationspraxis. Wir brauchen die Stille, um zu merken, was eigentlich in uns los ist. Erst wenn wir das erkennen, sind wir in der Lage, diese Gedanken, Gefühle oder inneren Bilder einzuordnen und zu bearbeiten. Die innere Haltung, die uns dabei hilft, ist die des Beobachters bzw. der Beobachterin.
Wir benötigen sie, damit wir nicht von den mentalen Inhalten mitgerissen werden, sondern vielmehr einfach erst einmal nur zur Kenntnis nehmen, dass da eine wahre Flut ist. Aus dieser inneren Distanz heraus treffen wir die Entscheidung, was davon am dringlichsten angeschaut werden muss.

Cittavritti: Die Bewegungen des Geistes und die Instanz des Beobachters
In den Yoga-Sutras, dem Grundlagentext des Yoga, die Patañjali zugeschrieben werden, werden die Bewegungen des Geistes (vritti) genau unterschieden. Vritti heißt wörtlich »Aktivität« oder »Funktion«. Citta ist das »Feld« des Geistes, der Raum oder Bereich, in dem wir seine Aktivitäten wahrnehmen können. Er ist gleichzeitig die Ebene unserer Persönlichkeitsmuster und Strukturen.
Die Aktivitäten des Geistes, die Patañjali benennt, sind das (richtige oder falsche) Erkennen, die Fähigkeit der Vorstellung und des Erschaffens von Konzepten, die Erinnerung und der (Tief-)Schlaf. Der Grad der Intensität und die Ausrichtung vor allem der ersten vier Aktivitäten prägen den Geist bzw. zeigen, »wes Geistes Kind wir sind«.
Das bewusste und dennoch entspannte Beobachten der vritti ist der erste Schritt der inneren Sammlung. Bevor man damit ausreichend Übung hat, werden einzelne Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen den Geist immer wieder besetzen, so dass man den Zustand des Beobachters verlässt und wieder mit den mentalen Inhalten identifiziert ist. Erfahrungsgemäß bekommt man jedoch nach einer gewissen Weile mit, dass man abgeschweift ist, und ist damit bereits wieder zur beobachtenden Haltung zurückgekehrt. Je öfter man das übt, desto schneller bemerkt man das Abschweifen und sammelt den Geist wieder, um weiter zu beobachten.
Das Bild, das dafür gerne gewählt wird, ist, dass man die Gedanken wie Wolken am Himmel vorbeiziehen lässt. Kein Mensch käme auf die Idee, das Dahinziehen der Wolken beeinflussen oder gar anhalten zu wollen. Folgt man den Gedanken so, als wären sie Wolken, dann verlieren sie ganz schnell ihre Anziehungskraft und verblassen oder lösen sich auf. Das geschieht wieder und wieder, wobei der Geist sich allmählich mehr und mehr beruhigt und bei sich bleibt.



Anna Trökes ist eine der profiliertesten Yogalehrerinnen und -autorinnen im deutschsprachigen Raum. Sie unterrichtet seit 1974 und lehrt innerhalb der Yogalehrer-Ausbildungen des Berufsverbandes der Yogalehrenden Deutschlands (BDY) und anderer europäischer Verbände. Sie kombiniert in ihrer Arbeit die Erkenntnisse der Psychologie und medizinischen Forschung mit den seit Jahrhunderten bewährten Übungen des Hatha-Yoga und der Yogaphilosophie des Patañjali. In den letzten 15 Jahren veröffentlichte sie über 30 Bücher, CDs und eine DVD zum Thema Yoga.

Buchtipps:
Anna Trökes, Anti-Stress-Yoga - Was ist Stress und wie wirkt er im Geist und im Körper? Erklärungen, Analysen und viele Übungen, um wieder in die Ruhe des Geistes zu finden, Herder Verlag 2015
Diess., Yogameditation, Ein Handbuch, 256 S., Broschur, Theseus Verlag 2004


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