aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe März/April 2016
Die Quellen des Yoga. Von den indischen Ursprüngen zur westlichen Asana Praxis - eine kleine Reise durch die Geschichte des Yoga. Von Isabell Lütkehaus


Yoga hat eine schon fast verrückte Popularität erlangt, vielleicht, weil wir intuitiv spüren, dass dahinter weit mehr steht als nur Körperübungen (‚Asanas’). In Sanskrit, der altindischen Sprache, heißt das Wort Yoga „vereinigen“. Gemeint ist die Vereinigung von verschiedenen Ebenen des Körpers, des Geistes und der Seele. Yoga ist ein praktischer Weg, ein Versprechen: Indem wir das Jahrtausende alte Wissen anwenden, können wir unsere wahre Essenz, jenseits aller Schichten des Egos, erkennen. Das ist der Weg des Yoga.

Die indischen Quellen des Yoga
Die Wurzeln des Yoga kann man in den Veden finden, den heiligen indischen Schriften (1500 und 800 v. Chr.) und etwas später in der asketischen Gegenbewegung der Shramanas. Was ist das Ich? Was ist die Welt? In welcher Verbindung stehen sie? Das sind die Fragen und die Auslöser des Suchens.
Vielschichtige Gedanken finden wir vor allen in den frühen Upanishaden (Sammlung philosophischer Schriften, ca. 1000 bis 200 Jahre v. Chr) und in Teilen des großen indischen Epos Mahabharata. Davon am bekanntesten ist bis heute die Bhagavad Gita (‚göttlicher Gesang’) mit ihrer Auflistung von drei Wegen des Yoga: Karma Yoga, der Weg der Tat, ist Geschicklichkeit im Tun. Der Schüler lernt zu handeln, ohne Anhaftung an die Handlungsfolgen zu entwickeln. Jnana Yoga ist das Streben nach Erlösung durch Erkennen der letzten Wahrheit. Und Bhakti Yoga, der Weg der Hingabe, führt über die Liebe und Verehrung des Göttlichen zur ultimativen Wahrheit.
Aus diesen frühen Gedanken des Yoga nahm der Weise Pantanjali seine Ideen, die er in 196 kurzen Merksätzen, den Yoga Sutren, zusammenfasste. Diese wurden zum zentralen Werk für das klassische Yoga der Meditation (‚Pantanjali Yoga’), insbesondere weil er Yoga systematisch als Achtgliedrigen Pfad beschreibt, der heute dem yogischen Weg eine Struktur gibt: acht klare und praktische Schritte auf dem Weg zum ultimativen Ziel des Yoga.

Yama: Unser Verhalten gegenüber den Mitmenschen und der Umwelt.Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Wahrhaftigkeit (Satya), Nichtstehlen (Asteya), Enthaltsamkeit (Brahmacharya), Nicht-Besitzen-Wollen (Aparigraha)
Niyama: Unser Verhalten gegenüber uns selbst.Reinheit von Körper und Geist (Saucha), Zufriedenheit (Santosha), Disziplin (Tapas), Selbststudium (Svadhyaya),
Gottvertrauen (Ishvarapranidhana)
Asana: Unsere Körperhaltung.Yogastellungen sollen stabil (sthira) und angenehm (sukha) sein
Pranayama: Unser Umgang mit unserem Atem.
Pratyahara: Das Zurückziehen unserer Sinne von außen nach innen.
Dharana: Konzentration.Vorübung für die Meditation
Dhyana: Meditation.
Samadhi: Tiefe Meditation oder die innere Freiheit

Das Resultat dieser Übungen wäre dann Kaivalya, die höchste Befreiung und Ablösung des Geistes von allem Weltlichen.

Im klassischen Yoga nach Patanjali liegt der Schwerpunkt auf der Kontrolle des Geistes – der Körper und seine Sinnesorgane werden eher als Hindernis auf dem Weg zur vollständigen Befreiung gesehen. Der Körper spielt noch keine große Rolle und mit Asana ist ein fester Meditationssitz gemeint.
Erst Tantra (etwa 500 n. Chr.) brachte eine positive Haltung zum Körper hervor, in dem der Körper als Ausdruck des Göttlichen verehrt wurde. Die ersten Hatha Yoga Schriften stammen aus dem 12. Jahrhundert, das Jahrhundert, welches allgemein als der Beginn der Hatha Bewegung angenommen werden kann. Hatha Yoga bezeichnet eine Form des Yoga, die den Körper als das wichtigste Werkzeug einbezieht. Die wohl bekannteste Yogaschrift ist die ‚Hatha Yoga Pradipika’ von Svatmarama aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Sie wurde zu einem wegweisenden Text des Hatha Yoga. Die nach heutigem Verständnis ‚echten’ Asanas, wie Seitendrehungen oder Umkehrhaltungen tauchten hier zum ersten Mal auf.

Die Erfolgsgeschichte im Westen
Berühmte Yogameister wie Swami Sivananda und B.K.S. Iyengar gaben ihr Wissen nicht mehr nur an eine kleine Elite von Eingeweihten weiter, sondern öffneten Yoga für alle, unabhängig von Kaste, Religion, Geschlecht und persönlicher Vergangenheit, und auch für erste Interessenten aus dem Westen. Direkte Schüler der großen Meister reisten bald nach USA, Kanada und Europa, boten Yogaklassen an und eröffneten erste Yogaschulen. Sie passten das Yoga den typischen Bedürfnissen des westlichen Menschen an. Und hier kam körperbetontes Yoga zunächst besonders gut an, weil man mit den Übungen einen angespannten Geist beschäftigen und beruhigen konnte. Bewegung und Konzentration auf den Atem waren machbare Schritte für den westlichen Menschen, der nicht in der Tradition von Meditation und ganzheitlichem Yoga aufgewachsen war. So entstand eine Meditation in Bewegung.
Ein gewisser Teil des Erfolgs von Yoga, wie wir es heute kennen, verdanken wir den USA, denn dort wurden viele neue Hatha-Yogastile entwickelt, insbesondere das sogenannte ‚Vinyasa Flow Yoga’ mit immer neuen Sequenzen und Varianten, die ineinander fließen. Zusätzlich wird zum Beispiel laute oder leise Musik gespielt oder die Raumtemperatur deutlich erhöht. Indem sich Yoga an die Bedürfnisse des modernen Menschen anpasste, wurde es unglaublich populär, denn es macht schlicht und einfach Spaß und tut gut.

Asana Praxis
Außerhalb von Indien verstehen wir heute unter dem Begriff Yoga meistens ‚Hatha Yoga’, den Weg mit Hilfe der Körperübungen (‚Asanas’), ursprünglich nur ein Teil des achtgliedrigen Pfades nach Patanjali. Hierdurch lernen wir unseren Körper und Atem zu kontrollieren und gleichwohl unseren Geist zu fokussieren. In Asanas geht die Konzentration nach innen. Man erforscht sich selbst und lernt sich kennen.
Asanas werden im Unterschied zur reinen Gymnastik immer in Koordination mit einem ruhigem Atem geübt. Patanjali schreibt in seinen Yoga Sutren, dass eine Asana immer zwei Qualitäten aufweisen sollte: ‚sthira’ und ‚sukha’ (Sthiram Sukham Asanam). ‚Sthira’ steht für Festigkeit, Kraft und Aufmerksamkeit, mit der ein Yogi die Körperstellung einnimmt. ‚Sukha’ bezieht sich auf das Wohlgefühl und die Leichtigkeit während der Übung. Erst wenn eine Asana stabil und mit Leichtigkeit ausgeführt wird, erfüllt sich dieses Prinzip.
Die ursprünglichen Yogis wollten in der Erfahrung des ruhigen Geistes ihre eigene wahre Natur entdecken - Glückseligkeit, Verbindung, Befreiung. Auch moderne Yogis können durch die konzentrierte Ausführung der Übungen im Einklang mit dem Atem für eine Weile einen Zustand erleben, in dem Körper und Geist nicht mehr als getrennt wahrgenommen werden. Durch dieses Erfahren von Einheit können wir einen Eindruck davon bekommen, wie es sich anfühlt, die Dualität der Welt zu überwinden - ein kleiner Vorgeschmack auf innere Ausgeglichenheit.
Gekürzter und angepasster Auszug aus dem Buch: Zu den Quellen des Yoga, siehe Buchtipp



Isabell Lütkehaus lebte und arbeitete fünf Jahre als Unternehmensberaterin in Indien. Zurück in Berlin, gründete die promovierte Juristin eine Kanzlei für Mediation, Supervision und Coaching (i.luetkehaus@konsenskanzlei.de). Trennungspaare und Teams bei einvernehmlichen Konflikten zu unterstützen sowie Einzelpersonen bei Orientierungsfragen zu helfen, darin sieht die zertifizierte Yoga-Lehrerin gelebte Praxis.
Buchtipp: Otto Stricker, Dr. Isabell Lütkehaus, Zu den Quellen des Yoga, echtes indisches Yoga erleben, mit Fotos von Coni Hörler, geb., Pappband, 208 S., mit etwa 100 farbigen Fotos, € 29,99, Irisiana Verlag 2015


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.