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Ausgabe November/Dezember 2015
Worum es im Leben geht. Christian Salvesen im Gespräch mit Mariananda

Wir sind nicht immer nur gut und liebevoll. Es gibt in jedem einen Schatten, der jederzeit aktiv werden kann. Die Berliner Satsanglehrerin Mariananda spricht über ihre Erfahrungen. Das Gespräch führte Christian Salvesen.

Mariananda, Sie haben bereits ein sehr interessantes und erfülltes Leben hinter sich. Welche Stationen und Erkenntnisse erscheinen Ihnen heute besonders wichtig? Oder ist alles nur „Story“?
...hinter mir…na dann! Bin ich nun tot? Eine sehr seltsame Art der Begrüßung! Denn: in meinem Erleben lebe ich ja gerade jetzt, und ich meine das nicht abgedroschen-philosophisch im Sinne von: da ist immer nur das JETZT, alles andere ist Story….Sondern: ist dann jetzt nicht mehr interessant? Nicht mehr erfüllt?
Natürlich ist alles nur Story, aber ohne
diese Story, egal ob eine riesen-große geträumte Illusion oder eine einmalige Gleichzeitigkeit von Geschehen und Geschehendem würden Sie mir keine Frage stellen und ich Ihnen keine Antwort geben… Also dann: Sie fragen, ich antworte. JETZT.
Wichtig? Was soll ich dazu sagen? Das einzige, was mir wirklich dazu einfällt: dass mir die Kraft, die Zuversicht und das Vertrauen mit-gegeben wurden, schon mit 12 Jahren, am Todestag meiner Mutter, Gott und mir selber das Versprechen geben zu können: Ich werde herausfinden, was es mit dem Sinn dieses Lebens auf sich hat. Als Kriegs-Bomben-Kind, Halb-Waise und Dauer-Umzugs-Wanderin hatte ich bereits genug Anteil an Leid und Verzweiflung in meiner Umgebung erfahren, um dieser Frage nicht ausweichen zu können. Ich habe mich damals in dem kleinen Alpendorf vor dem Berg „Nebel-Horn“ hingekniet und laut zu Gott gesagt: Ich verspreche es, aber jetzt muss ich erst trauern gehen.
Es gab immer wieder diese Schnittstellen, Weggabelungen, an denen sowohl dem inneren als auch dem äußeren Leben Genüge getan werden musste. Manchmal machte mich das sehr hilflos, solange bis ich „innen und außen“ als eine Einheit, als Spiegelungen erkennen konnte. Dazu haben mir sicher auch meine vielfältigen Ausbildungen, unter anderem ein Philosophiestudium und die Ausbildung zur Jungianischen Psychanalytikerin geholfen.

Ein zentrales Thema in Ihrer Bewusstseins-Arbeit ist, dass wir uns mit unseren Schatten, mit Konflikten und Gewalt auseinandersetzen. Warum ist das so wichtig? Was bieten Sie da an? Wie sieht Ihr Ansatz aus?
Das Wort „auseinandersetzen“ gefällt mir hier nicht so richtig. Ich will Bewusst-Sein durch Bewusst-Werden verwirklichen, denn erst dann, wenn mir etwas wirklich bewusst ist, dann verändert es sich von alleine. Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Normalerweise besteht - auch unter vielen sogenannten Satsang-Lehrern sehr verbreitet - dieses Bewusst-Werden aus einem rein mentalen „Erfassen“. Bewusst-sein wird verwechselt mit „etwas-denkend-nachvollziehen-können“, etwas denken, wahrnehmen oder fühlen können, wird verwechselt mit „sich seiner Wirklichkeit-bewusst-sein“.
Doch zurück zu Ihrer Frage: Die Auseinandersetzung mit dem Schatten ist so wichtig, weil nur eine gelebte Spiritualität von Bedeutung ist. Der Schatten kann sich sowohl auf negative Fixierungen als auch auf positive Verdrängungen beziehen, die weit über das psychologisch-neurotische Aufarbeiten hinausgehen. In unserem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass das Individuum, das sich von seinem göttlichen Kern, seinem Urvertrauen, seinem Gehaltenseins und seinem wahren, natürlichen Seins weitestgehend entfremdet hat und selbstverloren durch ein scheinbar sinn-entleertes Universum taumelt, sich dessen bewusst wird und dadurch zur Heilung finden kann.
Ich arbeite heute immer mehr mit einigen wenigen, aber sehr tauglichen Instrumenten: dem Diamantkörper, einem von mir entwickelten siebenstufigen Erkenntnismodell, resultierend aus einer Verbindung von geleiteter Meditation, Chakrenlehre und Enneagram, (das Lehr-Buch: Der Diamantkörper erscheint Ende des Jahres) und für Anfänger mit The Work von Byron Katie.

Was bedeutet Erwachen, Erleuchtung, Verwirklichung für Sie?
Ich unterscheide da sehr deutlich und klar. Es finden sicherlich viele verschiedenste „Erwachens-Erlebnisse“ oder „Bewusst-Werdungen“ im Verlauf eines jeden Lebens statt. Wir nennen das gemeinhin auch „Erfahrungen sammeln“. Viele Menschen werden dadurch schlauer, vernünftiger, manche sogar weiser. Das bedeutet, dass viele Menschen im Verlauf ihres Lebens Abstand zu dem bekommen, was sie erlebt haben. Aber mit Erleuchtung oder gar Verwirklichung hat das nicht sehr viel zu tun.
Als Erwachen würde ich jede reflektierte, bewusst strukturierend und bewusst gemachte Erfahrung bezeichnen, die Fähigkeit also, eine Abstraktion zu einer Erkenntnis zu bilden. Bewusstsein wird sich zunehmend seiner Inhalte bewusst. Erwachen ist prozesshaft, wobei es Ebenen, Hierarchien und erkennbare, aufeinander aufbauende Entwicklungen gibt.

Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeits-Gefühle und -Gedanken sollten nicht weiter als etwas Negatives betrachtet werden, sondern als Mutmacher und Aufwecker dienen. Mariananda

Was die meisten Lehrer und ihre Schüler heute erfahren haben, ist eine „Erweiterung ihres Bewusstseins“. Ein Auftauchen als Bewusst-seins-Inhalt dessen, was C. G. Jung die transzendente Funktion nennt. Also ein bis dahin nicht erkanntes transzendentes Bedürfnis innerhalb der Ich-Organisation des Denkens-Fühlens-Wahrnehmens-Apparates des Ego. Einschließlich aller als Siddhis oder als außersinnliche Wahrnehmungen bekannten Phänomene, die es so gibt. Aber in jedem Falle zu der Ego-Super-Ego-Organisation gehörend. Dieser Prozess kann möglicherweise zu seinem Ende kommen, wenn er gewissenhaft und treu begriffen und gelebt wird.
Als Erleuchtung würde ich erst die zuverlässige, dauerhafte Enthaftung, die tatsächliche Freiheit von den sinnhaften Inhalten eben dieses Bewusstseins bezeichnen. Das bedeutet, dass der, dem Erleuchtung zuteil wurde, tatsächlich eine echte dauerhafte Verwandlung in seinem tagtäglichen, sichtbaren Sein zeigt. Eine tiefe Bedürfnislosigkeit, Bescheidenheit, Gewaltfreiheit, Toleranz und Anteilnahme am Leben zeichnen diese wenigen lebenden Menschen aus.
Verwirklichung? Welch hehres Ziel, welche Ziel-Setzung! Ein wahrer Mensch werden, sicher das Ziel der Evolution, das Leitbild für alles, vielleicht sogar der einzige eine Sinn dieses Planeten, des Erscheinens dieses Universums. Da halte ich es mit Sri Aurobindo: „Wenn das erglüht, bin ich nicht mehr von dieser Welt.“

Sehen Sie Anzeichen für eine stärkere Hinwendung zu Fragen wie: Wer bin ich wirklich? Was ist dieses Leben?
Zum Teil ja, aber die Gefahr des Missbrauch besteht darin, dass sich diese Frage oft nur zur noch größeren narzisstischen Befriedigung der geleugneten, verdrängten oder spiritualisierten Ego-Bedürfnisse gestaltet. Nicht Freiheit-wovon, sondern oft missverstanden als Freiheit-wozu.

Wie schätzen Sie die Entwicklung in unserer Kultur bzw. Gesellschaft ein? Bahnt sich tatsächlich ein Neues Bewusstsein an?
Neues Bewusstsein bahnt sich immer dann an, wenn ein bestimmter Siedepunkt der Unzufriedenheit mit dem auftaucht, was bisher gelebt wurde. In der Psychoanalyse nennen wir das den Leidensdruck. Erst wenn der Druck sich so erhöht, dass momentanes Da-Sein als Leiden erkannt wird, bin ich bereit für eine neue Stufe des Erkennens „aufzuwachen“. Insofern leben wir in einer wunderbaren Zeit. Der Leidensdruck der modernen Gesellschaften ist beträchtlich. Also die beste Zeit für Bewusstwerdung und Wandel. Erst wenn ich etwas erleide bin ich bereit für Hinwendung. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeitsgefühle und Gedanken sollten also nicht weiter als etwas Negatives betrachtet werden, sondern als Mutmacher, Aufwecker dienen, und der Anfang zu vertiefter Bewusstwerdung und daraus resultierend, zur Fähigkeit weniger verdunkelter, entfremdeter Bewusst-seins-Erfahrung verhelfen. Je bewusster Denk- und Fühl-Inhalte werden, desto direkter kann Leben als beglückend, erfüllend und zufriedenstellend gelebt werden. Das gilt sowohl für den einzelnen Menschen als auch für eine ganze Gesellschaft.



Mariananda wurde 1941 in Berlin geboren. Sie ist mehrfache, sehr glückliche Großmutter. Sie arbeitete Jahrzehnte als Malerin und Bildhauerin, als Jungianische Psychoanalytikerin, als Enneagramforscherin und -lehrerin und als Buchautorin. Weitere Infos auf www.enneagramtraining.de

Christian Salvesen, geboren 1951 in Celle, Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet seit 1982 als freier Journalist und seit 2006 als Redakteur bei Visionen. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Sein bewegtes Leben, seine Indienreisen und seine Begegnungen mit spirituellen Lehrern aus Ost und West spiegeln sich in seinen Büchern. Weitere Infos zur Arbeit des Autoren auf www.christian-salvesen.de


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