aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe November/Dezember 2015
Echt spirituell sein. Bist du auch schon so weit? - Von Wolf Schneider


Was ist Spiritualität überhaupt? Mit Esoterik sind wir jetzt durch, aber »Spiritualität« ist ein Begriff, der durchaus noch Konjunktur hat. Noch – aber auch er ist schon angezählt. Der Konsum der Worte durch unsere alles verzehrende, zum Aufbrauchen neigende, auch Geistiges zur Ware machende Kultur wird auch den Begriff der Spiritualität nicht verschonen.
Spirituell zu sein ist modern, aber wer mit der Mode, mit der Moderne geht, ist deshalb noch nicht unbedingt echt. Eher ist es so, dass der Hang zum Zeitgeistigen, zum von der Mode Angesagten, ein Hang ist, dem gesellschaftlich Gewollten zu folgen anstatt dem Echten.

Echtheitsberater
Was wirklich »echt« ist, was von innen her ruft, was jeden einzelnen aufruft unverstellt echt zu sein, ohne Kompromisse, das ist ja meist nicht das, was angesagt ist. Deshalb braucht es Mut, dieses Innere der Welt zu zeigen.
Obwohl auch das Echtsein von der modischen Spiritualität gefeiert wird, ist es dann meist doch eher eine Aufforderung, dem zu folgen, was von der Gesellschaft gerade für echt gehalten wird. Mach doch bei mir die Ausbildung zum Authentizitätsberater! Dann kannst du deinen Kunden beibringen, authentische Echtheit zu simulieren. Und nur, wenn deine Show bis ins Einzelne stimmt, erhältst du von mir das Zertifikat, dass du das Zeug zur echten Authentizität hast.

Funken sprühende Wühlkisten
Die Sehnsucht nach Spiritualität hat die Massen erreicht und führt so zu Verfälschungen, Verzerrungen, Verflachungen. So weit, so schlecht. Dieser massenhafte Trend, diese Wanderung der Lemminge zeigt jedoch auch, dass da ein großes Bedürfnis ist nach etwas, das über unseren profanen Konsumismus hinausgeht. Wir wollen haben, gelten und es zu etwas bringen, und nun wollen wir zu alledem oben drauf auch noch spirituell sein. Der Kapitalismus schafft es, auch aus einer eigenen Beerdigung noch ein Geschäft zu machen, sagt man, und so bedient die Kultur des Konsums auch das Bedürfnis sie zu überwinden noch mit Waren. Trotzdem sprühen auch aus den Wühlkisten der popspirituellen Angebote noch immer ein paar Funken, die einen ganzen Menschen entzünden können.

Globalisierung und Vielfalt
Die Unterschiede zwischen den diversen spirituellen und religiösen Kulturen der Welt werden immer geringer. Weihnachten wird auch in Asien und Afrika gefeiert, Halloween in allen westlich akkulturierten Ländern. Mantra-Singen und Yoga-Kurse findet man überall, wo es einen Mittelstand gibt, nur der Ramadan beschränkt sich noch auf den islamischen Kulturraum.
Und während der Globalisierung der Wirtschaft die der Kultur folgt, macht auch die Gegenbewegung Fortschritte: Märkte aller Art splittern sich auf in Teilmärkte und Nischen. Überregional raumgreifende Hochsprachen spalten sich in Jargons und neue Dialekte, und auch die weltumspannenden spirituellen Kulturen und Subkulturen vervielfältigen sich durch Zellteilung. So hat sich Yoga im Westen bereits in mehr als 50 Stile aufgesplittert, in Indien sind es wohl eher ein paar hundert, wenn nicht so viele, wie es Gurus gibt. Und wenn du Taiji machst, dann bitte welchen Stil? Und Zen, ja, aber bitte welche Schule? Und wenn du tibetisch unterwegs bist, musst du dich für Gelugpa, Kagyüpa, Nyingmapa oder sonst ein -pa entscheiden.

Die Ähnlichkeit der Werte
Für die Vertiefung in einer spirituellen Richtung ist die dortige geistige Beheimatung ungefähr so wichtig, wie das in einer Beziehung der Fall ist. Wer ständig nur rumhüpft, hat kaum Chancen, den Urgrund in sich zu erreichen und einer Methode ihr ganzes Potenzial zu entlocken. Trotzdem geht es überall um dasselbe: Akzeptanz, Achtsamkeit, Präsenz im sinnlichen Jetzt, Liebe, Fokussierung, Zuwendung, Gewahrsein der inneren Bewegungen (Gefühle und Gedanken), Hingabe, Wertebewusstsein und Transzendenz, Körper und Geist, das Soziale und die Freiheit.
In allen spirituellen und religiösen Richtungen ringt man mit diesen Themen und Tugenden. Sie sind in ihrem kulturellen Kolorit oft sehr unterschiedlich, aber ob du einem Hungernden aus christlichem oder aus buddhistischem Mitgefühl etwas zu essen gibst, ist für diesen nur von geringer Bedeutung.

Mystik
Um ego-transzendente, ekstatische Zustände zu beschreiben, verwende ich lieber das Wort »Mystik« als »Spiritualität«. Um über Empathie, Güte und emotionale Intelligenz zu sprechen, verwende ich eher das Wort »Ethik«, auch hierfür brauche ich »Spiritualität« nicht. Und Geist? Das ist ein bisschen was Anderes als Spirit, aber beides kommt gut ohne den Wischiwaschibegriff der Spiritualität aus. Auch Süchtige sind als Abhängige von einer mentalen Gewohnheit (die immer auch eine körperliche Komponente hat), geistige Wesen im Sinne von Mens, Mind, aber es würde wohl niemand sie deshalb schon als »spirituell« bezeichnen.

Erleuchtungsstreber
Ich glaube nicht an Astrologie, nicht an Homöopathie, nicht einmal an das Resonanzprinzip und würde mich doch bei einer Umfrage des Religions-Monitors der Bertelsmann-Stiftung als »hoch spirituell« bezeichnen. Warum das? Weil der Begriff »Mystiker« dort nicht vorkommt und das Wort »hoch spirituell« heute immerhin dem Normalo signalisiert, dass bei mir etwas eingetreten ist, das Christen einst »die Umkehr« nannten. Da war ich 22 Jahre alt, wurde buddhistischer Mönch und wollte nur noch eines: die Erleuchtung. Und zwar bitteschön noch in diesem Leben! Nennt man das »spirituell«, wenn einer so drauf ist?

Wortgläubige
Ach, die Worte … vielleicht sollten wir einen Menschen erst dann als spirituell bezeichnen, wenn ihm das egal ist und er auf dieses ganze Gedöns pfeift – und hoffentlich pfeift er eine schöne Melodie. Wenn er also nicht mehr wortgläubig ist. Denn unter, über, nach und hinter all den zum Fanatismus fähigen Glaubensrichtungen gibt es eine, die sich auch in den aufgeklärtesten Geistern noch gerne einnistet: der Glaube an Worte.

Liebe im Härtetest
Wie wäre es damit: Versuchen wir doch einfach, zu den Werten zu stehen, denen wir uns verpflichtet fühlen. Egal, ob das nun Liebe, Wahrhaftigkeit, Empathie oder sonst ein schöner Wert ist, oder alles das zusammen. Und versuchen, auch in Konfliktfällen und unter Stress dazu zu stehen. Und auch an Weihnachten, dem »Fest der Liebe«, an dem, wie Statistiken zeigen, häusliche Gewalt gehäuft auftritt. Ein Liebender zu sein, ein empathischer Mensch auch im Härtetest eines Konfliktfalles, vielleicht ist das ein guter Gradmesser dafür »wie spirituell ich bin«.

Bestanden!
Und wenn das gelingt: Wie gelingt es? Gelingt es uns, indem wir die Vorwürfe gegen uns abprallen lassen, oder eher, indem wir uns von ihnen durchwehen lassen? Habe ich meine Wut in Tatkraft umsetzen können, oder hat sie sich in Ressentiments verwandelt? Fühlst du dich heute, in diesem Konflikt, als hilfloses Opfer feindlicher Umstände und/oder Personen, oder bist du hier, wenn auch anscheinend unfreiwillig, in eine »Schulung für Fortschrittene« geraten?
Möge dabei das Leben selbst der Meister sein, der dann an dich und mich die Zertifikate verteilt, dass wir den Kurs in angewandter Lebenskunst mit Erfolg bestanden haben.



Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kursleiter. 1971-75 Studium an der LMU München. 1975-77 in Asien. Seit 1980 Seminarleiter und Coach. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seit 2007 Theater, Kabarett, Humorworkshops. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.