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Ausgabe November/Dezember 2015
Das Rad des Lebens. Von Wolf Schneider

Nichts Neues unter der Sonne? Unser Leben wird von Wiederholungen (Rad) und Weiterentwicklungen (Linie, Spirale) bestimmt.

n Asien, speziell Indien sind die kulturellen Modelle des Phänomens »Zeit« eher zyklische als lineare. Das Weltgeschehen wird dort als etwas Wiederkehrendes betrachtet, seltener als etwas sich zu ganz Neuem hin Entwickelndes, wie das für Europa in der Neuzeit typisch ist, sondern sowas wie die Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. In Indien kommt zum jahreszeitlichen Wechsel von Wärme und Kälte, langen und kurzen Tagen noch der für die Landwirtschaft so bedeutsame Wechsel von Trocken- und Regenzeit (Monsun) hinzu. Das hat zum Modell des Rades in der indischen Philosophie geführt, auf Sanskrit Chakra genannt.

In den Klauen des Zeitdämons
Chakren sind in Indien nicht nur die in Bildern manchmal als sich drehende Räder dargestellten sieben oder mehr Energiezentren im Menschen, sondern auch das Bhava-Chakra und das Dharma-Chakra. Das Bhava-Chakra, auch Rad des Lebens, Rad des Werdens oder Rad des Leidens genannt. Es symbolisiert in der buddhistischen, speziell tibetischen Philosophie die Ursache-Wirkung-Zyklen unseres Lebens, die karmischen Zusammenhänge. Sie werden in Indien und Tibet gerne als Räder mit zwölf Speichen dargestellt, wobei das ganze Rad von Yama in Klauen und Zähnen gehalten wird. Yama ist ein Dämon oder Gott, der Herrscher über die Zeit und damit auch den Tod. Und das Dharma-Chakra ist das Rad der (buddhistischen) Lehre, die aus dem Rad des Leidens befreien soll.

Samsara
Das Rad des Lebens ist zugleich eine Darstellung von Samsara (übersetzt »beständiges Wandern«), dem Gegenbegriff von Nirvana (Verlöschung, Erleuchtung, Erlösung). Der im Samsara gefangene Mensch ist sich der Verkettung von Ursache und Wirkung nicht bewusst und erschafft so zyklisch wiederkehrendes Leiden. Seine Motive sind Gier und Ablehnung, Wollen und Nicht-Wollen, und jedes dieser Motive hat eine Wirkung, die bald oder später, vielleicht auch in erst in einem späteren Leben, auf ihren Verursacher zurückfällt. So zumindest stellt es die indische Philosophie dar, die damit auch etwas Tröstliches hat, so wie die westlichen Vorstellungen von Himmel und Hölle: Die schlechten Menschen wollen wir bestraft sehen, die guten belohnt. Wenn wir erleben müssen, dass Gute bestraft und schlechte belohnt werden, wünschen wir uns, dass dem irgendwann Gerechtigkeit widerfährt.

Teufels- und Engelskreise
Etwas weniger mythisch, moderner formuliert, haben unsere Taten »in den Systemen«, in denen wir uns bewegen, Wirkungen. Dazu gehören zunächst mal unser eigener Körper und Geist, dann unsere nächsten sozialen Bezugssysteme, unsere Familien und Wahlverwandten, das uns umgebende Land und die Gesellschaft, in der wir uns bewegen. Dort führt Aggression wieder zu Aggression, Liebe zu erwiderter Liebe, auch wenn der Bezug nicht immer ein direkter, einfacher, leicht zu verstehender ist; manchmal braucht es eine Weile, bis die angestoßene Billard-Kugel wieder bei ihrem Verursacher angekommen ist. Dem, was wir in unseren Sprachen »Teufelskreis« oder circulus vitiosus nennen, entspricht auf der positiven Seite der »Engelskreis« oder Glückskreis, das zyklisch oder spiralisch immer wieder neu verursachte Glück.

Spiralen
Spiralisch? Im Modell der Spirale addiert sich zum Zyklischen etwas Lineares, Evolutionäres. Auch hier dreht sich immer noch etwas, aber mit jeder neuen Drehung sind wir auf einer imaginären Linie ein Stück weiter gelangt. Womit sich in dieser geometrischen Figur dem Modell des Kreises oder Rades ein Modell der (Weiter-)Entwickling hinzugefügt hat. Das hat der Figur der Spirale in spirituellen Kreisen zu großer Beliebtheit verholfen. Die westlichen und östlichen Modelle der Zeit scheinen sich hier in einer Figur zu vereinigen.
Allerdings lässt sich diese beliebig weiterdenken: Die imaginäre Linie, auf der sich die Spirale weiterentwickelt, kann eine simple Gerade sein, also eine Linie, die ins Unendliche geht. Oder sie schließt sich wieder in einem Kreis. Oder sie bewegt sich selbst wieder spiralisch weiter, und je nach Modell enden wir dabei in einem geschlossenen System (Kreis, Kugel) oder einem offenen, wie etwa dem astrophysikalischen Modell eines expandierenden Universums.

Fortschritt?
Die Befreiung aus dem, was uns in Wiederholungszwängen gefangen hält, ist nicht nur in der indischen Philosophie eine uralte Sehnsucht. Heute fühlen wir uns am Arbeitsplatz und in Familienzwängen oft wie in einem Hamsterrad gefangen: Wir drehen uns bis zur Erschöpfung immer um dieselbe Achse, wir drehen uns auf der Stelle, ohne dass sich wirklich etwas weiterbewegt. Da wünschen wir uns dann, dass die Kreisbewegung zu einer spiralischen werden möge, oder besser noch zu einer evolutionären Linie der Weiterentwicklung. Sowas wie der »Fortschrittsbalken« auf unseren Computerbildschirmen, wenn wir etwa ein Programm updaten oder oder bei unserer Bankfiliale die Kontoauszüge ausdrucken und uns dann ärgern, wenn der Fortschritt, je weiter sich der Balken nach rechts bewegt, immer langsamer wird.

Deszendenz oder Aszendenz?
Letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass der Fortschrittsbalken unseres individuellen Lebens, Spirale hin, Linie her, mit unserem individuellen Tod endet. Das ist das Ende eines Zyklus. Und ob unsere Kinder oder Schüler oder sonstwie nach uns Kommende es besser haben als wir oder schlechter, klüger sind oder dümmer, weiser als wir oder ebenso idiotisch, das kann man so oder so sehen. Die Entwicklung des Menschen wurde sowohl als Aszendenz (Aufstieg) wie als Deszendenz (Abstieg) beschrieben – in unseren Sprachen haben wir dafür überwiegend Worte wie Deszendenz, so als würden wir von unseren Ahnen herabsteigen zu uns Heutigen, in die heutige Zeit.

Nichts Neues unter der Sonne
Es geschieht nichts Neues unter der Sonne, das suggerieren uns nicht nur die indischen Veden, sondern das sagt auch in der jüdischen und christlichen Heiligen Schrift der weise Prediger Salomo. Alles kehrt wieder. Die europäische Neuzeit hingegen ist, zuerst mit ihren Eroberungen der »Neuen Welt«, dann mit ihrer rasanten technischen und wissenschaftlichen Entwicklung einem Fortschrittsglauben anheim gefallen, der jetzt so weit geführt hat, dass unser herrschendes Wirtschaftssystem wider alle Weisheit und Logik glaubt, ein unendliches exponentielles Wachstum veranstalten zu können.

… oder doch?
Noch krasser den alten Weisen widersprechend sind die Aussagen von Futuristen wie Ray Kurzweil. Sie sind davon überzeugt, dass die Intelligenz der von uns geschaffenen Maschinen (Computer, Roboter) uns schon in wenigen Jahrzehnten überholen wird und nennen diesen Zeitpunkt »technische Singularität«. Um das Jahr 2045 würde die Geschwindigkeit unseres technischen und (folglich) gesellschaftlichen Fortschritts so schnell sein, sagt Kurzweil, dass wir nicht mehr mithalten können, es sei denn, wir würden mit den von uns geschaffenen Maschinen verschmelzen.
Also doch etwas Neues unter der Sonne? Meine Wünsche nach Verschmelzung richten sich allerdings bislang noch nicht auf Maschinen…

Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kursleiter. 1971-75 Studium an der LMU München. 1975-77 in Asien. Seit 1980 Seminarleiter und Coach. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seit 2007 Theater, Kabarett, Humorworkshops. www.connection.de


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