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Ausgabe September/Oktober 2015
Achtsamkeit des Herzens. Von Christa Spannbauer


Kontakt mit dem Leben
„Brich auf, solange du kannst, zum Land deines Herzens.“ Der große Liebesmystiker Melvana Rumi wusste, dass die Antworten unseres Lebens im Herzen zu finden sind. Wie aber können wir, die wir die meiste Zeit im Kopf leben, wieder in Kontakt mit unserem Herzen kommen und dessen Stimme vernehmen?
Wir leben in einer Welt voller Wunder, Geheimnisse und Schönheit. Doch oft fühlen wir uns von ihr getrennt und sind gar nicht dazu in der Lage, die Fülle des Lebens wahrzunehmen und auszukosten. Hektisch und unachtsam jagen wir durch unseren Alltag, sind in Gedanken in der Vergangenheit oder sorgen uns um die Zukunft und sind kaum je zuhause im jetzigen Augenblick, in dem unser Leben stattfindet. Der tägliche Stress und unsere mangelnde Achtsamkeit sind Ursachen dafür, dass wir den Kontakt zu unserem Herzen verlieren. Wir meinen, keine Zeit zu haben, um uns um dessen Bedürfnisse zu kümmern. Und so wird unser täglicher Stress auch zu einer der Hauptursachen für Herzerkrankungen.

Achtsamkeit
Was können wir tun, um wieder zu mehr Ruhe und Gelassenheit zu finden? Wie können wir wieder in unmittelbaren Kontakt mit unserem Leben kommen? Als Antwort darauf griff Zen-Meister Ikkyu einst zum Pinsel und schrieb nur drei Worte: „Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit“. In allen Weisheitstraditionen gilt die Achtsamkeit als der Ausgangspunkt für ein erfülltes Leben. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegten in den vergangenen Jahren das stressreduzierende Potenzial der Achtsamkeitspraxis ebenso wie deren gesundheitsfördernde Wirkung für Herz und Kreislauf.
Stressforscher weisen darauf hin, dass auf jede Stress- und Anspannungsphase eine Erholungs- und Entspannungsphase folgen muss, damit der Organismus nicht erkrankt. Je länger eine Stressphase dauert, desto länger brauchen wir auch, bis wir uns davon erholen und wieder leistungsfähig und motiviert in die nächste Stressphase gehen können. Der natürliche Rhythmus des Herzens von Anspannung (Systole) und Entspannung (Diastole) erinnert uns daran, auch in unserem Leben einen gesunden Rhythmus von Aktivität und Passivität zu schaffen. Deshalb gilt es, sich im Alltag immer wieder achtsam dem eigenen Herzen zuzuwenden. Denn oft leben wir gleichsam abgekoppelt von den Bedürfnissen des Herzens. Wir reagieren auf das, was auf uns einströmt. Wir funktionieren. Doch wir leben nicht bewusst. Reflektieren Sie das nächste Mal, wenn Sie sich gestresst fühlen, welche Wirkung dies auf Ihr Herz hat. Halten Sie für einen Moment inne und befragen Sie Ihr Herz: „Wie geht es dir? Was brauchst du? Was möchtest du mir sagen?“

Übung: Herzvisualisierung
Die folgende Herzvisualisierung kann Ihnen dabei behilflich sein, in Kontakt mit Ihrem Herzen zu kommen und mehr über seine Befindlichkeit zu erfahren. Schließen Sie hierfür die Augen und visualisieren Sie Ihr Herz. Betrachten Sie dieses mit Ihrem inneren Auge. Wie sieht es aus? Welche Farbe hat es? Ist es groß oder eher klein? Sieht es lebendig und gesund aus oder zeigt es Zeichen der Schwäche? Pulsiert es kräftig oder pocht es zaghaft? Wie ist seine Oberfläche beschaffen? Hat es Risse, offene Stellen, Wunden? Zeigt es Bruchstellen? Welche Gefühle erweckt es in Ihnen, Ihr Herz zu sehen?
Vielleicht nehmen Sie nach der Übung Buntstifte zur Hand und malen Sie das Herz, wie es sich Ihnen jetzt gezeigt hat. Wiederholen Sie diese Übung in den nächsten Wochen. Sie werden feststellen, dass sich Farbe und Form Ihres Herzens verändern.

Sich mit dem Herzen verbinden
Mit solch einfachen, doch sehr wirksamen Übungen erhalten wir einen unmittelbaren und vibrierenden Draht zu unserem Herzen und machen uns bereit, die Botschaft unseres Herzens zu empfangen. Lassen Sie es nicht zu, dass die Verbindung zu Ihrem Herzen abreißt! Das geschieht in unserem Alltagstrott nur allzu schnell. Als Folge davon verschließt sich unser Herz.
Indem wir unsere Sinne ganz bewusst mit dem Herzen verbinden, können wir das Leben in bis dahin ungeahnter Intensität erfahren. Wenn wir unser Herz auf Empfang stellen und zum Resonanzzentrum unserer Sinneserfahrungen machen, dann lernen wir gleichsam mit dem Herzen zu hören, sehen, riechen, schmecken und zu spüren: den Vogelgesang am Morgen, die ersten Sonnenstrahlen, die heiße Tasse Tee – all dies mit dem Herzen wahrnehmen und tief in dieses einatmen. Wenn wir aus dem Herzen leben, sind wir ganz gegenwärtig. Anders als unser ruheloser Geist, der im Gestern und Morgen umherjagt, pocht unser Herz mit jedem Herzschlag im Hier und Jetzt. Es befähigt dazu, sich all den Eindrücken und überraschenden Empfindungen, die das Leben jeden Augenblick für uns bereithält, zu öffnen.
Die Achtsamkeit des Herzens gibt uns zugleich auch den Schlüssel für ein glückliches Leben an die Hand. Denn wer in seinem Leben präsent ist, kann sich in jedem Augenblick neu entscheiden, worauf er seine Aufmerksamkeit richten will. Worauf wir fokussieren, das erhält Bedeutung und Stärkung in unserem Leben. Wenn wir also bewusst auf das Positive blicken, können wir Freude an den alltäglichen Dingen des Lebens entwickeln. Schauen Sie sich um! Hören Sie hin! Was können Sie gerade jetzt in Ihrer Umgebung entdecken, das Ihnen ein gutes Gefühl beschert? Wer Schönes in den einfachen Dingen des Lebens zu finden vermag, wer positive Erlebnisse wahrnehmen und vermehren kann, befindet sich auf einem Glücksweg und ist für die Schwierigkeiten und Herausforderungen des Lebens bestens gewappnet. Und je intensiver wir die Momente des Glücks mit allen Sinnen genießen können, desto nachhaltiger prägen sich diese als Glücksspuren in unser Herz ein. Suchen Sie daher bewusst nach Gelegenheiten, angenehme Sinneserfahrungen zu machen. Und nehmen Sie sich ausgiebig Zeit, diese Momente auszukosten und tief in Ihr Herz aufzunehmen. Sie werden erfahren, wie sich zunehmend eine innere Stärke und Belastbarkeit in Ihnen ausbildet, auf die Sie jederzeit zurückgreifen können.


Buchtipp: Christa Spannbauer: Der Stimme des Herzens vertrauen. Erfüllt und achtsam leben. Herder 2015


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