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Ausgabe September/Oktober 2015
Lied der Seele. Zauberworte in schamanischen Ritualen. Von Nana Nauwald

Die Künstlerin Nana Nauwald vermittelt aus ihren lebenslangen Erfahrungen in schamanischen Bewusstseinswelten heraus in ihrem neuen Buch „Mein Wort ist mächtig“ nicht nur Einblicke in das zentrale „Heilmittel“ im Schamanismus: Absicht, Gedanke, Wort, Klan

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen.
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen...
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
Friedrich v. Hardenberg alias Novalis (1776-1801)


In den vergangenen zweiunddreißig Jahren meiner Wanderschaft in schamanischen Welten - vor allem in indigenen Gemeinschaften des Amazonasgebiets - und bei Schamaninnen der Burjaten in Sibirien habe ich an Leib und Seele die tiefgreifende Wirkung von Worten und Gesang erfahren - vorwiegend als heilsame „Zauberworte“, aber auch als „Schadensworte.“
Schadens-Klang aus dem Munde einer Schamanin, eines Schamanen? Ja, das ist ein Teil der Wirklichkeit in den alltäglichen und geistigen Welten der Schamanen indigener Völker - nicht nur am Amazonas. Worte einzusetzen, um anderen zu schaden, ist seit einiger Zeit bei uns „gesellschaftsfähig“ geworden. „Mobbing“ wird es genannt.
Vorwiegend heilsame Klänge habe ich erfahren in vielfältigen, sich auf den Geist der Natur und auf ein geistiges Feld beziehenden Rituale. Und ich habe erfahren, dass schon der absichtsvolle Gedanke Wirklichkeiten erzeugen und beeinflussen kann, auch der Gedanke ist Schwingung, ist Klang.
Klang ist das mächtigste Ritual-Wirkzeug der Schamaninnen weltweit.
Besonders beeindruckt hat es mich, wenn ich die Worte des Gesangs nicht verstand, mich dem Wortklang „ohne Verstand“ hingegeben habe - und nach dem Heilritual wahrnahm, dass sich „etwas“ in mir gewandelt hatte. So bin ich durch die Erfahrungen in den äußeren und inneren schamanischen Welten eine mit Einsicht und Wachstum reich beschenkte Gästin geworden. Und dieses Geschenk beinhaltet auch die Herausforderung eines konstanten „Spür- und Lausch-Aufmerksamkeits-Trainings“. Es lässt mich mehr und mehr „hellhörig“ werden, den Klang meiner Mitgeschöpfe zu erlauschen und sensibel zu sein für die Wirkung von Gedanken und Wort.
Das „verkehrte Wesen“ wieder in den „richtigen“, den harmonischen Zustand in Geist, Seele und Körper zu bringen, ist die Aufgabe der „Medizin“ bei den im Geist des Schamanismus lebenden Völkern.
So ähnlich wie dem Zauberlehrling im „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe ist es auch mir ergangen als ich mich bemühte, einen Heilgesang des alten Shipibo-Meister-Schamanen nachzusingen. „Der Klang kommt von mir, aber die Worte kommen von unseren Schamanen-Vorfahren und von den Geistern. Sie geben sie mir in meinen Visionen. Manchmal kommen auch Worte, die es vorher nicht gab. Es ist auch bei den Geistern nicht so wie früher, sie verändern auch ihre Worte. Die Geister sind die gleichen wie früher, aber ihre Worte haben sich geändert. Meine Worte kommen von meinen Schamanenahnen.
Die Worte, die heilen, haben ihre Kraft von den Geistern, die heilen. Diese Heil-Geister kommen nicht aus unserer heutigen Welt, sie kommen aus der Kraft der Natur, lange vor der Entstehung der Welt.
„Ich bin von einer anderen Welt als du, du bist von einem anderen Geist, du musst in deinen eigenen Worten sprechen und deine eigenen Lieder singen“, so reagierte der Alte auf meinen Geistergesang-Versuch.
Also atmete ich tief durch und begann nach und nach Worte in meinem Geist aufzuwecken, meine eigene Kraft zu weiten. Das war kein leichter Weg, den Mut zu haben, in meinen Worten, meinem Klang für andere heilsam zu „klingen“, es hört sich doch viel geheimnisvoller an, in anderen Sprachen zu singen... Und was mache ich, wenn meine Geister hier in der Heide kein Englisch oder Spanisch verstehen? Das auch die „spirits“ lernfähig sind in Bezug auf Sprache, bezeugte mir eine Burjatschamanin, die mir anvertraute, dass, seitdem sie in Moskau Rituale durchführt, ihre Ahnengeister auch beginnen, auf russisch zu sprechen...
Das Wort, angewendet aus der Verbindung mit dem geistigen Feld heraus, in dem die Heilerin wirkt, kann zur „Wort-Medizin“ werden, wenn es in eine innere Berührung im Patienten führt. In vielen Heil-Kulturen ist es verankertes Wissen, dass die „magischen“ Worte in die Hände fließen und so beim Aussprechen der Worte die Hände durch ihre Bewegungen - „Zaubergebärde“ - und durch Berührung der Hilfesuchenden heilsam wirken.
Was ist nun wichtiger in einer Heil-Zeremonie, das Wort oder der Klang, der Gesang der Schamanin?
Beides, so ist die Aussage der indigenen Schamaninnen in Südamerika und Sibirien, die ich dazu befragt habe. Alle wiesen auch darauf hin, dass nicht nur die Heilerin tief verbunden sein muss mit ihrem Wort und dem Klang ihres Gesangs. Es ist wichtig, dass der Patient bereit dafür ist und sich darauf konzentriert, die Worte und den Gesang in sich hinein fließen zu lassen. Bewusstes Empfangen beim Hören erhöht die Wirkungsmöglichkeiten der aufgenommenen Schwingungen.
In der Sprache des Volkes der Guaraní, Brasilien, bedeutet „Wort“ auch „Seele“. „Wer das Wort belügt oder es verschwendet, übt Verrat an der Seele“, heißt es bei den Guaraní. Diese Wichtigkeit geben sie dem Wort! Gedanken, Worte, Klänge, die heilsame Prozesse aktivieren können, haben ihre Kraft von dem allen Leben zugrunde liegenden „Lebens-Geist“. Das gilt nicht nur für die traditionell schamanischen Kulturen, so kann es auch für mich in unserer heutigen Kultur sein - wenn ich bewusst mit Aufmerksamkeit in die Berührung mit dem „Geist der Natur“ gehe. Und dabei nicht vergesse: auch ich selbst bin „Natur“, bin ein Kind des Geistes der ersten Schöpfung.
Eine tiefe, heilsame Berührung meiner Seele kann durch so etwas „Einfaches“ geschehen wie dem Rauschen der Blätter eines Baumes, dem Gesang der Vögel. Mich von einem mir wohltuenden „Klang“ einhüllen zu lassen, so dass er in jede meiner Zellen fließt und meinen Geist zur Ruhe bringt, mein ganzes „Sein“ stärkt und meine Seele lächeln lässt – das kann auch der Gesang eines raschelnden Blätterbüschels bewirken!
Auf einer meiner ersten Reisen in die Welten der Amazonas-Schamanen habe ich ihn kennen und lieben gelernt, den Klanggeist der Blätter. Mit dem Rascheln eines Bündels von Blättern während des Rituals bewirkte der Schamane, dass „so etwas wie ein Zelt über uns aufgebaut wird, so dass wir im Ritual geschützt sind. Nur gute Geister können durch dieses Schutzdach kommen, denn es ist der Geist des Waldes, der uns durch den Gesang seiner Blätter schützt. Dieser Geist ist wie eine gute Mutter, die ihre Kinder schützt und lehrt.“ Es sind solche „einfachen“ Wahrnehmungs-Erfahrungen, die mich mehr und mehr in die Lage versetzt haben, den Erscheinungen der inneren Natur und der äußeren Natur zu lauschen.
Dieses Lauschen kann in die egofreie Verbindung mit dem eigenen Geist führen und die eigene Kraft des Klangs, der Worte wecken - die nicht in der Bedeutung der Worte liegt, sondern im Geiste derer, die „spricht“. Wenn jemand das „ist“, was sie sagt, dann wirkt das Wort, dann kann aus dem Wort ein „Zauberwort“, eine Medizin werden - nicht nur zum Wohl des Menschen, sondern auch zum Wohle aller Wesen.


Nana Nauwald, geb. 1947, Künstlerin, Autorin, Dozentin. Sie erforscht seit 32 Jahren schamanische Bewusstseinswelten in Südamerika, Sibirien und Nepal. In ihren Seminaren und Vorträgen inspiriert sie zu einem dem heutigen Leben entsprechenden kreativen Wirken durch im Schamanismus wurzelnde Methoden und Rituale. www.ekstatische-trance.de – www.visionary-art.de

Buchtipp:
Nana Nauwald, Mein Wort ist mächtig – Die Kraft der Worte in heilsamen Ritualen, AT-Verlag


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