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Ausgabe September/Oktober 2015
Seelenmedizin. Schamanische und andere geistige Heilweisen. Von Wolf Schneider


Die Sehnsucht nach schamanischen Heilweisen ist vor allem eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der es bei uns noch Kräuterfrauen gab und am Äquator gutherzige Wilde. Als in den Urwäldern noch egalitär organisierte, frauenfreundliche Stämme lebten, intim rückverbunden (re-ligio) mit dem Ganzen und der Natur. Als dann jedoch ab dem 16. Jahrhundert in Europa zunächst die Männer und später Maschinen die Medizin bestimmten, wurde der Mensch nur noch als etwas Materielles betrachtet und den Ärzten fehlten Liebe, Empathie und das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte ihrer Patienten.

Früher war alles gut
Solange wir Menschen noch aus dem Bauch unserer Mutter kommen, in dem für alles gesorgt war, ist dem Glauben daran, dass es früher einmal alles besser war, durch Fakten wohl nicht beizukommen. Auch Schamanen können helfen, das will ich gar nicht bestreiten, aber sie sind keine Wunder-Doktoren. Ihre Beliebtheit ist ein Signal mit dem Zaunpfahl, dass der Schulmedizin etwas fehlt. Sobald diese naturwissenschaftlich orientierte Medizin das Verlorene (wieder)gefunden hat, werden die Schamanen nicht mehr beliebter sein als Mittelaltermärkte und Paläodiäten, die ja ebenfalls ein Zeichen dafür sind, dass der Moderne etwas fehlt. Obwohl auch die populären Mittelalterdarstellungen Beschönigungen sind, ebenso wie unsere Bilder von Winnetou und all den anderen »guten Wilden«.

Was fehlt der Schulmedizin?
Was fehlt denn der heute bei uns üblichen Medizin, die von »den Alternativen« »Schulmedizin« genannt wird? Die Ärztin, die vor vielen Jahren meine Bewerbung zur Aufnahme in die Massageschule der orthopädischen Klinik zu beurteilen hatte, konnte es gar nicht fassen, dass jemand »mit einem solchen Abiturzeugnis« nicht Medizin studieren wolle. Aber ich wollte nicht. War die »Seelenlosigkeit« dieser Medizin der Grund dafür? Ich hätte es nicht »Seele« genannt, damals nicht und auch heute nicht. Ich möchte das Fehlende auch nicht »Psyche« nennen, den griechischen Begriff für die Seele, auch der behagt mir nicht. Was ist es nur, was dieser Medizin fehlt?

Zauberhafte Wirkung
Das Fehlen individueller Zuwendung gehört gewiss zu den Gründen, die Ärzte unbeliebt machen und Heilpraktikern wie Homöopathen Zulauf verschaffen. Man will ja nicht wie am Fließband und nach Schema F behandelt werden. Und dann gibt es auch noch jenen Anteil an der Heilung, den auch die Placebo-Methoden erreichen. Der macht im Durchschnitt immerhin ungefähr die Hälfte einer Heilwirkung auch bei physischen, somatischen Verfahren aus. Von diesem mysteriösen Anteil an der Heilwirkung sagen die Schulmediziner, er beruhe auf einer Täuschung des Patienten, das sei ethisch nicht zu vertreten. Sie wollen ihm nur das Verum, das Wahre verabreichen. Wenn aber das, was hier »Täuschung« genannt wird, immerhin die Hälfte der Wirkung ausmacht und außerdem bei Nebenwirkungen und Kosten punktet, sollten wir uns dann nicht verstärkt dieser zauberhaften Wirkung zuwenden? Vielleicht ist »Täuschung« nicht der richtige Begriff für den Glaubensanteil an einer Heilwirkung. Ich würde es eher Beheimatung in einer Überzeugung nennen, in etwas Geistigem.

Leben in der Komfortzone
Auch wenn die Wellness-Methoden nur selten über das Plätschern in seichten Gewässern hinausführen, weil sie es nicht wagen, den Menschen, der dort doch vor allem Kunde ist, aus seiner Komfortzone hinauszuführen – die Sehnsucht des Menschen nach Wohlgefühl ist ein guter Wegweiser in Richtung Heilung. Diese Sehnsucht kann ja auch als Sehnsucht nach einer Vertiefung des gesamten Erlebensspektrums verstanden werden. Dann können wir zum Beispiel auch den Schmerz so umarmen, dass sein Brennen oder Stechen im Körper als Wärme aufgenommen wird. Vor allem bei seelischen Schmerzen führt Ablehnung nicht zu Wohlgefühl, sondern zunächst entweder zu Verdrängung oder zu Schuldzuweisungen und langfristig zu chronischem Leiden. In der Komfortzone erschlaffen wir, geistig wie körperlich. Wir brauchen nicht nur Ruhe, sondern auch Anreize. So wie Zucker- und Weißmehlnahrung (englisch comfort-food) den Körper pampern, so lullen die Tröste-Philosophen (vom lieben Gott oder der gütigen Mutter Natur) den Geist ein.

Mut
Wer vor der Angst davon läuft, erlebt noch mehr Angst. Wer vor dem Schmerz davon läuft, erlebt noch größere Schmerzen. In beiden Fällen meine ich vor allem die psychischen Ängste und Schmerzen. Man könnte auch sagen: die Schmerzen des Ego, der Ich-Identifikation. Dazu gehören die Angst vor Blamage, der Schmerz des Scheiterns mit einem Projekt oder der Schmerz von Ablehnung und Kritik. Sich leichtsinnig in körperliche Gefahren begeben, das meine ich hier nicht, sondern die Risikobereitschaft in geistiger, psychischer, seelischer Hinsicht. Das Risiko zu entdecken, dass »ich ein anderer bin« als ich dachte. Der Mut, das eigene Selbstbild zu riskieren und der Umgang mit den dabei entstehenden Schmerzen.

Identitätsreisende sind gesünder
Das eigene Selbstbild zu riskieren, das ist es, was das Leben zu einem Abenteuer macht, und diese Art Abenteuer ist gesund! Es steigert die Durchblutung, es energetisiert den ganzen Körper. Solche Erregung macht schön! Dazu gehört auch das Lampenfieber vor Bühnenauftritten, das eine etwa aufkommende Grippe verscheuchen kann, und … Bühnen gibt es genug. Jede Begegnung mit Menschen ist eine Bühne. Wir können sie nutzen, um echter zu werden, tiefer, authentischer. Wir können dabei Neues in uns selbst entdecken, denn jedes neue (und sich wandelnde alte) Gegenüber lockt etwas Anderes aus uns hervor.

Bühnen für den Wandel
Grad war ich auf drei Festivals: dem Heartbeat auf Schloss Bettenburg, dem BecomeLove im Biohotel Essentis und dem animoVida im Haus Ebersberg (in Hessen). Überall fröhliche, mutig aufbrechende, offenherzige Menschen. Überall Bühnen! Ich hatte dort immer mal wieder »die Bühne« für einen Auftritt als Humorist, Vortragender oder Humor-Workshopleiter, dazwischen aber alle diese kleinen Bühnen, die Pausengespräche und Begegnungen im Tanz oder auf den Gängen zwischen den Events. Auf der Weiterfahrt mit der Bahn gab es weitere: die Bühnen im Abteil. Und dann, auf der Suche nach Betreuern für das Connection-Seminarhaus führe ich »Bewerbungsgespräche«, auf denen beide Seiten einander zugleich umwerben und prüfen und beide auf der Bühne stehen.

Heimatidentitäten
Nun weiß ich immer noch nicht, was die Seele ist. Aber ich weiß, dass wir einzigartig sind und uns auf unserer Lebensreise so sehr wandeln, dass genau genommen sogar jeder Moment auf dieser Reise einzigartig ist. Inmitten von diesem ständigen Wandel aber gibt es Strecken der Geborgenheit. Nester, in denen wir uns besonders wohl fühlen. Nennen wir sie Landeplätze. Im Äußeren können das Landungen in einer Umgebung oder Beziehung sein. Im Inneren sind es Beheimatungen in einer Identität, in denen der reisende Held in seiner unaufhörlichen Verwandlung mal Pause macht – Heimatidentitäten. Gibt es auf dieser Reise etwas, das immer gleich bleibt und mich als einzigartig auszeichnet? Eigentlich nicht. Aber wenn doch, dann würde ich vielleicht das »meine Seele« nennen.


Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kursleiter. 1971-75 Studium an der LMU München. 1975-77 in Asien. Seit 1980 Seminarleiter und Coach. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theater, Kabarett, Humorworkshops. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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