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Ausgabe September/Oktober 2015
Zur Liebe zurückfinden. Wenn die Fähigkeit zu vertrauen erschüttert wurde. Von Jochen Meyer


Alles hatte so gut angefangen. Endlich ein Mann, mit dem es etwas werden könnte! Silke begegnet Ralf beim Besuch einer Ausstellung; er verwickelt sie in ein Gespräch, als sie vor der Kasse in der Schlange stehen. Sie können sich gut unterhalten, und schnell findet Silke heraus, dass sie einen ähnlichen Geschmack und viele gemeinsame Interessen haben. Sie verabreden sich zu weiteren Treffen und schnell wird klar, dass beide an einer festen Beziehung interessiert sind. Silke ist beeindruckt, wie offen und feinfühlig Ralf auf sie zugeht, ohne sie jemals zu bedrängen. Meist lässt er zwischen ihren Verabredungen einige Tage verstreichen, so dass sie sich über ihre Gefühle für ihn klar werden kann. Gleichzeitig hält er die Verbindung aufrecht und übernimmt die Initiative zu neuen gemeinsamen Aktivitäten.
„Alles fühlt sich gut an“, denkt Silke, „so, wie es sein muss!“ Sie merkt, wie wohl sie sich in Ralfs Gegenwart fühlt und wie sich ihr Herz für ihn öffnet. Auch ihre ersten Nächte sind wunderbar.
Silke verliebt sich in Ralf und hat das Gefühl, am Anfang einer wundervollen Liebesbeziehung zu stehen. Sie verbringen einige Monate von großer Intensität und Nähe und Silke beginnt, sich in der Beziehung mit Ralf sicherer zu fühlen. Eines Abends sagt sie zu ihm: „Ich bin so froh, dass wir ein Paar geworden sind!“ Erst später realisiert sie, dass er sich über diese Bemerkung nicht zu freuen scheint, sondern stumm und irgendwie abwesend bleibt. Am nächsten Morgen ist Ralf wie ausgewechselt. Tonlos und ohne ihr in die Augen zu schauen, eröffnet er ihr, dass er sich in einer festen Beziehung eingeengt fühle und sich und Silke nie als Paar gesehen habe – er wolle keinen weiteren Kontakt mehr zu ihr. „Es tut mir leid – bitte ruf‘ mich nicht mehr an!“ sind seine Worte, als er geht und Silke fassungslos zurücklässt.

Wenn das Selbstvertrauen im Keller ist
Immer wieder überrascht mich, wie viele Frauen ähnliche Erfahrungen machen wie Silke. (Allerdings kenne ich auch Männer, die Vergleichbares erlebt haben.) Im extremsten Fall vollzieht der Partner den Beziehungsabbruch „anonym“ – er verschwindet ohne jede Erklärung einfach aus dem Leben und ist nicht mehr erreichbar. Andere deuten den bevorstehenden Rückzug mehr oder weniger unmissverständlich an. Wieder andere versuchen immerhin, ihre Beweggründe verständlich zu machen. Und manchmal kommt es auch zu einem Wechsel von Beziehungsabbrüchen und neuerlichen Anläufen, bis einer von beiden das Hin und Her endgültig beendet.
Wer so etwas erlebt, dessen Selbstbild ist in der Regel erst einmal erschüttert. Er durchlebt ein Wechselbad der Gefühle, ohne daran viel ändern zu können. Er ist verunsichert, ohnmächtig und wütend, voll unbeantworteter Fragen und auf der Suche nach Erklärungen, die Halt geben könnten. Er versteht nicht, was passiert ist und warum. Es erschüttert die Stabilsten, wenn eine für sicher gehaltene Verbindung vom einen auf den anderen Tag nicht mehr existiert. Es macht ohnmächtig und hilflos, wenn der Partner die Trennung eigenmächtig durchzieht und man nicht in den Vorgang eingebunden wird. Es bringt einen fast um den Verstand oder fühlt sich zumindest so an, wenn einen der Mensch, an dessen Liebe man bislang sicher geglaubt hat, auf unerklärbare Weise verlässt. Das ist logisch nicht zu verstehen und stürzt die Betroffenen in Momente tiefer Verzweiflung. Das damit einhergehende Grübeln über das, was geschehen ist, über mögliche Motive des Partners oder eigene Anteile ist oft selbstquälerisch und führt nicht weiter. Es ist wichtig zu wissen, dass es auf eine logisch nicht begreifbare Situation keine Antworten gibt, die Sinn machen. Wer sich nach einem solchen Erlebnis verunsichert und erschüttert fühlt, erlebt erst mal eine ganz natürliche seelische Reaktion. Erschüttert sein nach einer unerwarteten Trennung ist angemessen und Teil der natürlichen Verarbeitungsprozesse. Es kann eine Weile dauern, aber normalerweise lässt die Erschütterung mit der Zeit nach und geht mit zunehmendem Abstand ganz vorüber.
Problematisch wird es, wenn die Verunsicherung dauerhaft bestehen bleibt und es den Betroffenen auch nach Monaten oder Jahren nicht möglich ist, sich neu zu verlieben. Dann ist die Angst vor einer neuerlichen Enttäuschung so machtvoll, dass alle Impulse, sich wieder für einen neuen Partner zu öffnen, unterdrückt werden. Die Betroffenen erleben sich in solchen Fällen als Opfer und fühlen sich nicht fähig, jemals wieder zu vertrauen. Oft glauben sie auch, eine weitere Erfahrung dieser Art nicht noch einmal verkraften zu können.

Wie neues Selbstvertrauen aufgebaut werden kann
Wer so fühlt, erlebt die ihn umgebende Mitwelt als sehr machtvoll und sich selbst als schwach und ohnmächtig. Ihm stellt sich die Aufgabe, wieder Zugang zu seiner Kraft zu finden, neues Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit zu fassen und in das Vermögen, eine solche Erfahrung seelisch zu bewältigen. Die Herausforderung besteht darin, das Erlebte nach einer solchen Erfahrung so zu verarbeiten, dass man sich schließlich gestärkt und bereit für eine neue Beziehung fühlt. Kompetente Unterstützung durch einen erfahrenen Coach oder Therapeuten ist hier oft sehr hilfreich, da stark verunsichernde Beziehungserfahrungen am besten durch stabilisierende, vertrauensvolle Erfahrungen mit verbindlichen Bezugspersonen ausgeglichen werden.
Als Silke nach Ralfs Beziehungsabbruch zu mir ins Einzelcoaching kommt, findet sie es nützlich zu verstehen, welche Kräfte die menschliche Psyche zu mobilisieren vermag, um plötzliche Verluste zu verarbeiten. Auch für sie ist es hilfreich herauszufinden, wie sie mit ihren Ohnmachtsgefühlen umgehen und ihr Leben trotzdem selbstbestimmt weiterführen kann. Sie fängt an, Tagebuch zu schreiben und nimmt sich ganz bewusst eine Beziehungsauszeit, um sich seelisch Raum für die Pflege ihrer Wunden zu geben. Im übrigen verbringt sie viel Zeit mit ihren Freunden und Familienmitgliedern, denn auch für sie ist es das Wichtigste zu erleben, dass die übrigen Menschen in ihrem Umfeld weiterhin zuverlässig für sie da sind. Sie spürt neues Selbstvertrauen in sich aufsteigen, als sie erlebt, dass andere ihr zutrauen, mit der Situation fertig zu werden. Auch durch die Sitzungen mit mir kommt sie wieder mit ihren Stärken in Kontakt. Sie findet Raum in sich für das Unfassbare, das sie weiter beschäftigt. War es für sie anfangs manchmal kaum auszuhalten, dass Ralf sie so abrupt verlassen hat, so kann sie jetzt immer besser damit sein. Immer besser kann sie akzeptieren, dass ihr Selbst für eine gewisse Zeit lang „angeknackst“ sein wird – dass sie aber jenseits davon über ein weit größeres, umfassenderes Selbst verfügt, welches sie trägt und ihr Halt gibt.
Durch das Coaching findet Silke auch wieder Zugang zu dem in ihr schlummernden Potenzial zu lieben. Sie erkennt, dass die in ihr vorhandene Fähigkeit zu lieben – zum Beispiel einem Mann wohlwollend, offen und integer zu begegnen – nicht von einer einzigen, unglücklichen Beziehungserfahrung beseitigt werden kann. So wird es ihr möglich zu sagen: „Auch wenn ich verlassen wurde und mich dementsprechend verunsichert fühle, kann ich eines Tages wieder eine glückliche Liebesbeziehung eingehen. Mein Potenzial zu lieben ist von der Begegnung mit Ralf unberührt und weiter in mir vorhanden.“ Silke spürt, dass sie mehr ist als ihr „angeknackstes Selbst“, wie sie es inzwischen liebevoll nennt. Als ich sie einmal während einer Coaching-Sitzung einlade, vom Platz ihres „wahren Selbst“ auf ihr „angeknackstes Selbst“ zu schauen, sagt sie: „Ja, auch mir kann so etwas Unfassbares passieren, aber ich bin stark genug, diese Erfahrung zu tragen. Ich lebe weiter und komme aus eigener Kraft darüber hinweg. Mein Selbst ist zwar angeknackst und ich fühle mich manchmal noch hilflos nach der Trennung – aber ich weiß, dass ich mich weiterentwickele und eines Tages auch wieder einem Mann vertrauen werde. Ich finde einen Weg. Einen Weg zurück zur Liebe.“
Haben Sie etwas Vergleichbares erlebt und leiden an den Folgen eines Beziehungsabbruchs? Eine Gruppe für Betroffene ist in Planung. Weitere Informationen beim Autor dieses Beitrags.


Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. www.jochen-meyer-coaching.de


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