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Ausgabe September/Oktober 2015
Erkenne dich selbst! Von Wolf Schneider


Der Mensch ist ein mit Selbsterkenntnis begabtes Wesen. Unterscheidet ihn das von den Tieren? Immerhin können Elefanten, Affen und Elstern sich im Spiegel individuell selbst erkennen. Ein so ausgeprägtes Selbstbild wie der Mensch haben sie jedoch nicht. So weit, so gut, aber … ist das Herumlaufen mit einem Bild von sich selbst überhaupt eine Erkenntnis und nicht vielmehr ein Irrtum, wie der Buddhismus und die aus Indien stammende Advaita-Lehre es seit immerhin einigen Jahrtausenden behaupten?

Ich, Selbst, Ego
Es gibt diesbezüglich einige Verwirrung. Die Psychologie hat sich die Begriffe Ich, Selbst, Ego, Individuum und individuelle Persönlichkeit, deren Bedeutungen im Grunde einander sehr ähnlich sind, je nach psychologischer Schule in Nuancen anders zurechtdefiniert. Meist wird ein starkes Ich, Selbst oder Ego von Psychologen als positiv bewertet. Es gilt als ein Zeichen der Souveränität und Autonomie des Menschen, ein Zeichen von Reife und Erwachsensein. Ein Großteil der spirituellen und religiösen Weltanschauungen hingegen bewertet das Ich oder Ego – oft unterschieden vom Selbst – als größtes Hindernis der erstrebten »Transzendenz«, der Entwicklung zu Höherem, Geistigem, Heiligem, Göttlichem.

Ego hui, Ego pfui
Manche Menschen können gut mit solchen Gegensätzen umgehen und sagen dann: Das sehen die einen eben so und die anderen so. Die Seelenruhe, die diesen Künstlern der Akzeptanz das für den Moment verschafft, sei ihnen gegönnt. Wenn es aber ans Tun geht und in die Interaktion mit Menschen, haben wir die Frage wieder auf dem Tisch: Ist das Ego oder Ich (zumal ein starkes) nun etwas Gutes oder nicht? Soll ich dich und mich dafür beschimpfen, ein so starkes Ego zu haben und soll ich mich notfalls gegen dein Ego zur Wehr setzen oder soll ich uns dafür loben, dass wir dank unseres Egos Nein sagen können und uns nicht missbrauchen lassen, dass wir keine Mitläufer sind und so leicht kein verführbares Stimmvieh? Wir sind stark, wir wissen selbst, wo’s lang geht, wir können auch mal auf den Tisch hauen, wenn uns etwas nicht passt. Gut so, oder?

Auf ewig uneinsichtig?
Die psychologisch Geschulten, erst recht die Öko- und Polit-Aktivisten, würden solchem Ego-Applaus wohl zustimmen. Nicht hingegen Self Inquiry betreibende Spiris, die tagaus, tagein darauf aus sind, in sich noch Reste von Ego-Motivation zu entdecken. Wenn sie sich dann dabei erwischen (das kommt oft vor), irgendwo »noch« der Illusion eines abgetrennten Ich anzuhaften und hieraus zu handeln, dann geben sie als gute Spiris das vor sich und anderen zerknirscht zu. Wenn sie überhaupt »schon so weit sind«, das zu bemerken! Wofür sie sich dann auf die Schulter klopfen. Das ist die Praxis des Ego-Bashings. In den christlichen Ländern hat das die früher übliche Selbstbezichtigung ersetzt, ein auf ewig (oder zu Lebzeiten) uneinsichtiger Sünder zu sein vor dem Herrn.
Ich hingegen, Gnade mir und und meinem uneinsichtigen Ego, halte dieses Problem für aufklärungsbedürftig – und mich und euch an diesem Punkt für aufklärbar. Wir alle laufen mit einem Selbstbild herum, soweit klar, oder? Das haben uns Eltern, Erzieher, Lehrer und andere Besserwisser aufgedrückt, und wir haben auch selbst mit daran gebastelt, weil wir ja auch Fähigkeiten zur Selbsterkenntnis haben und merken, ob wir schüchtern oder draufgängerisch, arrogant oder eher zu bescheiden sind.

Wir sind wer!
Dieses Selbstbild ist also offenbar aus einer Interaktion zwischen dem, was wir über uns selbst denken und dem, was andere über uns denken, also aus Fremd- und Selbstbildern entstanden und wird laufend nachgebessert. Es macht uns wiedererkennbar, beziehungsfähig (!), vielleicht sogar ein bisschen verlässlich. Wir »sind wer« durch dieses individuelle Bild, das wir von uns selbst und andere von uns haben – mit gewissen Differenzen. Es ist unsere Adresse unter Menschen. Es macht uns zu einem Teil der Gesellschaft. Macht es Sinn, darauf herumzuhacken und es als größtes vorstellbares Hindernis einer spirituellen Entwicklung zu behandeln? Nicht wirklich, meine ich …

Die Self Inquiry
Zur Ehrenrettung der Self Inquiry (Selbsterforschung) sei hier nochmal gesagt: Ja, es macht Sinn, sich die Frage »Wer bin ich?« zu stellen! Sogar rund um die Uhr. Und es macht Sinn, dabei darauf zu achten, an keiner der auftauchenden Antworten zu sehr festzuhalten, denn alles ist ja im Fluss, wie wir seit Heraklit wissen. Aber wenn wir gründlich nach dem Ich, Ego oder Selbst suchen, finden wir nichts. Ich jedenfalls habe bei aller gründlichen Introspektion »mich« noch nicht gefunden, und ich schwöre: Ich habe gründlich gesucht! Was wir finden, ist ja immer immer ein Objekt. Das Ich, was sucht, ist jedoch das Subjekt. Klar, dass wir da nichts finden.

Transparenz!
Und doch hat diese Suche ein Ergebnis: Wir erlangen dadurch Transparenz. Die Selbsterforschung leuchtet unsere Innenwelten nach blinden Flecken aus, sie wirkt wie ein Scheinwerfer in der Dunkelheit unserer meist nur halb bewussten inneren Motive und Identifikationen. Der gefährliche, weil dunkle, unbewusste Teil wird dadurch kleiner, wir werden bewusster, heller, transparenter. Aber nicht egolos! Hoffentlicht nicht. Sonst wären wir ein Pflegefall oder reif für die Klapse. Transparenz ist das Ziel, nicht Ego-Abschaffung! Es ist ja immer das vermaledeite Ego, das dabei sich selbst abzuschaffen versucht.

Hindernisse beim Nestbau
Neben dem sündenbewussten Bashing des Ich hat die Ego-Verurteilung noch eine weitere unerwünschte Nebenwirkung, die bei den meisten spirituellen Lehren leider nicht auf dem Beipackzettel steht: Sie unterminiert das Gefühl der Geborgenheit in Beziehungen. Sie diskreditiert den Nestbau, das sich Beheimaten in anderen Menschen, in Bindungen und festen Freundschaften. Wenn das Ich etwas Schlechtes ist, dann muss, nach derselben Logik, auch das Du etwas Schlechtes sein und ebenso das Wir. Und wenn das Ich grenzenlos ist, konturlos, permeabel, dann auch das Du. Wenn wahre Liebe voraussetzt, dass du und ich kein Ich mehr haben, wen würde ich denn da lieben? Einen Ozean, in dem alles verschwimmt? Eine Liebeserklärung an den Ozean vor mir oder an den wolkenlosen Himmel? Nein danke. Ich möchte gemeint sein und als individuelles, einzigartiges Wesen erkannt werden und auch in dir ein solches erkennen.

Der Himmel scheint durch uns hindurch
Gerne stehe ich vor dir als Liebender wie vor dem grenzenlosen Himmel. Aber vor diesem Himmel sehe ich eine unverwechselbare Struktur, die durchaus mehr Bestand haben darf als eine weiße Sommerwolke. Ich bin zwar morgen ein anderer als heute, aber doch nicht in jeder Hinsicht. Ich möchte für dich transparent sein, erkennbar, durchschaubar und möchte ebenso dich erkennen und durchschauen in deiner Einzigartigkeit! Und wenn du dich nicht vor mir versteckst, weil du mir vertraust, dann wirst du in deinem unverwechselbaren Wesen transparent sein. Dann kann ich durch dich den Himmel erkennen! Für diesen Blick in den Himmel muss ich kein Ego vernichten – deines nicht und meines nicht.



Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kursleiter. 1971-75 Studium an der LMU München. 1975-77 in Asien. Seit 1980 Seminarleiter und Coach. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theater, Kabarett, Humorworkshops. www.connection.de


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