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Ausgabe Juli/August 2015
Krafttiere, Helfer der Schamanen. Von Roland Urban


Im Rahmen des Basisseminars der Foundation for Shamanic Studies ´Der Weg des Schamanen´ werden die TeilnehmerInnen u.a. in die Technik der schamanischen Reise eingeführt. Die erste dieser Reisen führt in die Untere Welt zum Krafttier. Dies geschieht nicht zufällig, der allgemeine Grund ist einfach erklärt: Das Krafttier ist einer der wichtigsten Helfer des Schamanen bzw. schamanisch Praktizierenden.

Was sind Krafttiere?
Michael Harner – Anthropologe, Gründer der Foundation for Shamanic Studies und maßgeblicher Entwickler des Core-Schamanismus – hat herausgefunden, dass transkulturell eine Grobstruktur des schamanischen Kosmos zu finden ist. Demzufolge wird zwischen Unterer Welt, Mittlerer Welt und Oberer Welt unterschieden. Dies bedeutet nicht, dass tatsächlich alle indigenen Kulturen diese drei Welten beschreiben, geschweige denn für ihre schamanische Arbeit nutzen, sondern dass dieses Modell sämtliche kosmologischen Phänomene kohärent und widerspruchsfrei zu vereinigen bzw. zu erklären imstande ist.
Krafttiere sind in der Regel in der Unteren Welt anzutreffen. Auch hier geht es nicht darum, dass dies ausnahmslos so ist; vielmehr ist wichtig, dass wir einige grundsätzliche Gesetzmäßigkeiten kennen. So etwa, dass sich Obere und Untere Welt – im Gegensatz zur Mittleren Welt – (angelehnt an den Kulturforscher Wladimir G. Bogoras) ´außerhalb der Zeit befinden´. Dies bedeutet erstens, dass in der Oberen bzw. Unteren Welt keine Zeit, so wie wir sie kennen, existiert; desweiteren, dass wir mittels divinatorischer Exploration dieser Sphären Zugang zu zeitlosem Wissen erhalten können; und letztlich, dass die Wesen der Oberen und Unteren Welt besondere Qualitäten besitzen, dass sie transzendierte mitfühlende Geister sind. Die core-schamanischen Forschungsarbeiten und Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass die transzendierten mitfühlenden Geister der Schlüssel zu Weisheit und unendlicher Kraft sind. Der eigentliche Zugang erfolgt, wie sonst auch im Schamanismus, über die direkte Erfahrung und die damit in Verbindung stehende Intention, die Absicht.
Krafttier ist ein terminus technicus für eine bestimmte Art von transzendierten mitfühlenden Geistern, die sich in Tierform zeigen. Sie weisen, trotz arttypischer Züge, spezifische Qualitäten auf und sind individuell zu verstehen. D.h. auch, dass ein enger Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Menschen und dessen Krafttier besteht. In dieser Hinsicht ist eine Abgrenzung von so genannten Totemtieren zu ziehen; diese repräsentieren einen Schutzgeist einer gesamten Familie bzw. eines Clans. Am bekanntesten sind wohl die Darstellungen aus Nordamerika, insbesondere der Nordwestküste, wo bis heute eindrucksvoll bearbeitete Holzpfähle zu finden sind.
Dass wir von Krafttieren sprechen, ist nicht zufällig. In der so genannten spirituellen Szene entsteht teils der Eindruck eines willkürlichen und synonymen Gebrauchs zur Beschreibung eines zentralen Agens spiritueller Arbeit. Manchmal wird ´Energie´ verwendet, manchmal ´Kraft´, manchmal wechselnd beides. Nicht so im Core-Schamanismus, der sich auch durch eine einheitliche Terminologie auszeichnet: schamanische Kraft bezeichnet eine gerichtete Größe, meint mehr als Energie (ein Potential), beinhaltet darüber hinausgehend konkrete Information, welche durch die Absicht definiert wird. Mit anderen Worten will man in der Regel nicht Energie für einen Klienten mobilisieren, sondern zielgerichtete Kraft, die vorab durch das Anliegen definiert wurde und die beim Klienten einen Impuls zur Folge hat, der im Organismus des Klienten Wirksamkeit entfaltet.
Entsprechend ist das Krafttier nicht irgendein austauschbares, willkürliches Geistwesen, sondern Träger – besser: Repräsentant – einer spezifischen Kraft, nämlich jener des betreffenden Menschen. Es gilt nicht das Primat des Zufallstreffers, sondern das Prinzip von Schlüssel und Schloss, das Prinzip des Maßgeschneiderten.

Repräsentanten der Vitalkraft
Krafttiere sind von den mit ihnen assoziierten Menschen nicht zu trennen, die Beziehung scheint nicht zufällig zu sein. Vielmehr noch können Krafttiere als Repräsentanten der Vitalkraft des jeweiligen Menschen angesehen werden. Dies impliziert, dass substantielle Aspekte der eigenen Vitalkraft nicht zur Verfügung stehen, wenn ein Krafttier fehlt. Kraft-losigkeit, Erschöpfung, Allgemeinschwäche, kurzum: Vulnerabilität, Krankheit oder krankheitswertige Zustände können die Folgen sein.
Ist man hingegen ‚in seiner Kraft‘, ist man im Vollbesitz seiner Kraft, dann herrscht ein Gleichgewicht, dann ist man gesund. Folgerichtig scheint der Kontakt zum Krafttier essentiell für den Erhalt von Kraft – und Gesundheit. Anders ausgedrückt, besteht ein wesentlicher Aspekt der schamanischen Prophylaxe in einer funktionierenden Beziehung zum Krafttier.
Im Falle des Fehlens von Kraft bzw. Krafttier können effektive Interventionen darin bestehen, dem Betroffenen – bei entsprechendem Auftrag, der im Core-Schamanismus als Voraussetzung jeglicher Arbeit steht – Kraft zukommen zu lassen. Entweder indem man Kraft schickt; oder indem man diesem Menschen sein Krafttier holt und überbringt. Dies ist in seiner Wirksamkeit nicht zu unterschätzen. Denn bei all den bunten und facettenreichen Beschreibungen diverser schamanischer Handlungen und Rituale sollte man nicht vergessen, was Schamanismus im Kern der Sache bedeutet: die Mobilisierung und Übermittlung von Information und Kraft, die uns die Geister zur Verfügung stellen. D.h., das Wesentliche, die Essenz liegt nicht in der äußeren Handlung, sondern im immanenten Agens, der schamanischen Kraft.

Weiterführende Literatur
Brown, Joseph Epes: Animals of the Soul: Sacred Animals of the Oglala Sioux. Rockport, Shaftesbury 1992
Harner, Michael: The Way of the Shaman. New York 1990
Harner, Michael: Höhle und Kosmos: Schamanische Begegnungen mit der verborgenen Wirklichkeit. München 2013
Lyon, William: Spirit Talkers: North American Indian Medicine Powers. Kansas City 2013
Uccusic, Paul: Der Schamane in uns: Schamanismus als neue Selbsterfahrung, Hilfe und Heilung. 4. Aufl. Kreuzlingen/München 2001
Urban, Roland: Über Kraft. In: Picard, Winfried, Wohlfarter Sylvia (Hrsg.): Schamanismus heute – Aktuelle Beiträge aus Praxis und Forschung. Ahlerstedt 2014. 193-220


Roland Urban ist Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europe. Human- und Sozialwissenschaftler, Gesundheits-, Klinischer und Notfallpsychologe. Umfangreiche Seminar- und Forschungstätigkeit sowie schamanische Praxis. Zudem ist er bei einem großen freien Kinder- und Jugendhilfeträger für Qualitätsmanagement zuständig. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte betreffen u.a. ´Schamanismus und Wissenschaft´, ´Unheilbare Krankheiten´ sowie ´Gesundheitsförderung´. Seminartermine und weitere Informationen unter www.shamanicstudies.net.


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