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Ausgabe Juli/August 2015
Sinnsuche. Wie das Leben sinnvoll wird, was es dazu braucht und wie man lernt, sein Ding auch zu leben. Von Hartmut Müller


Nicht wenige denken: „Es macht keinen Unterschied, wenn es mich plötzlich nicht mehr gibt.“ Und so fühlen sie auch. Für viele ist das ganze Leben ein täglicher Trott - ohne tieferen Sinn oder gar Erfüllung: „Noch 10 Jahre bis zur Rente – aber daraus wird ja auch nicht viel.“
Wer seine individuelle Kreativität lebt, scheitert am Kommerz oder unterliegt ihm in Routine. Einige wenige mal ausgenommen. „Schaff dir einen Hund oder eine Katze an. Das Tier gibt dir Wichtigkeit, weil du dich darum kümmern musst und gibt dir seine Liebe ohne Bedingung.“ Aber kann das Leben so gemeint sein?
Natürlich nicht. Wenn von Lebenssinn und Lebenserfüllung gesprochen wird, ist es angemessen, in zwei verschiedenen Richtungen zu schauen, das alltägliche, irdische und das spirituelle Leben, das in die andere Wirklichkeit hineinreicht. Um das ursprünglich vorgesehene menschliche Leben zu begreifen, schauen wir zuerst in die Natur.
Jedes Wesen versucht, seine Bedürfnisse entsprechend seiner Art zu befriedigen. Gelingt ihm das, erhöht sich die Lebendigkeit. Wir dürfen Freude unterstellen.
Auch für Brautwerbung, Fortpflanzung und Brutpflege stellt die Natur entsprechende Glückshormone bereit. Dabei hat das Überleben der Art Vorrang vor dem vergänglicheren Leben des Einzelnen. Sich für das Leben der Nachgeborenen mit dem eigenen einzusetzen, ist eine Selbstverständlichkeit, wo die Natur regiert.
Das Überleben der Gattung Homo sapiens ist gebunden an das Überleben seiner Familie, seines Clans. Um die nackten Bedürftigkeit des Einzelnen auszugleichen, braucht der Clan vielerlei unterschiedliche Fähigkeiten, mit denen gemeinsam allen Eventualitäten getrotzt werden kann. Unsere vielfältigen Talente spiegeln diese Notwendigkeit. Ein Beispiel zur Verdeutlichung:
Ein Stamm lebt abgeschieden in einem schmalen Tal in der Südsee. Wer sorgt für die Gärten, wer für die Hühner? Wer baut sturmsichere Hütten, flechtet die Matten? Wer geht fischen und wer baut das neue Boot? Wenn ein Kind vier Jahre alt ist, hat man nicht die Frage, wird es Lesen und Schreiben lernen wie die anderen, sondern, für was wird es sich brauchbar machen wollen? Es lernt durch fröhliches Abschauen, Nachmachen und lobende Blicke derer, denen es zur Hand geht.
Um den Lebenssinn des Einzelnen zu verdeutlichen, denken wir das mal ökologisch weiter. Wenn der alte Bootsbauer dahinsiecht, muss einer nachgewachsen sein, der das Bauen der Boote übernehmen kann. Für den Sohn des Bootsbauers war der Platz besetzt. So gut wie sein Vater konnte er im Bootsbau nicht werden. Einem aus der Enkelgeneration wird das Erbe gerne übertragen. Vielleicht der Enkel seiner Schwester? Wo das Talent erst bei der Enkelgeneration wieder gefunden wird, scheint die Übertragung des kulturell Erworbenen sicherer, als zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter. Jedenfalls bei einer Generationsfolge von 16 – 28 Jahren und sich wenig verändernden Bedingungen.
Das gibt es in unserer Weltgegend schon seit sehr langer Zeit nur noch begrenzt: Eingebunden sein in eine fröhlich schaffende Gemeinschaft in fragloser Zugehörigkeit beizutragen und sicher getragen zu sein. Doch dafür sind wir ausgerüstet und die Frage nach dem Lebenssinn stellt sich da so nicht.
Gemeinsame Lieder und Feste, die die Familien verbunden hielten, sind verloren. Wer kann noch mehr als drei Zeilen eines Weihnachtsliedes singen? Als das Fernsehen aufkam, sagte ein Humorist: „Das Fernsehen macht aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis.“ Wie viele 30-Jährige kennen noch ihre vier Großeltern? Und deren Geschwister? Wer kennt noch Erzählungen über Urgroßeltern und andere Ahnen? Wer weiß, welches seiner Talente er von wem „geerbt“ hat und wozu sie genutzt wurden? Wie soll jemand nun herausfinden, was sein originaler Betrag gewesen wäre? Und wo und für wen soll er beitragen und wie verbindlich kann es ihm Schutz, Ernährung und Zugehörigkeit geben?
In einem Clan mag ein Mensch ersetzbar sein, aber er ist nie auswechselbar. Er trägt bei, um die Gemeinschaft zu stärken und verbindlich dazuzugehören, nicht um für seine Arbeit mit Geld abgespeist und dann weggeschickt zu werden. Wer fühlt sich in seiner Partnerschaft nicht überfordert, wenn er einen ganzen Clan ersetzen soll? Viele haben nicht ein mal eine verbindliche Beziehung mit dem Menschen, mit dem sie ein gemeinsames Kind haben.
Das Leben in neuen Formen des Zusammenlebens ist die Sehnsucht Vieler. Unzählige Projekte sind indes gescheitert. Verdeckte und offene Egoismen, Ängste voreinander berechtigt oder unberechtigt, und in unserer Kultur gelerntes Fehlverhalten sind nicht beherrschbar gewesen. Welche unsäglichen Anstrengungen haben diejenigen unternommen, deren Gemeinschaften jetzt über viele Jahre weiterhin existieren?
Entwurzelt und von jeder organisch gewachsenen Gemeinschaft losgerissen, in tiefer bewusster oder unbewusster Angst allein dem Unberechenbarkeiten des Lebens ausgeliefert zu sein, bleibt im Menschen die Sehnsucht nach selbstverständlicher Verbundenheit unerfüllt. Dies kann zu jeder Art von Sucht führen und macht ihn verführbar, sich jeder Art von Gemeinschaft hinzugeben, sei es eine ungeeignete Partnerschaft, eine Kirche, ein Kneipenclub oder eine Katze.
Das tiefe Gefühl von Entwurzelung wird auf unterschiedlichste Weise betäubt oder überdröhnt oder weggetröstet, was zu Resignation und Sinnlosigkeitsgefühlen führt. Ein unübersehbarer Markt bietet seine Lösungen an. Doch wir können uns kaum dagegen wehren, das Falsche in unseren Lösungsversuchen zu empfinden. Der Mensch darf sich nicht verfangen in Träume und Süchte der verführerischen offiziell propagierten Realität.
Das Menschentier als Primat ist natürlicherweise gebunden, sich mit seinen Fähigkeiten für seinen Clan einzusetzen und die Natur hat Gefühle von Erfüllung vorgesehen, wenn das gelingt.
Der entwurzelte Mensch ist nun gewissermaßen gezwungen, die spirituelle Aufgabe zu übernehmen, sich in der Entwicklung auf Gott hin (in alter Sprache gesprochen) zu verwirklichen. Das bedeutet, die Entwurzelung anzunehmen, nicht mehr um Scheinlösungen zu kämpfen und den freigewordenen Raum für die innere Arbeit zu nutzen.
So kann er an Stelle der allgemeinen Süchte seine aktive, unablässige, leidenschaftliche Suche nach der Erfahrung des Göttlichen, nach der jenseitigen Lichtwelt lenken. Tiefes Schauen in die Gesetze dieser Wirklichkeit, moralische Reinigung des alltäglichen Verhaltens im Denken und Tun, Dienst am eigenen Körper, Geist und an der Seele, das ist die innere Arbeit, um die es hier geht. Erfahrungen von tiefere Beruhigung, Stimmigkeit und Segen, ohne jeden äußeren Anlass sind hier die „Belohnungen.“ Die Menschen mit sogenannten Nahtoderfahrungen kennen diese Lichtwelt und sehnen sich nach ihr. Der Beter und der Meditierer können sie erfahren. Meditation und Gebet sind hier nicht als eine Handlung gemeint, sondern als eine Grundhaltung, die die innere Arbeit nie versäumt.
Der Archetyp des wandernden Derwischs, des Wandermönchs, des Sannyasin ist hier sehr hilfreich, um sich nicht wieder zu verfangen und seinen Süchten zu erliegen. Osho sagte einmal: „Ihr baut euch immer wieder Hütten am Weg und ich muss sie euch immer wieder einreißen, damit ihr weitergeht.“
Der Einzelne, wenn er ein gesundes Leben führen will, wird sich auf das Eigentliche des Menschseins, auf seine göttlichen Wurzeln besinnen. Ein ständiges meditatives Bemühen ist nötig, die Sehnsucht nach menschlicher Verbundenheit im Zaum zu halten und nicht im Außen die Sicherheit und Befriedigung zu suchen, die es dort nicht dauerhaft gibt.
Am Brunnenrand sitzend, die eigene verzweifelte Tiefe aus der sich der Meditierer herausgearbeitet hat, in Ruhe akzeptierend betrachtend, sich von der Sonne höherer Welten bescheinen lassend und ihre Strahlen genießend, bleibt er wach darüber, wie jede Unsicherheit und jedes selbstbezogene Verlangen die Liebe verringert und bereit ist, ihn wieder vom Brunnenrand in die Tiefe zu ziehen.
So wird er weniger verführbar sein, sein Glück im Außen zu suchen, wird ohne Scham sein, wenn es gilt, die Werte seiner Ursprungsfamilie, der Gesellschaft oder der Kirchen und der spirituellen Gemeinschaften in Frage zu stellen.
Seine Talente austoben in frohem Schaffen, einfach um sich selbst auszuleben, ohne Frage nach Belohnung auf der Oberfläche des Lebens und konsequente innere Frage nach dem Segen dazu, bringt ihn jeden Tag der Sinnhaftigkeit seines Lebens näher. Er wird sich gesegnet fühlen und für andere ein Segen ein.

Der Autor Hartmut Müller ist Heilpraktiker für Psychotherapie mit eigener Praxis in Berlin und Sachbuch-Autor. Infos auf www.hartmut-mueller.de

Buchtipp:
Hartmut Müller, Frag den Fuchs! - Der Weg zu Ruhe, Kraft und Wohlgefühl, tao.de Verlag


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