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Ausgabe Juli/August 2015
Was ist das, Glück? Christophe André sichtet die moderne Forschung und antwortet aus psychotherapeutischer Sicht.


Glück ist Wohlbefinden, dessen man sich bewusst wird. Ohne diese Bewusstwerdung kann man sein ganzes Leben am Glück vorbeilaufen. Dabei kann unser Leben uns Wohlbefinden schenken: etwas zum Essen, zum Schlafen, zum Anziehen haben, sich beschäftigen, Angehörige, Freunde haben, warmes Wasser zum Duschen, in einer Demokratie leben und so fort.
Doch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, gibt es nur Wohlbefinden und Komfort. Auch nicht schlecht, aber ein bisschen zu kurz gegriffen …
Denn ohne Bewusstsein haben wir vielleicht auch ein Gefühl von Leere, Mangel, Scheitern. Wenn wir nicht bewusst leben, dann erleben wir nur ein verlorenes Glück, ein Glück im Nachhinein, wie in dem Gedicht von Raymond Radiguet Les Adieux du coq (»Abschied des Hahns«) deutlich wird: »Glück, ich habe dich nur an dem Geräusch erkannt / das du beim Weggehen gemacht hast.« Denn das Glück ist eine Form des transzendierten Wohlbefindens: Durch die Bewegung unseres Bewusstseins erheben wir unser Wohlbefinden (sich entspannt, ruhig fühlen, schöne Dinge genießen) zu etwas Stärkerem. Aber nicht unbedingt Einfacherem.

Glück und unsere Sicht der Welt
Die meisten Untersuchungen über das Gefühl, ob man ein glückliches Leben führt, zeigen, dass dieser Eindruck eher auf einer Häufung und Wiederholung kleiner, angenehmer Gefühlszustände, auf kurzen Aufwallungen »kleiner« Glücksmomente beruht als auf großen Hochgefühlen und überschwänglichen Freudenausbrüchen. Das Gerüst unseres Glücks entsteht aus dem Gewebe der Momente, in denen wir uns wohlfühlen: ein Moment mit einem uns nahestehenden Menschen, ein Spaziergang an einem schönen Ort, eine anregende Lektüre, eine Musik, die uns berührt …
Es gibt viele Gefühlszustände, die mit Glück zusammenhängen: Ausgelassenheit, Leichtigkeit, Vertrauen, Stärke, Harmonie, Erfüllung, innerer Frieden, Gelassenheit; Gefühle der Zugehörigkeit, Geschwisterlichkeit und alle Gefühlszustände, die mit sozialen Bindungen verknüpft sind.
Das Glück gleicht so einer beeindruckenden Schalttafel: All diese angenehmen Gefühlszustände bilden ihre winzigen Tasten. Doch es gibt, wie wir festgestellt haben, auch die dunkleren Tasten negativer Empfindungen, die dazu führen, dass das Ergebnis nicht rosarot aussieht. Es ist sogar überhaupt nie rosarot, zumindest nicht im wahren Leben. Die romantischen Dichter wie Chateaubriand sollen uns daran erinnern:
„Die Tänze finden auf dem Staub der Toten statt, und die Gräber wachsen unter den Füßen der Freude.“
Immer die Nähe von Glück und Tragik: Auf Dauer kann es kein unbewusstes oder sorgloses Glück geben. Darin liegen die Grenzen einer Anschauung, die im Glück nur eine Anhäufung und Wiederholung von Vergnügungen sieht. Wir müssen auch das Glück als Ergebnis eines sinn-erfüllten Lebens in Betracht ziehen. Diese beiden Wege ergänzen und verstärken einander, mehr noch, sie sind wechselseitig aufeinander angewiesen. Das Glück beruht auf glücklichen Augenblicken, aber es ist nicht nur das: Es ist auch die Vereinigung dieser glücklichen Augenblicke zu einer Wahrnehmung der eigenen Existenz im Dienste eines bestimmten Sinns. Doch um ein sinnerfülltes Leben aufzubauen braucht man, sofern man nicht eine Ausnahmeerscheinung ist, Energie, Ausdauer und Zuversicht.
Woraus aber können wir diesen Elan und diese Beständigkeit schöpfen, wenn nicht aus der Freude am Leben, aus diesen positiven Gefühlszuständen, die uns helfen, unsere einzelnen Lebensmomente zu einer Gesamtwahrnehmung zu vereinen?
Das genau zeigt die Wissenschaft heute: Positive Gefühlszustände fördern das Gefühl der persönlichen Kohärenz und tragen dazu bei, dass man den Sinn des Lebens erkennt. Dank dieser positiven Gefühlszustände sind wir in der Lage, den Wald als Ganzes zu sehen und nicht nur die einzelnen Bäume.Und wir sind auch in der Lage, den Wald wachsen und nicht nur die Bäume fallen zu hören. Studien, in denen der Zusammenhang zwischen der Häufigkeit positiver Gefühlszustände und dem Gefühl eines sinnerfüllten Lebens untersucht wird, kommen zu dem Schluss, dass zwischen beiden eine enge Verbindung besteht: Ob wir das Gefühl haben, dass unser Leben zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Sinn hat, lässt sich am besten über das Vorhandensein positiver Gefühlszustände in eben diesem Zeitraum vorhersagen.

Kann man lernen, Glück zu empfinden?
Genetische Vererbung und die Vergangenheit spielen eine große Rolle für die individuelle Fähigkeit zu psychischem Wohlbefinden. Und in Sachen Glück herrschen dieselben Ungleichheiten wie in allen anderen Dimensionen der menschlichen Persönlichkeit auch, sei es Schönheit, Gesundheit, Intelligenz …
Doch wie bei jenen Ungleichheiten kann man auch in diesem Fall die Abweichungen durch regelmäßige Anstrengungen erheblich verringern. Auch hier verhält es sich ebenso wie in anderen Bereichen: Schönheit ist zum großen Teil genetisch bedingt, nicht aber Charme; auch die Gesundheit hat eine genetische Grundlage, aber das kann man durch eine gesunde Lebensweise ausgleichen; Intelligenz ist ebenfalls zum Teil vererbt, doch sie wird noch zunehmen, wenn wir geduldig an Fortschritten arbeiten.
Das Gleiche gilt für das Glück, und die Metaanalyen der großen wissenschaftlichen Untersuchungen deuten auf die folgende Verteilung hin: Etwa fünfzig Prozent unserer Fähigkeit zum Glücklichsein hängen nicht von uns ab, sondern von unserer genetischen Ausstattung und unserer Vergangenheit; circa zehn Prozent werden von der materiellen Umgebung bestimmt, in der wir leben (Demokratie oder Diktatur, graues oder sonniges Wetter, Land oder Vorort …). Vierzig Prozent jedoch hängen von unseren eigenen regelmäßigen Anstrengungen ab. Das ist nicht so schlecht.
Zum anderen handelt es sich bei den fünfzig Prozent, die zunächst einmal nicht oder nicht mehr von uns abhängen, nur um in der Vergangenheit erworbene Tendenzen, die sich wie Reflexe oder Autopiloten spontan in Gang setzen. Diese Tendenzen sind sicherlich stark, aber man kann lernen, sie zu beeinflussen. Wir haben als Primaten ja auch die biologische Neigung geerbt, zu schreien und um uns zu schlagen, wenn man uns nicht unseren Willen lässt, oder uns etwas zu nehmen, wenn wir Lust darauf haben – doch die meisten von uns schaffen es (im Allgemeinen), sie zu beherrschen! Und auch wenn der Wunsch, sich selbst zu verletzen, sich unglücklich zu machen oder sich vom Glück fernzuhalten, einmal in uns entstanden ist (und das ist manchmal schwer zu verhindern), bleibt uns danach immer noch ein Spielraum, um diesen »Befehlen« aus unserer Vergangenheit nicht zu gehorchen, auch wenn uns das Leben anfänglich »übel mitgespielt hat«.

Sich in Dankbarkeit üben
Viele von Ihnen kennen vermutlich die klassische Übung der Positiven Psychologie, die darin besteht, sich kurz vor dem Einschlafen zu fragen: Welche guten Momente habe ich heute erlebt? Oft beginnen Menschen, die man zu einer solchen Reflexion auffordert, nicht nach guten Momenten zu suchen, sondern nach großartigen Momenten und tollen Hochstimmungen.
Tatsächlich wollen wir nur, dass Sie sich in einer einfachen Übung an kleine Glücksgefühle erinnern. Wir kennen viele wissenschaftliche Arbeiten, die die positiven Wirkungen solcher Übungen belegen. Diese positiven Effekte sind offenbar noch eindeutiger, wenn man die Betreffenden auffordert, diese positiven Gedanken auf Gefühle der Dankbarkeit zu konzentrieren. Inwiefern verdanke ich diese schönen Momente, die ich erlebt habe, anderen Menschen? Dann an die direkten, aber auch indirekten Handlungen denken, von denen ich profitiert habe: an die Menschen, die den Weg, auf dem ich gehe, angelegt und gepflegt haben, an die, die die Musik, die ich höre, geschrieben haben, die die Frucht, die ich esse, angebaut haben …
In vollem Bewusstsein, in meinem ganzen Körper und in meiner ganzen Seele nehme ich Dankbarkeit wahr – für den Freund, der mich so oft zum Lachen bringt, für Johann Sebastian Bach, der mir immer wieder Freude bereitet, für die Lehrer, die mich unterrichtet haben, für den Bäcker, der das Brot backt, das mir so schmeckt …

Aus: Das Geheimnis einer glücklichen Seele S. 34 ff mit freundlicher Erlaubnis des ScorpioVerlags


Der Autor Christophe André (1956 in Toulouse) ist französischer Psychiater und Psychotherapeut im Hôpital Sainte Anne in Paris, wo er sich mit der Behandlung von Angstzuständen und Phobien befasst. Er ist Autor zahlreicher populärer psychologischer Sachbücher, die in Frankreich auf den Bestsellerlisten stehen. Ein Schwerpunkt seiner Veröffentlichungen ist die Psychologie der Emotionen. Seine Werke werden in den Bestsellerlisten geführt.

Buchtipp:
Christophe André, Matthieu Ricard u.a., herausgegeben von Ilios Kotsou und Carolin Lesire, Das Geheimnis einer glücklichen Seele – Positive Psychologie in der Praxis, Klappenbroschur, 144 Seiten, ISBN 978-3-95803-003-9,14,99 €


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