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Ausgabe Mai/Juni 2015
Tantra Yoga. Ein Weg der spirituellen Befreiung. Einführung von Mukunda Stiles


Die tantrischen Lehren beruhen auf empirischem Wissen, das im Laufe der Jahrhunderte von den Männern und Frauen einer Meisterlinie zusammengetragen wurde. Ein Buch kann auf dieses Wissen lediglich verweisen und es zusammenfassen. Wirklich erworben werden kann es vor allem nur durch stete Übung möglichst unter Anleitung eines Lehrers. Überdies sind die spirituelle Weitergabe des Wissens durch einen Lehrer in einer bestimmten Tradition und das Nachdenken über die klassischen Texte die weiteren wichtigen Faktoren, die den Geist verändern.
Erlaubt man der pranischen, emotionalen oder mentalen Energie, sich vollkommen und auf natürliche Art und Weise auszudrücken, wird sie neutral. In diesem neutralen Zustand erfährt man, dass alle Ereignisse im Leben einer spirituellen Quelle entspringen. Diese grundlegende Veränderung – von der bloßen Vorstellung der Allgegenwart zum verkörperten Bewusstsein der allgegenwärtigen Natur des Göttlichen – bringt Sie nach Hause zu sich selbst.
Wie alle Yoga-Wege ist auch der Tantra-Yoga eine effektive Methode, ein spirituell erfüllenderes Leben zu führen. Sowohl der klassische als auch der Tantra-Yoga werden durch Linien weitergegeben, nicht durch einzelne Lehrer. Wegen der Kraft und des Segens, die auf einer solchen Tradition liegen, ist der sdhana dort am wirkungsvollsten.

Energieprinzip und tantrische Übungspraxis
Das Erfolgsgeheimnis des Yoga steht in den Yoga-Stren I, 12 – 14: »Übung« und »Loslösung« durch »intensive Bemühung« über »eine lange Zeit«. Die folgenden Lektionen dienen dem Zweck, Sie durch alles hindurchzuführen, was die Übungen aufwerfen – bis Sie nach Hause kommen, zu Ihrem Wahren Selbst. Wenn Sie beharrlich fortfahren, werden Sie irgendwann alle Formen Ihrer Energie als spirituelle Energie erleben.

Die tantrische Yoga-Tradition
Betrachten wir zunächst einmal die Beziehung zwischen dem klassischen Yoga und dem Tantra-Yoga. Die Yoga-Stren des Patañjali, geschrieben im 4. oder 5. Jahrhundert n. Chr., enthalten folgende einfache Definition des klassischen Yoga:
Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen. […] Alle anderen inneren Zustände sind bestimmt durch die Identifizierung mit den seelisch-geistigen Vorgängen.
Diese Vorgänge sind im Wesentlichen gleichbedeutend mit prna. Der Tantra-Yoga strebt nach Vereinigung mit dem Göttlichen durch die Auflösung der einzelnen Geisteszustände und ihre Überführung in eine einzige Form von prna. Yogis suchen und finden diesen stressfreien Zustand und leben schließlich darin. Der Yoga will diesen Zustand der Gelassenheit und des Friedens durch die Beherrschung der unzähligen Ablenkungen erreichen, die das schon immer existierende Wahre Selbst verschleiern.
Während der Hatha-Yoga dies durch die Stille des Atems als prna und der Mantra-Yoga es durch die Beherrschung des Geistes als pranischer Tonschwingungen erzielt, wird im Tantra-Yoga die Polarität von Shakti (der universellen weiblichen Energie) und Shiva (der universellen männlichen Energie) in eine Einheit aufgelöst.
Gerade im Westen wurde der Tantra-Yoga stark als geheiligte Sexualität missverstanden. Dieser Auffassung möchte ich mit diesem Buch entgegenwirken. Der Leser soll die Ganzheitlichkeit dieses Weges zur Einheit nicht nur begreifen, sondern selbst erfahren. Pranische Energie ist nicht ausschließlich sexuell; es geht vielmehr um die Energie, die allen Lebensformen zugrunde liegt. Der Schlüssel ist, alle Unterschiede in der Erfahrung der spirituellen Realität aufzulösen. Aus dieser Erfahrung der Einheit resultiert eine Fülle von Namen und Formen des sdhana, die die Methodik zur Einswerdung bilden. Es ist die Einheit, die zählt, nicht die Wahrnehmung der Unterschiede. Letztendlich offenbaren alle spirituellen Praktiken den Geist als den wesentlichen Grund des Seins und das Bewusstsein als die Essenz des Geistes.
In der vedischen Tradition gibt es vier Lebensbereiche, die alle erfüllt sein müssen, wenn man ein als sinnvoll empfundenes Leben führen will. Diese Bereiche sind: Pflichterfüllung (dharma), Überfluss und Wohlstand (artha), sinnliches und sexuelles Vergnügen (kma) und spirituelle Befreiung (mokha).
Ein ausgewogenes Leben benötigt dies als Grundlage und führt zu einer friedvollen Existenz, die es einem letztendlich ermöglicht, den Tod in Frieden anzunehmen. Als einer der Yoga-Wege kann Tantra Ihnen die notwendigen Mittel liefern, um Ihr Schicksal zu erfüllen.
Nach dem ersten Text über den klassischen Yoga, Patañjalis Yoga-Stren, besteht der Sinn des Lebens in der Erfahrung der Freude am Weltlichen und der spirituellen Befreiung. Dieser geheimnisvolle Klassiker der spirituellen Literatur ist in seinen 196 Aphorismen äußerst knapp angebunden. Die oben genannte Botschaft wird jedoch in gleich drei Stren wiedergegeben; kein anderes Thema wird so hartnäckig wiederholt:


Das »Gesehene« [die Welt] hat die Qualitäten des Lichts, der Aktivität und der Trägheit. Diese drei Eigen-schaften manifestieren sich in den (anorganischen) Elementen und den (Wesen mit) Sinnesorganen, und ihr Zweck besteht darin, dass sie zu Wohlergehen und Erlösung führen. (II, 18)

Das »Gesehene« existiert nur für den Sehenden. (II, 21)

Obwohl das Bewusstsein von unzähligen unterbewussten Eindrücken vielfältig gefärbt ist, dient es einem anderen (dem purusa) [dem höchsten Selbst], weil es in Gemeinsamkeit (mit ihm) wirkt. (IV, 24)


Welcher Weg auch immer zur Selbstverwirklichung eingeschlagen wird: Das Streben nach sattvischer Ausgewogenheit muss in unserem Geist an erster Stelle stehen. Sattva ist der harmonische Zustand von Geist, Körper und prna, den wir durch alle unsere yogischen Praktiken fördern möchten. In diesem Zusammenhang müssen auch tamasische (lethargische) Energien angeregt oder ausgelebt werden, um sattvisch zu werden. Rajasische (überaktive) Energien müssen zum Erreichen der Ausgewogenheit gedämpft oder neutralisiert werden. Durch sattva werden Ihre Energien verfeinert und angehoben. Dies führt dazu, dass Sie das Geistige in allen Ihren Aktivitäten finden, während der tantrische Prozess alle Dimensionen der pranischen Energien weiterentwickelt. Konkrete Informationen zu den Tantras werden in shaktischen, shivaitischen und buddhistischen Schriften gegeben, die aus dem 9. Jahrhundert stammen. Zu diesen gehören:


Das Kulanarva-Tantra, in dem es um die Konzentration auf die Chakren und die daraus resultierenden übernatürlichen Kräfte (siddhis) geht.

Das Sat-Chakra-Nirupana (veröffentlicht von Arthur Avalon unter dem Titel Die Schlangenkraft), ein Text über den Laya-Yoga und die Kundalin-Shakti, der die Chakren erklärt.

Das Mahnirvna-Tantra, das sowohl die gesellschaftlich akzeptierten »weißen« Tantra-Praktiken zur Verehrung der gewählten Gottheit als auch unorthodoxe »rote« Tantra-Praktiken abdeckt.

Das Vijñnabhairava-Tantra, ein Text über den nondualen Kaschmirischen Shivaismus, wie er von meinem eigenen spirituellen Lehrer gelehrt wird.


Auch der Hatha-Yoga wird immer tantrischer, je besser man ihn beherrscht: Die körperlichen Übungen werden zunehmend in energetische Übungen umgewandelt. Subtile physische und psychische Veränderungen machen Yogis gelassen und heiter (sattvisch). Diese Heiterkeit kommt vom Ausgleich des prna. Der prnyma entwickelt aus dem prna eine stabilere Form der mentalen Energie. Gleichzeitig erwacht eine dauerhafte Form des prna, wenn wir diese Stabilität vertiefen, um eine mudr hervorzubringen. Darin bestehen die Techniken des pratyhra. Pratyhra ist der Abzug des prna von den Sinneseindrücken, so dass der Geist im Wahren Selbst ruht.

Aus: Mukunda Stiles, Geheimnisvoller Tantra-Yoga mit freundlicher Erlaubis des Verlags.


Der Autor Mukunda Stiles ist der Leiter des Yoga Therapy Center in San Francisco und hält Vorträge und Seminare in den USA, Asien und Europa. Er ist einer der wichtigsten Berater der Internationalen Vereinigung der Yoga-Therapeuten und Autor mehrerer erfolgreicher Bücher. Mukunda Stiles ist einer der wenigen westlichen Lehrer, die in Indien initiiert worden sind und eine authentische Meisterlinie fortsetzen.

Weiterführende Informationen findet sich auf seiner Lektüreliste auf www.yogatherapycenter.org.
Die beste allgemeine Einführung für Leute, die aus dem Hatha-Yoga kommen, ist Tantra für Menschen von heute von André van Lysebeth.

Buchtipp:
Mukunda Stiles, Geheimnisvoller Tantra-Yoga, 18 Lektionen in Glückseligkeit, Hardcover, 320 S., ISBN: 978-3-426-29218-1, O.W. Barth Verlag


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