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Ausgabe März/April 2015
Beitragsreihe 2015 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Ignatia, aus der Ignatiusbohne. Die Wahnidee, ohne den Partner zu verhungern.

Beitragsreihe mit Andreas Krüger über wichtige homöopathische Arzneimittel

H. Schäfer: Sprechen Sie doch heute einmal über ein Mittel, das Sie auffallend häufig in Ihrer Praxis verwenden.
Andreas Krüger: Da fällt mir als erstes Ignatia ein, die Iganatiusbohne. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass wir in einer Welt leben, die uns so ziemlich von allen Bedürfnissen abspaltet, die wir in uns tragen und nach denen wir uns die überwiegende Zeit unserer Existenz orientiert haben. Man nimmt an, dass unsere Spezies ungefähr dreieinhalb Millionen Jahre alt ist – da sind sich die Anthropologen relativ einig. Erst in den letzten 5.000 Jahren herrschte das Patriarchat auf diesem Planeten, was einherging mit Sesshaftigkeit, mit kapitalistischen Strukturen, mit Besitz und immer auch mit Unterdrückung von Sexualität.
Man nimmt an, dass in diesen Millionen Jahren davor unsere Spezies in einer Gesellschaftsform des Nomadentums in Gruppen von 30-50 Menschen lebte. Damals wurden keine Kriege geführt, denn es gab keinen eigenen Besitz oder Boden, um den man kämpfen musste. Die Frauen hatten das Ruder in der Hand und – was bei den meisten matriarchalen Gesellschaften zu finden ist – es herrschte eine sogenannte Polyamorie. D.h. es gab keine engen und besitzergreifenden Zweierbeziehungen mit all den verheerenden Folgen, die wir in unserer Gesellschaft sehen, sondern die Menschen teilten ihre Liebe nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Manche Stämme hatten das Ritual, dass die Männer abends tanzten und die Frauen ihre Begleiter für die Nacht auswählten.
Bei anderen Stämmen war es anders, aber bei allen Völkern, die bis heute diese Strukturen überlebt haben, gab und gibt es keine sexuelle Gewalt. Sexueller Missbrauch ist unbekannt und auch die Verwendung von Kabelbindern im Liebesspiel. Heute rennen alle in diesen Sado-Maso-Film und holen sich Anregungen für ihre Sexualität. Für mich ist die indianische Sichtweise näher: Warum muss man das machen? Warum muss man sich gegenseitig weh tun?
Ich glaube, dass diese Gesellschaften auch andere Begriffe aus unserer Welt nicht kennen oder kannten. Wie z.B. den Begriff der „Arbeit“: Arbeit, wie wir sie heute verstehen, gab es einfach nicht. Auch nicht den Begriff der „Ehe“, der beinhaltet, dass ein Mensch dem anderen ein Besitz sein soll. Und auch „entscheiden“ ist nicht nur ein Wort, sondern im Grunde eine Lebenshaltung: Warum sollte sich jemand zwischen zwei Menschen entscheiden?
Wenn wir davon ausgehen, dass wir dreieinhalb Millionen Jahre so gelebt und auch gut gelebt haben, war dieser Planet vor 5.000 Jahren noch eine Art Paradies. Es gab weder Vernichtungskriege noch Sklaverei noch ökologische Katastrophen. Wir haben es in 5000 Jahren geschafft, diesen Planeten an einen Punkt zu bringen, wo er – und wir mit ihm – kurz vor einem Kollaps steht. Jetzt könnte man darüber nachdenken, woran das liegt.

Was meinen Sie?
Ich glaube, dass wir krank werden, weil wir so unnatürlich leben. 30% aller Berliner leben als Single. Die Indianer von meinem Lieblingsvolk am Amazonas, die Gumani, können sich das gar nicht vorstellen, sondern sagen: Aber dann stirbt man doch! Wir werden nicht krank, weil so viele Umweltgifte in der Luft sind oder weil wir zu viele Currywürste essen: Wir werden krank, weil wir uns von den Grundwurzeln unserer Spezies entfernt haben. Es ist so, als wenn wir einen Elefanten in einen Wohnwagen sperren und ganz alleine von morgens bis abends Kaviar fressen lassen.

Und nun?
Es gibt einen Aspekt der Gnade. Und dieser Aspekt der Gnade hat sich für mich in keiner anderen Disziplin als der Homöopathie manifestiert. Die Homöopathie schafft es tatsächlich, Menschen, die gesellschaftlich krank geworden sind, in diesem Kranksein zu ergreifen oder zumindest ihre Symptome zu lindern. Ich behaupte ja immer, dass es beim Heilen um das Erinnern geht – eine Form von Erinnerung an einen Zustand, in dem alles gut war – und aus diesem Zustand heraus das Leben, soweit es sich denn verändern lässt, so zu gestalten, dass Krankheit zum Teil gehen kann.

Was hat das alles mit Ignatia zu tun?
Ignatia ist das häufigste Mittel für unglückliche Liebe. Ignatia wird bei 95% aller unglücklich Verliebten gegeben, wenn sie sich in dem klassischen Ignatia-Zustand befinden: Sie essen nichts mehr, sie seufzen und heulen von morgens bis abends, sie fühlen sich verlassen, gedemütigt und alleine. Ignatia ist das absolute Opfer. Und… sie verhungern. Es ist interessant, dass manche Menschen, die an unglücklichen Lieben leiden, tatsächlich verhungern. Im Repetitorium ist Ignatia als ein Mittel für Verhungernde aufgeführt und als ein Mittel für Menschen, die in einem früheren Leben einmal an Hunger starben.
Und Ignatia hat das Gefühl, nur von einem Menschen im Leben satt zu werden. Aber auch das ist eine löschbare Wahnidee, weil sie nicht stimmt. Und wenn sich unser Gehirn an die dreieinhalb Millionen Jahre erinnert, bekommt es auch wieder mit, dass es nicht stimmt. Kapitalismus, katholische Kirche und all die Umsatzsteigerungs-Gesellschaftsformen haben uns eingeredet, dass wir mit einem einzigen Menschen zusammen leben müssen, bis dass der Tod uns scheidet. Es geht gar nicht um den Menschen, sondern um eine Lebensgrundlage. Das ist eine der Hauptwahnideen von Ignatia und deswegen hilft das Mittel, weil es uns daran erinnert, dass das einfach nicht stimmt. Das Problem ist, dass wir vergessen haben, dass es so ist und wir heute denken, von dieser einen einzigen Person abhängig zu sein. Und wenn die uns verlässt oder auch nur einen zweiten liebt, dann geht es nicht darum, dass ich weniger geküsst werde oder weniger Sex habe, sondern es geht um das Leben. Es geht darum, dass ich verhungere.

Mir fallen gerade die ganzen Schlagerschnulzen ein wie z.B. die von Marianne Rosenberg: „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür…“
Oder Stefan Sulke. Er komponierte vor Jahren einen Song, der diesen Ignatia-Zustand treffend beschreibt, Damals verschickte ich gerne dieses Lied, wenn ich verliebt war – ohne mir bewusst zu sein, was für einen Schwachsinn ich da verbreitete. Sulke sang: „Ich brauche dich, ich brauche dich, ich brauche dich – ist unendlich mehr wie nur ‚ich liebe dich‘, du bist wie Wasser und wie Brot für mich…“ Oh, mein Gott, das ist ja lebensbedrohlich, wenn jemand zu mir sagt: „Du bist wie Wasser und wie Brot für mich.“ Der überlastet mich ja völlig. Ich bin weder Wasser noch Brot! Ignatia heilt diese Wahnidee. Wenn ich Ignatia nehme, weiß ich, dass ich traurig sein werde, wenn der andere geht, vielleicht heulen und schreien muss, aber ich werde nicht sterben.
Es gibt noch eine Wahnidee, die auch mit dieser Gesellschaft zu tun hat und mit dieser Form von Leben, die primär ökonomisch determiniert ist. Ich habe durch Zufall auf facebook einen Artikel von Friedrich Engels gefunden, von dem man nun wirklich nicht sagen kann, dass er ein tantrischer Hippie war. Friedrich Engels erklärte, dass Monogamie und die bürgerliche Gesellschaftsform ausschließlich so strukturiert sind, weil sie für den Kapitalismus am ausbeutbarsten sind. In einer Kommune mit 30 Leuten gibt es nicht für jeden einen Kühlschrank, einen Fernseher und ein Auto – die machen einfach keinen Umsatz. Den meisten Umsatz machen unglücklich verheiratete Paare nach über 30 Jahren Ehe.

Was ist mit unserer Idee der Ehe: Du bist MEIN Mann, ich bin DEINE Frau?
Das ist eine weitere Wahnidee von Ignatia: einen Partner heiraten zu müssen. Für Ignatia gibt es keine Beziehung, ohne dass die lebenslang und treu sein muss. In meiner Praxis erlebe ich oft, dass Menschen Glück verleugnen oder nicht zulassen, weil sie diese Wahnidee haben. Und die ändert Ignatia tatsächlich. Wenn man die Wahnidee mit Ignatia behandelt, können daraus Beziehungen entstehen, die z.B. zwei Mal in der Woche wunderbaren Sex miteinander haben, ohne gleich heiraten zu müssen.
Fazit: Ignatia ist das wichtigste und heilsamste Mittel gegen bürgerliche Zwangsmoral, die da heißt: Wir dürfen nur den küssen, mit dem wir verheiratet sind und Beziehung ist eine Ernährungsgemeinschaft. Aber Beziehung ist dazu da, unser Leben glücklicher zu machen, zu wachsen, Freude im Leben zu teilen. Beziehung ist auch dazu da, wie Rilke sagt, „Wächter der Einsamkeit zu sein“. Wenn wir sie aber auf Besitz und die Notwendigkeit von reinem Überleben reduzieren, dann ist das Drama vorprogrammiert. Und da holt uns Ignatia raus. In diesem Sinne: Mögen alle Wesen küssen.


Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Weitere Informationen: www.Samuel-Hahnemann-Schule.de

Buchtipp:
„Heiler und heiler werden – Gespräche über die Heilkunst“ erschien im Verlag Simon + Leutner, 2013.


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