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Ausgabe März/April 2015
Eros & Agape. Die Polarität und das Potenzial der Energie Liebe. Von Maik Hosang


„Liebe“ – kein anderes Wort erfasst so ganzheitlich und intensiv wie dieses die Essenz und die Sehnsucht, den Sinn und das Göttliche des Lebens. Erstaunlicherweise sind sich weiterdendenke Neurobiologen mit Theologen, Soziologen und Medizinern darin einig: Liebe war und ist das entscheidende Potenzial sowohl für Gesundheit und Glück des Einzelnen, als auch für die Entstehung, die Geschichte und die Zukunft der Menschheit (mehr dazu siehe unter „Wissenschaften der Liebe“).

Polarität
Das Potenzial der „Liebe“ erwächst aus der Polarität, die es uns oft schwer macht, sie ganz zu verstehen: Liebe integriert nicht nur Weibliches und Männliches, sondern auch Leib und Seele, Verbundenheit und Freiheit, das individuelle Ich und die Vielfalt der Welt.
Schaut man etwas tiefer, so lässt sich Liebe als eine Art Energie verstehen. Ähnlich wie das Potenzial der elektrischen Energie aus der Spannung zwischen Plus- und Minus-Polen entsteht, so ist es auch bei der Energie Liebe: Ihr stärkstes Potenzial erwächst aus der Polarität der beiden vielleicht grundlegendsten Qualitäten des Seins, der Evolution oder Schöpfung: Der eine Pol der Liebe ist Empathie, d.h. Mitgefühl und Anteilnahme für das Bestehende und das Wohl aller Wesen. Für den anderen Pol fehlt unserer modernen Sprache das passende Wort. Die alten Griechen nannten es „Eros“ und meinten damit aber nicht wie wir heute oft nur Sexualität, sondern generell die aus intensiver Resonanz mit Anderen entstehende Kreativität, welche immer wieder neue Möglichkeiten der Existenz und Ekstase, des Lebens und der Schönheit hervorbringt.
Wenn die Polarität von Empathie und kreativer Resonanz („Eros“) gelingt, dann erblühen nicht nur Familien, sondern darüber hinaus ganze menschliche Gemeinschaften, Unternehmen und Kulturen. Oft gelingt die Polarität jedoch nicht oder nur kurzzeitig. Beispielsweise in Liebesbeziehungen oder Familien, denen dann entweder Empathie oder Eros verlorengehen. Aber auch Gesellschaften aller Art tendieren oft dazu, nur einem dieser beiden Pole ausreichend Raum zu gewähren. Aus diesem Ungleichgewicht der beiden Energie-Liebe-Pole entsteht dann oft Leid: seelische Verzweiflung, gesellschaftliche Zerstörung, bis hin zur Verwüstung von Natur und Umwelt.

Die drei Grundwerte des Seins
Daher braucht die Energie Liebe noch eine dritte Qualität, welche die Polarität von Empathie und Eros begleitet, beobachtet und zugleich intensiviert: die Erkenntnis oder das Bewusstsein ihrer beiden Pole.
Bereits die Philosophie der alten Griechen kannten diese drei Grundwerte des Seins: Gutes, Schönes und Wahres: Gutes im Sinne des Mitgefühls für alle Wesen. Schönes im Sinne der Kreativität und Ekstase die erblüht, wenn verschiedene Wesen einander inspirieren. Und Wahres im Sinne des Bewusstseins, welches die Polarität der Liebe als Essenz des Lebens erkennt, befreit und intensiviert. Mit anderen Worten nannten sie diese drei auch „Agape“, „Eros“ und „Philia“.
Auch die Stärke der großen Religionen erwuchs letztlich immer aus einer der jeweiligen Kultur entsprechenden Bewusstwerdung des Potenzials der Liebe: So lauten die vermutlich wirkungsmächtigsten Sätze der Bibel: „Gott ist Liebe“, und „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen“. Hinduismus, Buddhismus, Kunfuzianismus, Judentum, Islam und andere Religionen fanden ähnliche Worte, die an anderer Stelle erinnert werden.
Das Bewusstsein der Liebe könnte daher eines Tages den Fokus bilden, in dem die verschiedenen Religionen und Kulturen, die sich heute zum Teil noch immer wegen nebensächlicher Unterschiede bekämpfen, im Sinne einer kulturell vielfältigen, doch im Wesen einer Menschheit zusammenwirken. Dafür braucht es jedoch vermutlich auch die moderne Wissenschaft, welche die Energie Liebe bisher erst in Ansätzen erforscht. Denn einige der unten genannten Wissenschaftler kommen zu dem Schluss: Die Menschheit hat nur dann eine Zukunft wenn sie lernt, die Grundlagen und Wirkungsweisen der Energie Liebe in allen Bereichen von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur genauso konkret zu erforschen, zu bilden und anzuwenden wie bisher die mechanischen und elektrischen Energien.

Wissenschaften der Liebe
Die Befragung vieler tausend Menschen danach, was das wichtigste Geheimnis eines guten und glücklichen Lebens ist, ergab: Liebe bzw. Become Love. (Diese Befragung und deren Ergebnis finden Sie im Buch von John Izzo: Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor Sie sterben. München 2010. Auch Erich Fromm kam in seinem berühmten Buch “Die Kunst des Liebens” zu ähnlichen Erkenntnissen.)
Neuere biologische Forschung dazu, was den Menschen einst zum Menschen machte, kommen zum Ergebnis: Love – Liebe.
Beim Studium der Menschheitsgeschichte entdeckten Soziologen, dass viele wichtige soziale und technische Innovationen vor allem aus dem Potenzial der Liebe geschahen und daher die Zukunft eine Wissenschaft der Liebe braucht.
Umwelt- und Friedensforscher kommen zu dem Schluss, dass die Zukunft von Mensch und Erde vor allem eines braucht: die Erforschung und Entwicklung der menschlichen Fähigkeit der Liebe. Auch die Medizin kommt mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass viele Krankheiten letztlich aus Mangel an Liebe entstehen und daher Liebe die wichtigste heilende Kraft ist. Der Wissenschaftler Lewis Mumford, der mehrere Male den ganzen Stoff der Weltgeschichte, gerade ihre materiell-technische Seite, durchgeackert hatte, kommt in seinem Buch „Hoffnung oder Barberei“) zu dem Schluss:
„Liebe hat wie der Verstand nur langsam an Wirkung in der organischen Welt gewonnen; da sie erst spät in dem Drama auftrat, das der Mensch selbst geschrieben hatte und inszenierte, erfüllt sie erst einen kleinen Teil seines Denkens, Lernens und Tuns. Doch in der kommenden Verwandlung des Menschen wird die Liebe das zentrale Element der Integration sein, Liebe als erotisches Begehren und als Zeugungskraft, Liebe als Leidenschaft und ästhetisches Genießen im Betrachten des Schönen und in seiner Neuschöpfung, Liebe als Kameradschaft und nachbarliche Hilfe, Liebe als elterliche Fürsorge und als Opfermut und schließlich Liebe mit ihrer wunderbaren Gabe, das geliebte Objekt über alles zu stellen, es zu verherrlichen und zu verklären. Ohne Steigerung unserer Liebesfähigkeit in all ihren Möglichkeiten können wir kaum hoffen, die Erde und alle Geschöpfe, die sie bewohnen, vor den gefühllosen Mächten des Hasses, der Gewalt und der Zerstörung zu bewahren, die sie jetzt bedrohen. Und wer wagt von Liebe zu sprechen ohne eine Philosophie, die den Menschen in ihren Mittelpunkt stellt?
Das Potenzial des Menschen, das dieser neuen Möglichkeit entspricht, ist in der Vergangenheit nie verwirklicht worden, weder biologisch noch sozial; es ist nicht der Hirnmensch, nicht der Muskelmensch noch der Nervenmensch, nicht der reine Hindu, der reine Mohammedaner, der reine Christ noch der reine Marxist oder der reine Techniker, nicht der Mensch der Alten und auch nicht der Mensch der Neuen Welt. Die neue Verbundenheit, die wir erstreben, muss alle diese Teilmenschen anerkennen und sie liebend einschließen in ein Selbst, das fähig ist, sie zur Ganzheit zu transzendieren. Eine Lehre menschheitlicher Verbundenheit, die nicht mit der Liebe als Symbol und Trägerin dieser organischen Ganzheit auftritt, kann kaum hoffen, ein geeintes Selbst oder eine geeinte Welt zu schaffen; denn im emanzipierten Intellekt allein kann diese Verwandlung nicht vollzogen werden.“

Der Autor Maik Hosang, Dr. phil., habil. Sozialökologe, ist Mitgründer des Modellprojekts LebensGut Pommritz, wo er auch lebt und Autor zahlreicher Bücher.

2. Philosophiefestivals der Liebe: Die Energie „Liebe“ in all ihren Dimensionen, 5.-9. September 2015 im Berliner Biohotel Essentis.
Dort Vortragende sind u.a. Gerald Hüther, Anselm Grün, Wilfried Nelles und Alexandra Schwarz-Schilling.
Nähere Infos zu Hintergrund, Programm und Teilnahmebedingungen finden Sie unter: www.becomelove.de


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