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Ausgabe März/April 2015
Glühen und leuchten. Von Martin Frischknecht



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Yoga? Klar doch, das kenne ich. Praktiziere ich wenn immer möglich einmal die Woche. Wir nehmen uns dafür eine Stunde Zeit über Mittag. Es beginnt mit einer zentrierenden Entspannungsübung, geht über in zuweilen recht anspruchsvolle Körperstellungen, die mich ganz schön ins Schwitzen bringen. Dabei taucht öfter mal der gute Vorsatz auf, ich sollte diese Übungen täglich ausführen, um meine Gelenkigkeit zu steigern und die einzelnen Asanas präziser auf die Matte zu bringen. Zum Schluss beenden wir die Stunde im Liegen mit einer tiefen Entspannung und einem dreifach gesungenen Om.
Dieser Ablauf tut derart gut, dass mich gelegentlich die Ahnung beschleicht, wir gestressten Menschen treiben mit so viel Begeisterung Yoga, weil wir uns dabei wenigstens einmal am Tag einige Minuten der Entspannung gönnen. Die haben wir uns dann auch redlich verdient. Sich einfach so mal flach auf den Boden zu legen und durchzuatmen, wäre nicht das Gleiche. Ohne sich vorab zu recken und zu strecken – ich weiss nicht, ob ich mich da mit gutem Gefühl tief entspannen könnte.
Bloß um Anspannung und Entspannung geht es ja auch nicht. Das haben wir uns in der Vorbereitung auf die Sache aus berufenem Munde bestätigen lassen. An unserer Redaktionssitzung beteiligte sich ein erfahrener Yoga-Lehrer, und der stellte klar: Zunächst wird im Yoga zwar der Körper geschult, doch das dient nur der Vorbereitung. Danach folgen die Schulung des Atems und schließlich die Zähmung des Geistes. Dies alles geschieht nicht zum Selbstzweck – weder das Nagelbrett eines Fakirs noch die Verrenkungen eines Schlangenmenschen sind das Ziel. Erstrebt wird vom Yogi die Vereinigung mit dem Göttlichen, das Einswerden mit dem höheren Selbst oder wie immer die Formulierung hier lautet.
Überrascht hat mich diese Zielsetzung nicht, eher noch hat sie mich auf dem eigenen Weg bestärkt. Vor allem aber hat mich beeindruckt, mit welch innerer Gewissheit unser Gewährsmann diese Zusammenhänge darlegte. Er wollte sich damit weder wichtig machen, noch wollte er missionieren. Wie ein Leuchtturm steht dieser Yogi da und stiftet Orientierung in einer Zeit, in der alles Mögliche als Spiritualität durchgeht und im Wochenrhythmus neue Yoga-Brands auf den Markt der Eitelkeiten geschmissen werden. Und wenn ich leuchten sage, meine ich, mit dem Licht der Erkenntnis den Weg zu weisen, nicht zu blenden.
Ich weiss nicht, ob es in der mittlerweile unübersehbaren Fülle an Asanas auch eines gibt mit dem Namen «Der Leuchtturm». Davon hat unser Gast nicht gesprochen. Zum Thema zitierte er den Yoga-Klassiker Patanjali und der beschäftigte sich mit Asanas in radikaler Kürze. Dem legendären Yogi war wichtig, dass eine stabile Sitzhaltung erreicht wird, die es erlaubt, möglichst lange störungsfrei zu meditieren. Mehr hatte der Weise in seinem legendären Yoga-Sutra vor rund 2000 Jahren zur Körperhaltung nicht zu sagen.
Doch woher das Leuchten sich nährt, das wurde aus den Erklärungen unseres modernen Yogi deutlich: «Tapas». Bis dahin habe ich den Sanskrit-Begriff so verstanden, dass der Entsagende sich in strenger Askese übt. Der Yogi entfacht in sich ein Feuer, in dem sein Ego verbrennt. Nun erfuhr ich, dass Tapas genauso gut ein inneres «Glühen» sein kann. Kein Strohfeuer, sondern ein über Jahrzehnte brennendes Verlangen nach Erlösung. Möge uns dieses Glühen und Leuchten lange erhalten bleiben und uns durch manch dunkle Nacht geleiten.

Der Autor Martin Frischknecht ist Herausgeber und Chefredakteur von SPUREN (www.spuren.ch), dem vierteljährlichen spirituellen Magazin der Schweiz, das unabhängig und durchaus auch kritisch seit 27 Jahren (per 2015) die spirituelle Szene begleitet. In dem von ihm betreuten Buchverlag Edition Spuren erscheinen kernige spirituelle Bücher wie «Nichts tun» von Steven Harrison, «Die unbändige Seele» von Michael A. Singer und «Verflixte Erleuchtung» von Jed McKenna.


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