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Ausgabe März/April 2015
Nicht ärgern, sondern ändern. Selbst für mehr Zufriedenheit im Arbeits- und Berufsleben sorgen. Von Jürgen Häger



„Arbeitsunzufriedenheit“ ist ein definierter Begriff in der Psychologie, der einen negativ empfundenen Zustand im Arbeits- und Berufsleben beschreibt. Es gibt zahlreiche Studien dazu, die einhellig zu dem Ergebnis kommen, dass der größere Teil der Befragten mit seiner beruflichen Situation tendenziell unzufrieden ist. Da Deutschland in „Zufriedenheitsumfragen“ traditionell relativ schlecht abschneidet, ist das nicht unbedingt überraschend. Dennoch stellt sich die Frage, was denn hauptsächlich zu diesem hohen Maß an Unzufriedenheit in der Arbeits- und Berufssituation führt und vor allem: Wie kann ich als Betroffener meine so empfundene Situation positiv verändern?

Erlebte Realität
Bei den Rückmeldungen aus den Umfragen sind die am häufigsten genannten Faktoren: schlechtes Arbeitsklima, mangelnde Führungskompetenz, fehlende Wertschätzung/Anerkennung, zu geringe Bezahlung, Ungerechtigkeit, Mobbing. Man muss nicht lange nachdenken, um sich zu erinnern, selbst mal ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben oder jemanden zu kennen, der darüber berichtet. Jenseits dessen, ob es in vielen Arbeitsverhältnissen tatsächlich so ist, oder ob es manchmal übertrieben dargestellt wird – wenn ich mein Arbeitsleben so empfinde, wahrnehme, dann ist es auch meine Realität, meine erlebte Wahrheit und die gilt es erst mal an und ernst zu nehmen.
Oft entsteht im tagtäglichen Arbeitsleben eine Dynamik von Beziehungen, Situationen und Ereignissen, denen ich mich als „Rädchen im Getriebe“ ausgesetzt fühle und die mir ein Gefühl des Ausgeliefert-Seins und der Hilflosigkeit vermitteln. „Daran kann ich sowieso nichts ändern“, „Das ist nun mal so“, „Bringt doch eh‘ nichts“ sind einige der gängigen Glaubenssätze, die sich gern in diesem Zusammenhang manifestieren und sich dann wie Parasiten im Persönlichkeitssystem ausbreiten ...
Es erstaunt immer wieder, wie schnell, leicht und selbstverständlich diese und ähnliche Sätze irgendwann über die Lippen kommen und das Thema damit hinreichend beschrieben und erledigt scheint. Diese Sicht der Dinge hat natürlich seine Berechtigung und kleidet die ungeliebten Erfahrungen in passende Worte. Auch tut es irgendwie gut, sich berechtigterweise ärgern und seinem Unmut Luft machen zu dürfen – mitfühlendes Nicken und verständnisvolles Kopfschütteln bestätigen dann zusätzlich meine Sicht der Dinge. Doch, was soll’s? Was bringt es letztendlich? Etwas verändern tut sich dadurch nichts – und das ist aber das Entscheidende!

Einfluss nehmen – Veränderungen herbeiführen
Beispiel: Eine Klientin war nachhaltig unzufrieden mit ihrem Job als Buchhalterin in einem alteingesessenen Unternehmen. Obwohl die Rahmenbedingungen prima waren, hatte sie ein Problem: Sie langweilte sich unendlich. Jeden Tag dasselbe. Alles war perfekt organisiert, es gab keine Unwägbarkeiten, kaum Fehler, keinen Diskussions- oder Gesprächsbedarf – sie brauchte einfach nur die Arbeit zu erledigen und zu funktionieren. Und es war nicht abzusehen, dass sich in naher oder ferner Zukunft daran etwas ändern würde …
Im Coaching zeigte sich dann, was ihr fehlte und was sie vor allem völlig unterschätzt hatte: den regelmäßigen Dialog mit Menschen, die fachliche Auseinandersetzung mit KollegInnen, die Beratung von Kunden, das Vermitteln von Erfahrung und Kompetenz. Auf einmal war ihr klar, dass sie etwas tun musste. „Ich will und ich werde etwas ändern!“ sagte sie fest entschlossen. In der Folge entstanden einige Ideen und Strategien, wie z.B. Kontakt zu ehemaligen KollegInnen aufzunehmen, im Familien- und Freundeskreis beratend tätig zu werden, eine Supervisionsgruppe zu organisieren, sich bei Bildungsdienstleistern als Dozentin zu bewerben ... Schlussendlich haben ihre Aktivitäten dazu geführt, dass sie die Arbeitszeit in ihrem bestehenden Job reduzieren konnte und zusätzlich freiberuflich tätig wurde. Das wirkte sich wiederum auch auf die ursprüngliche Beschäftigung positiv aus, da sie diese nun nicht mehr als langweilig, sondern als „entspanntes Arbeiten“ wahrnehmen konnte.
In ihrem Fall war die Klarheit über ihre unterschätzten Bedürfnisse entscheidend, die es ihr ermöglichte, mit Zuversicht und Entschlossenheit ihren Vorstellungen nach zu gehen. „Ich will und ich werde etwas ändern!“ war der entscheidende Satz, der die Wende einleitete. Diese Einsicht ist ein kraftvoller Schlüssel, die als negativ empfundene Situation positiv zu verändern. Autonomie, Selbstbestimmtheit und Handlungskompetenz sind hier zum Tragen gekommen.

Beziehungen bewusst gestalten
Ein weiterer, grundlegender Faktor für ein als angenehm empfundenes Arbeits- und Berufsleben ist die Qualität der Beziehungen, die ich dort habe. Auch wenn Arbeitsbeziehungen nicht in erster Linie dazu da sind, grundlegende soziale Bedürfnisse zu befriedigen – das sollte im Privaten erfolgen – spielen sie eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden und die Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Sie definieren das Verbundenheits- oder Zugehörigkeitsgefühl zu KollegInnen, MitarbeiterInnen und – im besten Fall – auch zu Vorgesetzten („Wir sitzen alle in einem Boot“). Bei Freiberuflern können das Klienten, Kunden, Auftraggeber sein. Das Beziehungsverhalten, die Beziehungsgestaltung, der persönliche Kontakt, die soziale und emotionale Kompetenz bilden die Basis für Anerkennung, Wertschätzung und Vertrauen.
Meine privaten Beziehungen kann ich mir aussuchen, die bei der Arbeit oder im Beruf in der Regel nicht. Das führt häufig dazu, dass dieser Umstand als gegeben und schicksalhaft unveränderbar hin genommen wird. Schicksalhaft, möglicherweise – unveränderbar, nein. Ich kann immer etwas verändern, wenn ich das will. Sicher nicht mit der Garantie, aber zumindest mit der Aussicht auf Erfolg! Warum nicht etwas probieren, investieren, riskieren? „Welche meiner beruflichen Beziehungen will ich verbessern?“, „Wen lade ich als nächstes zu einem persönlichen Gespräch ein?“, „Wo kann ich neue, für mich interessante Kontakte knüpfen?“ Und auch diese Frage sei erlaubt: „Was bin ich bereit dafür zu tun?“

Selbstwirksamkeit wirkt!
Entscheidend ist die aktive Teilnahme an der „Arbeits- und Berufslebens-Gestaltung“. Ich bin (positiv) Handelnder, Mitstreiter, aktives Element einer Situation, eines Auftrags, einer Teamarbeit. Ich nehme bewusst und gezielt Einfluss auf ein Geschehen. Ich setze Ursachen für eine gewünschte Wirkung. Ich riskiere etwas, von dem ich überzeugt bin, dass es richtig ist. Ich habe mir dazu Gedanken gemacht, Rat eingeholt, Für und Wider seriös und mit gesundem Menschenverstand abgewogen. Meine Erkenntnis ist meine Wahrheit und meine Meinung – und für die setze ich mich ein und für die stehe ich auch gerade. Ich übernehme volle Verantwortung für mein Handeln und Tun. Ich habe nichts zu verbergen und ein Recht auf meine Meinung!
Was spricht dagegen, mich selbstbewusst und meinungsstark zu zeigen und zu positionieren? Wo ist das Problem, wenn andere anderer Meinung sind und meine nicht so überzeugend finden wie die ihre? Warum sich nicht für eine gemeinsame Lösung oder einen neuen Vorschlag einsetzen? Vielleicht ist Ausdauer und Hartnäckigkeit gefragt – dann ist das so! Dran bleiben, weiter machen, sich nicht aus der Bahn werfen und verunsichern lassen. Durchatmen, entspannen, nachdenken … und irgendwann den Faden wieder aufnehmen.

Souveränität tut gut
Ich persönlich mache immer wieder die Erfahrung, dass ich Situationen, die bei mir im Vorfeld Unsicherheit, Angst oder auch Fluchtgedanken auslösen, letztendlich deutlich besser und souveräner durchstehe als erwartet und gedacht. Meiner Beobachtung nach ist das bei den meisten so. Und sollte es tatsächlich mal „in die Hose“ gehen, habe ich es zumindest aufrecht versucht.
Autonomie, Beziehungsgestaltung und Kompetenz sind drei grundlegende Schlüsselfaktoren für ein zufriedenes Arbeits- und Berufsleben. Das heißt, selbstbestimmt, sozial und meiner Stärken bewusst agieren und handeln. Wenn ich das beherzige, bin ich Impuls- und Ursachengeber meines direkten Lebensumfelds. Ich erzeuge Wirkung und Resonanz – jenseits dessen, dass Ereignisse eintreten können, die nicht vorhersehbar, überraschend oder auch unerwünscht sind. So what? Ich weiß, dass ich erneut Einfluss nehmen und die Dinge weiter bewegen kann – in die Richtung, die ich für richtig halte und „meiner Meinung nach“ zielführend ist.



Der Autor Jürgen Häger lebt und arbeitet in Berlin als Unternehmensberater, Coach und Trainer. Seit 1995 begleitet er Menschen bei der Realisierung ihrer Ideen und Projekte. Jeden 1. Mittwoch im Monat bietet er einen Aufstellungs-Abend in Berlin-Charlottenburg an – vorrangige Themen: Arbeit, Beruf, Konflikte, Neuorientierung, Ideen, Projekte und andere persönliche Anliegen. Weitere Informationen unter www.projektcoaching-berlin.de


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