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Ausgabe März/April 2015
Un/Zufrieden sein. Von Wolf Schneider


Jetzt tue ich mal so, als sei ich weise und könne mich selbst beraten. Und sage zu mir: Es ist eigentlich ganz einfach. Sei da, wo du gerade bist. Wenn dir dabei Vergangenes in den Sinn kommt, verscheuche es nicht, es verschwindet von allein, aber vergiss dabei nicht, dass du jetzt da bist. Ebenso im Umgang mit der Zukunft: Wenn dir zukünftig Mögliches in den Sinn kommt, verscheuche es nicht, auch das Denken an Zukünftiges ist keine Sünde gegen die Wahrheit des ewigen Hier-und-Jetzt. So verweilend sei zufrieden.
Ist das schwierig? Nein, es ist leicht. Leidest du? Hm, ja, das passiert uns allen. Aber wir brauchen nicht am Leiden zu leiden. Beides kommt und beides vergeht auch wieder, und wir können es auch nicht verhindern, das Kommen des Leidens nicht und sein Verschwinden auch nicht. Und es gibt keinen Grund, unter diesem Kommen und Gehen zu leiden. Wir können zufrieden sein, obwohl das Leiden kommt und geht, ebenso wie das Glück.

Bewegung
Ich habe diese Wahrheiten immer wieder vergessen. Aber dann sind sie wiedergekommen und nie mehr ganz verschwunden. Nun braucht mich niemand mehr darin zu belehren, und ich möchte darin auch nicht andere belehren. Was eigentlich auch gar nicht geht: Wenn ich dich belehre, tue ich so, als sei ich kein Lernender mehr, und du tust so, als wüsstest du das alles nicht schon selbst. Dann tun wir beide so als ob und geben dabei vor, es ginge uns um die Wahrheit – wie absurd.
In Wirklichkeit ist es viel einfacher: Ich sehe, höre, rieche, schmecke und fühle. Ich spüre Kälte und Wärme. Ich atme. Gedanken kommen und gehen, ebenso Gefühle und Körperempfindungen. Zeitweilig falle ich in Schlaf, träume, dann wache ich wieder auf. Tagsüber bin ich beschäftigt, meist in Gedanken, dann wieder prickelnd hellwach, und auch das kommt und geht. Könnte ich diese Abläufe anders haben wollen? Klar kann ich das – aber auch das wäre nur ein Wunsch, und auch der käme und würde wieder vergehen.

Auflehnung gegen Gott
Neulich fiel mir wieder ein, wie sehr Jiddu Krishnamurtis Begriff des »divine discontent«, der göttlichen Unzufriedenheit, mich damals, als ich seine Bücher las, getroffen hatte. Göttlich und zugleich unzufrieden, wie soll das gehen? Wer das Leben als gottgegeben hinnimmt, kann doch nicht unzufrieden sein, das wäre doch eine Auflehnung gegen Gott!
Krishnamurti aber meinte das ernst. Der Begriff der göttlichen Unzufriedenheit war für ihn ein Hinweis auf die Unruhe des Suchenden, der sich nicht zufrieden gibt, ehe er ganz gefunden hat; und wohl auch ein Hinweis auf die Unruhe des Liebenden, Mitfühlenden, der die Existenz, so wie er sie vorfindet, nicht hinnehmen kann, ehe noch irgendein Wesen leidet: die Ruhelosigkeit des Bodhisattva.
Andererseits ist das gottergebene Hinnehmen des Vorgefundenen geradezu ein Synonym für Religiosität. Hätte ich die Welt erschaffen, hätte ich sie nicht so gemacht, wie ich sie vorfinde, das ist Besserwisserei gegenüber Gott und widerspricht zudem dem Grundsatz des frommen Esoterikers, dass die Welt, wie ich sie vorfinde, mich spiegelt: Wenn mir daran etwas nicht passt, zeigt mir das nur einen Mangel an Selbstakzeptanz.

Möge das Leiden enden
Um mich hier nicht wieder mit der billigen Ausrede davonzustehlen, das sei eben paradox, lege ich mir das lieber so zurecht: Ein filterloses Wahrnehmen ohne Scheuklappen und ohne blinde Flecken – nehmen wir mal an, es gäbe so etwas – bedeutet, das Gegebene erstmal als gegeben hinzunehmen. Damit muss alles anfangen, denn wenn ich schon beim Wahrnehmen filtere zwischen dem, was sein darf und was nicht, habe ich kein korrektes Weltbild und meine Entscheidungen liegen dementsprechend schief. Wenn ich jedoch mit allen Sinnen wahrnehme, was tatsächlich der Fall ist, dann darf ich nicht nur unzufrieden sein (danke für die Erlaubnis, hehe), dann bin ich es unausweichlich.
Wer Empfindungen hat und fühlt, hat Bedürfnisse und Sehnsüchte und spürt so auch die Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte anderer. Der so Fühlende – der Mensch, jeder von uns – ist also, wenn die Erfüllung ausbleibt, unzufrieden, leidet und möchte das Leiden beenden. Unausweichlich tun wir das, so lange bis wir tot sind. Oder bis wir uns ein dickes Fell zugelegt haben, durch das nichts hindurchdringt, was für einen lebenden, fühlenden Menschen kaum möglich ist. Auch wenn uns unsere Wirtschaft und Gesellschaft manchmal so scheint, als würde sie von solchen dickfelligen Menschen dominiert.

Göttlich menschlich
Der erste Schritt eines guten, gelingenden Lebens ist also das bedingungslose, möglichst filterlose Wahrnehmen. Der zweite das Fühlen, aus dem das Wollen hervorgeht und daraus das Handeln. Beim ersten Schritt akzeptieren wir filterfrei, was ist, gehen also zunächst von einem Frieden und Einverstandensein mit dem Bestehenden aus. Beim zweiten kommt als Motiv die Unzufriedenheit ins Spiel, Krishnamurtis »göttliche Unzufriedenheit«, die durch zielgerichtetes Handeln dann wieder Zufriedenheit zu erreichen sucht. So sind wir als Menschen immer aufgespannt zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit, sind zugleich (oder, anders gesprochen: abwechselnd) gottergeben zufrieden und menschlich strebend, Gott und Mensch zugleich. So wie auf das Einatmen das Ausatmen, folgt dem Wahrnehmen das Urteilen und diesem wiederum das strebende Handeln, und nichts davon ist unnatürlich oder ungöttlich.

Handeln aus der Mitte heraus
Die Praxis der stillen Meditation hilft beim Einsinken in das bedingungslose, filterlose Wahrnehmen dessen, was ist, und das gilt auch für die spirituellen Praktiken des Yoga, Taiji, Qigong, das Dhikr der Sufis, und auch für Feldenkrais und viele Methoden der Körpertherapien (oder Teile davon) und der Martial Arts. Wer als Ergebnis einer »erfolgreichen Meditation« aber Gefühllosigkeit oder auch nur ein stilles, gottergeben zufriedenes Ruhen im gegenwärtigen Sein erwartet, irrt. Oder hat sich statt des vielbesungenen Gleichmuts (upeksha) nur ein dickes Fell zugelegt.
Gleichmut ist ein guter Hintergrund für unser passioniertes Tun. Mögen unsere Aktivitäten darin eingebettet sein, möge unser Tun ein Zentrum haben. Möge die uns innewohnende Dynamik aus dem Hara kommen, aus der Mitte. Das Motiv menschlichen Tuns ist aber immer eine Unzufriedenheit mit dem Vorgefundenen. Und das ist gut so.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett.
Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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