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Ausgabe März/April 2015
Slow Sex - Egolos, meditativ, im Sein verwurzelt. Von Barbara Simonsohn


Ein neuer Ansatz revolutioniert „die schönste Sache der Welt“. Genau wie „Slow Food“ auch nicht nur bedeutet: langsam kauen, sondern mehr Bewusstsein oder Spiritualität ins Essen zu bringen, so will der Ansatz von Diana Richardson Sex zu dem machen, was es eigentlich bedeutet: Liebe machen oder Liebe geschehen lassen. Für mehr Glück und Zufriedenheit, mehr Liebe und Frieden zwischen den Geschlechtern und damit auf der Welt. Was vielleicht einfach klingt, ist es auch, aber gleichzeitig schwer in die Tat umzusetzen, weil fest gefahrene Ideen, wie „es“ sein sollte, und unsere Fixierung auf ein Ziel, den Orgasmus, unsere Gedanken und Gefühle erobert haben. Dabei gilt auch hier: der Weg ist das Ziel. Indem wir uns dem Augenblick zuwenden, nichts forcieren und unseren Geschlechtsorganen die Regie überlassen, nicht dauernd mit dem Kopf „dazwischen funken“, verschmelzen unsere Energiekörper, verweilen wir im Glück des Jetzt, energetisieren wir unsere Zellen mit spiritueller Energie und schenken uns gegenseitig Lebenskraft, die über Tage anhalten kann. Es geht dabei nicht um Stellungen, sondern um Einstellung, um eine grundsätzliche Änderung unserer Einstellungen zu einem Thema, was in vielen Beziehungen Frust und Leistungsdruck erzeugt, eigentlich aber dafür da ist, beiden Partnern Glück und Erfüllung zu schenken.
Wie sieht es aus in deutschen Betten? Pornografie ist gesellschaftsfähig geworden und Sexshops sprießen aus dem Boden. Das Besuchen von Swinger-Clubs, das Nutzen von Sexspielzeug zur Stimulation und das Ausprobieren von Variationen von devot und dominant, oder gar von maso-sado, sind spätestens seit Erscheinen des Buchs „Shades of Grey“ mit zahllosen Nachfolgern gesellschaftsfähig geworden. Das Meer von Ratgeber-Büchern für angeblich erfüllenden Sex macht eher ratlos. Es ist die Frage: Macht die neue Liberalität auf sexuellem Gebiet Mann und Frau wirklich glücklich? So graben sich die Bilder pornografischer Filme, meist auf die angeblichen Bedürfnisse von Männern zugeschnitten, tief in die Seele von Mann und Frau und prägen das sexuelle Verhalten auch schon von Jugendlichen. Die Suche nach dem ultimativen Sex-Kick verursacht auf Dauer massive Probleme in der Partnerschaft. Leistungsdruck, Versagensängste bei allen Beteiligten, profane Sexgymnastik, mechanische Wiederholung und die Steigerung der Lust durch immer stärkere Stimulanzien sind für viele Paare Alltag. Leistungsdruck und Hektik prägen unser Leben und mittlerweile auch das Intimste, was wir besitzen, unsere Sexualität.
Was, wenn es eine Alternative gibt, die unabhängig vom Alter Zufriedenheit schafft und Beziehungen wachsen, blühen und gedeihen lässt?
In meinen Augen lässt „Frust im Bett“ Beziehungen austrocknen. Man bleibt – unerfüllt – zusammen oder geht enttäuscht auseinander. Sind multiple Orgasmen für die Frau das Non-plus-ultra? Muss der Mann stets bereit sein und sich zur Not im Alter durch blaue Viagra-Pillen die Gesundheit gefährden, um in eingefahrener und gewohnter Weise Geschlechtsverkehr mit seiner Frau zu absolvieren, obwohl die Frau längst ihre Lust auf schnellen „Rein-raus-Sex“ verloren hat? Ich glaube, nein.
Bei „Slow Sex“, einem Ansatz von Diana Richardson, geht es nicht nur darum, sich bewusst Zeit für Sex zu nehmen. Eine hastig hinunter geschlungene Mahlzeit ist genauso unbekömmlich wie regelmäßig Quickies, die dem Mann kurzfristig Erleichterung verschaffen mögen, der Frau aber schwer „im Magen liegen“ können und beide Parteien auf Dauer unbefriedigt lassen. Sich (mehr) Zeit für Sex zu nehmen heißt auch, sein Körperbewusstsein zu schulen, sich mit Blickkontakt und sanften Berührungen auch auf den inneren Ebenen mit dem Partner zu verbinden, und durch bewusstes Atmen jeden Moment intensiv wahrzunehmen und zu genießen. Beim sexuellen Akt stehen dann Entspannung, Achtsamkeit, Kreativität und liebevolles Geben und Nehmen im Vordergrund. Die Vereinigung ist meditativ und liebevoll und führt durch das Verschmelzen von weiblicher und männlicher Energie zu sanfter, fortwährender Ekstase - der Verbindung mit dem Göttlichen. Wir spüren den eigenen und den Körper des Partners intensiv und nehmen jeden Moment und jede Berührung bewusst wahr. Dann hat die heilende und spirituelle Kraft der Erotik die Fähigkeit, die Partnerschaft zu transformieren, zu spiritualisieren und den sexuellen Akt wieder zu einem wirklichen Akt der Liebe zu machen. Eine so gelebte Sexualität nährt die Zweisamkeit und stärkt das Individuum. Sex kann zu einem Festmahl werden für Körper, Seele und Geist. Wer träumt nicht davon?
Unsere kollektive Konditionierung hält uns von einer unschuldigen spirituellen sexuellen Erfahrung ab.
Wir müssen jede Menge verlernen, um uns auf dem Weg der Wiederentdeckung des Wahren und Echten zu begegnen. Sexuelle Erregung ist für Slow Sex nicht nötig. Im Gegenteil, zu viel davon lässt in der Hitze der Lust die Liebe auf der Strecke bleiben. Mit der richtigen Einstellung ist die sexuelle Vereinigung kein hastiger, zielorientierter Akt mehr, sondern wir lassen uns in die Weisheit unseres Körpers hinein fallen und damit in die Weisheit unserer Geschlechtsorgane, die dann ohne Einmischung des Verstandes miteinander kommunizieren und uns ungewohnte Glückserlebnisse bescheren können. Sie sprechen in einer ganz eigenen Sprache miteinander. Vitalität und inneres Strahlen bleiben nach einer solchen sexuellen Begegnung noch lange erhalten. Wenn wir immer mehr lernen, uns in Langsamkeit zu üben – wie langsam ist langsam? – und im Augenblick zu verweilen, wird dies auch alle anderen Bereiche unseres Lebens positiv beeinflussen. Die Qualität unseres Liebeslebens, ob wir es wollen oder nicht, wirkt sich auf unser ganzes Sein und unsere Lebensqualität aus.
Es braucht Zeit, um miteinander warm zu werden. Frauen haben eine ganz andere Erregungskurve als Männer. Bei normalem Sex ist mit dem Orgasmus meist alles vorbei. Als wenn es darum ginge, Sex so schnell wie möglich hinter sich zu bringen! In unserer leistungsorientierten Gesellschaft wird ein Entspannen ins Sein oder Nichts-Tun als mangelnde Zielstrebigkeit oder Faulheit verurteilt. In unserer schnellen und zielorientierten Kultur gibt es für erfrischende Tiefenentspannung durch Nichtstun keine Wertschätzung. Das Ziel Orgasmus verhindert die Entspannung. Sex wird mit Zielen und Erwartungen überfrachtet. Es gilt, langsamer zu werden und sich von Zielen zu verabschieden. Nur dann können wir im Körper verwurzelt bleiben, im Hier und Jetzt sein und die Erfahrungen, die der Körper von Augenblick zu Augenblick macht, intensiv erleben. Wir genießen dann eine verstärkte zelluläre Empfindsamkeit und innere Ausdehnung. So kann die Reise in den Körper der Frau viele wunderbare Minuten dauern. Man lässt sich von dem leiten, was zwischen den Körpern selbst geschehen möchte. Von „Automatik“ schalten wir sozusagen auf „Gangschaltung“ und genießen jeden Schritt, jeden Schaltvorgang, statt im vierten Gang zu starten. Durch Bewusstsein verändert sich alles, durch das „Wie“ auch das „Was“. Der Fokus ist mehr auf das Sein als auf das Tun gerichtet.
Mann und Frau sind gegensätzlich gepolt, daher die starke Anziehungskraft. Der positive, aussendende Pol bei der Frau ist in ihren Brüsten angesiedelt, beim Mann im Penis, und der negative, empfangende Pol bei der Frau in der Vagina, beim Mann in der Brust. Die Klitoris spielt daher eine untergeordnete Rolle bei höheren sexuellen Erfahrungen. Diana Richardson empfiehlt Sex so oft wie möglich, sich dafür zu verabreden, und sich Zeit zu nehmen, am besten ab drei Stunden aufwärts. Sie rät allerdings auch zu kurzem morgendlichen intimen „Andocken“ und energetischem Austausch, wenn die Zeit knapp ist. Das geht auch bei weichem, nicht erigiertem Penis. Viele Männer erleben Erleichterung, wenn sie vom Druck befreit sind, immer eine Erektion haben zu müssen, weil viele Frauen denken, Impotenz sei ein Zeichen von mangelnder Liebe, und eine sexuelle Vereinigung nur mit hartem Penis möglich erscheint. Bei Impotenz hat der Körper seine angeborene Sensitivität unter dem Druck und der Anspannung von stimulierendem Sex verloren. Bei Diana Richardson kommt nicht nur die Frau zu Erfüllung und Befriedigung, sondern eine ungeheure Last wird von den Schultern des Mannes genommen, und auch er erlebt den tiefen seelischen Austausch beim kühleren Slow Sex als befriedigender. Auch er erfährt Glückseligkeit, einen himmlischen Zustand größten Behagens, des Friedens und der Eintracht. Unser Sein verschmilzt mit allem, was ist, und bringt uns damit in Harmonie. Ekstase ist dabei nicht dasselbe wie Erregung, sondern ein Zustand vollkommener Zufriedenheit jenseits von aufregenden Sensationen.
Bewusstheit beim sexuellen Austausch kann den Akt zu einem heiligen Liebesakt machen, im Gegensatz zum üblichen „Rein-Raus“-Sex. Jeder Mensch hat eine unerschöpfliche Quelle der Liebe in sich. Bewusstsein selbst erzeugt Liebe. Daher ist Slow Sex schon von seiner Natur her, die bewusst und achtsam ist, ein sehr liebevoller Sex. Die Augen leuchten, die Gesichter sind entspannt und strahlend. Slow Sex erzeugt eine Bindung und Einigkeit, die jenseits von Erregung und dem Wunsch nach Abwechslung liegen. Diana Richardson: „Beim Slow Sex werden die metabolischen Kräfte des heiligen Raumes mobilisiert, weil wir dabei die Weisheit unseres Körpers ehren.“ Wir werden mehr zu dem, was wir eigentlich sein sollten. Tiefgreifende Heilprozesse und Kräfte werden mobilisiert, die uns körperlich und geistig verjüngen. Sex auf „richtige“ Weise stärkt unser Immunsystem, fördert unsere Kreativität und Intelligenz und beglückt uns in unserem gesamten erwachsenen Leben. Als heilige metabolische Kräfte werden Liebe, Wahrheit, Mut, Bekenntnis, Mitgefühl, Versöhnlichkeit, Vertrauen und Hingabe betrachtet, mit denen wir allmählich in Einstimmung kommen.
Durch Bewusstheit wird Sex in Liebe verwandelt.
Unser Menschsein ist es, was uns zu uns selbst nach Hause führt und uns den Platz gibt, den das Universum für uns vorgesehen hat. Im Gegensatz zum konventionellen Sex, bei dem das Aufregende im Laufe der Zeit nachlässt, bleibt Slow Sex über Jahre hinweg attraktiv und stärkt als bindende, zusammenhaltende Kraft die Zusammengehörigkeit und die spirituelle Entwicklung, indem es uns für höhere Dimensionen öffnet. Der größte Wunsch des Mannes ist es, von einer Frau geliebt zu werden, genau wie es der größte Wunsch der Frau ist, von einem Mann geliebt zu werden. Mit Slow Sex kann jeder einzelne, jedes Paar in seinem Umfeld zu echten Generatoren von positiver, spiritueller und liebender Energie werden und damit einen Beitrag für mehr Liebe und Frieden auf der Welt leisten. Wir werden zum Botschafter der Liebe, indem wir mehr Liebe erzeugen und damit die Schwingungen auf dem Planeten verfeinern und erhöhen.

Die Autorin Barbara Simonsohn, Jahrgang 1954, studierte Sozialwissenschaften. Zehn Jahre war sie in der Findhorn-Gemeinschaft in Schottland, wo sie nicht nur im Garten mitarbeitete, sondern auch einige ganzheitliche Heilmethoden lernte. 1984 schloss sie ihre Ausbildung als Lehrerin für das „authentische Reiki“ bei Dr. Barbara Ray in den USA ab.

Buchtipps:
Diana Richardson, „Slow Sex. Zeit finden für die Liebe”, Integral. „Diana Richardson ist weltweit eine der drei besten „Espertinnen der Liebe“ („Brigitte“ 2011)
Dieselbe, „Slow Sex“, DVD, innenwelt Verlag (Winner Publikumspreis Cosmic Line Award 2013).
Barbara Simonsohn, „Das authentische Reiki – wirksame Hilfe bei den körperlichen und seelischen Problemen der heutigen Zeit“, Goldmann-TB


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