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Ausgabe März/April 2015
Sexuell selbstbewusst und glücklich. Von Regina Heckert

Immer noch wird über das sexuelle Erleben nicht wirklich offen miteinander geredet.

Wussten Sie, dass...
das sexuelle Wohlbefinden nicht nur Ihr Lebensglück, sondern auch Ihre Gesundheit beeinflusst?
Singles noch seltener Sex haben als Paare und sechzig jährige Partner sexuell aktiver sind als dreißig jährige Singles?
der Orgasmus eine hohe Bedeutung für die sexuelle Zufriedenheit von Frauen hat, aber nur 4 Prozent aller Frauen ihn vaginal (ohne Zusatzstimulation der Klitoris) bekommen können?
der häufigste Grund für einen Seitensprung die sexuelle Unzufriedenheit in der Partnerschaft ist?
ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper die sexuelle Lust und die Orgasmusfähigkeit deutlich erhöht?


Guter Sex ist gesund und macht froh, Männer wie Frauen. Wer genug erfüllende Sexualität erlebt, ist zufriedener und glücklicher. Das bestätigen viele wissenschaftliche Untersuchungen. Was allerdings kaum jemand weiß: Eine erfüllende Sexualität hat nichts mit ausgefeilten Techniken oder mit anstrengenden Veränderungen zu tun. Man muss nicht erst schlanker, lustvoller oder orgasmusfähig werden, um die Liebeslust in vollen Zügen genießen zu können. Es genügt ein gutes sexuelles Selbstbewusstsein. Und das kann leicht, spielerisch und mit viel Spaß aufgebaut werden. Erfüllende Liebesbegegnungen und sexuelle Gesundheit stellen sich dann ganz von selbst ein.
Ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper steigert laut Studien den sexuellen Appetit und sogar die Orgasmushäufigkeit. Aber besonders Frauen stehen leider oft unter dem Schock des sogenannten „Model-Syndroms“. Anstatt den Körper zu genießen, wird an ihm herumgebastelt. Selten scheint er wirklich gut genug zu sein. Für viele sitzt genau hier die Wurzel für ein mangelndes sexuelles Selbstwertgefühl. Dabei muss der Körper gar nicht verbessert oder verändert werden, damit man mit Spaß und Freude auf dem Spielfeld der Lust mitspielen kann. Seine vermeintlichen Schwächen können geradezu die verborgenen Türen zu wahrer Intimität öffnen.
Andere wiederum fühlen sich rundum wohl in ihrem Körper, verlieren sich aber häufig im Kopfkino und sind dadurch nicht wirklich präsent, was besonders im Bett nicht wirklich nützlich ist. Den Körper so wie er ist anzunehmen und sich dauerhaft in ihm zu verankern, kann geübt, ja sogar trainiert werden. Dann ist die Basis geschaffen, um auf die Forschungsreise zu Lust und Liebe zu gehen, denn alle Lustgeheimnisse sind ja mitten im Körper, manchmal sogar an ungeahnten Stellen, gespeichert. Diese gilt es zu entdecken.
Es gibt Menschen, die kennen ihre wirklichen sexuellen Bedürfnisse noch gar nicht. Sie spüren vielleicht eine deutliche oder nur latente Unzufriedenheit mit der Art von Sexualität, die sie erleben. Andere kennen ihre Bedürfnisse sehr wohl, wissen aber nicht so recht, wie sie sie vermitteln können. Wieder andere können beides bestens: Sie wissen, was sie möchten und bringen es auch klar zum Ausdruck. Aber da sperrt und wehrt sich auf einmal der Liebespartner, sie zu erfüllen. Anstatt liebevoll miteinander zu reden, gibt es Zank um die Art und die Häufigkeit der schönsten Sache der Welt.
Sowohl Singles als auch Paare geraten viel zu schnell in Machtspiele wie Rechthaben, Besserwissen, Schuldspiele, die Vorwurfsfalle oder Rache und Vergeltung. Anstatt einander zuzuhören und voneinander zu lernen, verderben sie den „Lustbrei“ gründlich. Doch verlieren stets alle Beteiligten dabei. Gewinner gibt es nur, wenn beide gewinnen können. Es ist daher ein Segen, die eigenen Lustmacher zu finden und sich damit dem Partner zu zeigen. Wenn das nicht umsetzbar ist, liegt es manchmal an Ängsten und Widerständen, die wie eine Barrikade vor dem Wunsch zum Liebesglück stehen können. Deshalb brauchen viele Menschen für eine Weile kompetente fachliche Hilfe, um sich davon nicht verschrecken zu lassen. Wer nämlich gelernt hat, nach der Landkarte der eigenen Lust zu leben und zu lieben, hat beste Bedingungen für erfüllte Begegnungen und dauerhaftes Liebesglück, bei dem auch Gipfelerlebnisse nicht fehlen dürfen.
Wer gute Orgasmen bekommen kann, ist nämlich glücklicher und hat mehr Lebensfreude. Das bestätigen aktuelle Umfragen immer wieder. Rund um den Orgasmus gibt es viele Hoffnungen und Erwartungen: Doch nur 4 % aller Frauen bekommen ihn vaginal. Viele sind immer noch nicht oder nur bedingt orgasmusfähig. Bei Männern stellen vorzeitiger Samenerguss oder Erektionsschwierigkeiten Hindernisse auf dem Weg zu den erhofften Gipfelerfahrungen dar. Wie gelingen der kosmische, der multiple, der gleichzeitige, der Atem- oder der Ganzkörperorgasmus? Sind der Kopfkissenorgasmus und der Steißbeinorgasmus überhaupt echte Orgasmen?
Orgasmen werden häufig aus Not vorgetäuscht. Längst hat auch der Mann diese Möglichkeit für sich entdeckt. Doch das sexuelle Selbstbewusstsein wird dadurch geschwächt.
Um lustvoll und liebesfähig zu sein und zu bleiben, ist es für die meisten Menschen nötig, die „sexuelle Sprache“ wiederzufinden: davor, dabei und danach. Immer noch wird über das sexuelle Erleben nicht wirklich offen miteinander geredet. Dabei gibt es in der heutigen Zeit so viele Hilfen für eine offene und respektvolle Kommunikation. Es ist heilsamer, mutig auch Peinliches anzusprechen und sich durch die Wahrheit erschüttern zu lassen, als dauerhaft in einer Scheinwelt zu leben oder zu resignieren. Bei manchen sitzt jedoch die Wurzel des sexuellen Unvermögens sehr tief. Wenn nämlich trotz Einsatzbereitschaft und gutem Willen sich das sexuelle Rad nicht drehen will, kann System dahinterstecken: das Familiensystem. In langjähriger Arbeit hat sich gezeigt, dass fehlende Lust oder Sexualität durch verborgene Dynamiken in der Familie begründet sein können und so lange wirken, bis sie erkannt und aufgelöst werden: Der Tod der Urgroßmutter im Kindbett, früh Verstorbene im nahen Familienumfeld, Nonnen und Priester in der Familie, Abtreibungen, der Verlust der Heimat durch die Flucht der Vorfahren im Krieg oder Vergewaltigungen sind nur einige Hinweise für mögliche tiefere Blockaden der Liebeslust. Zum Glück gibt es die Aufstellungsarbeit, die uns hier durch mit dem Verstand unfassbares Dickicht leiten und befreien kann. Jedenfalls lautet die gute Nachricht: Wer lustvoll und liebesfähig werden will, hat in der heutigen Zeit mehr Chancen als je zuvor und darf sie nützen: Tag für Tag.


Die Autorin Regina Heckert, Jahrgang 1956, ist seit fast 30 Jahren Sexualberaterin und Leiterin der von ihr gegründeten BeFree Tantraschule. Aktuell hat sie das bundesweite FfF Netzwerk Lust & Orgasmus für Frauen gegründet (www.fff-frauen.de). An Ostern beginnt das Jahrestraining „Sexuell Selbstbewusst“, in dem sie die Basics der Liebeslust humorvoll vermittelt. Infos dazu auf www.befree-tantra.de


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