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Ausgabe März/April 2015
Mehr Nähe zulassen. Präsent werden füreinander. Von Jochen Meyer


Wir alle sehnen uns nach Nähe. Wir alle wollen uns in unseren Liebesbeziehungen geborgen fühlen. Wir möchten einander vertrauen, uns körperlich und seelisch nah sein und uns verbunden fühlen. Nähe können wir zwar nicht machen, aber wir können sie zulassen. Wir können lernen, mehr Nähe zu ermöglichen. Wir können unsere Grenzen verschieben, uns zum Beispiel ein Stückchen weiter öffnen und etwas sagen, das unser Gegenüber erfreut und im Herzen berührt.

Wir wollen uns von unseren Partnern gesehen fühlen
Wir alle gehen mit einem Urbedürfnis nach positiver Resonanz in eine neue Beziehung. Wir wünschen uns, dass wir angenommen werden und in der Gegenwart des anderen spüren: „Ja, hier kann ich sein, wie ich bin.“ Wir wollen uns gesehen fühlen und oft ist dies ein starkes Motiv, warum wir uns ineinander verlieben: „Wir haben uns vom ersten Moment an verstanden. Es war magisch – so, als ob wir uns schon ewig kennen würden.“
Fühlen wir uns vom anderen gesehen, dann fühlen wir uns geliebt. Genau deswegen ist es auf der anderen Seite auch so schmerzhaft, wenn wir uns von unseren Partnern nicht gesehen fühlen: Wir spüren, dass dann etwas Wesentliches fehlt. Ist unser Partner beispielsweise nicht bereit, unsere guten Absichten zu erkennen und unterstellt uns immer wieder Schlechtes, fühlen wir uns nicht erkannt. Reflexhaft ziehen wir uns dann zurück und resignieren oder antworten mit Anklangen und Gegenvorwürfen. Egal, wer den Stein ins Rollen bringt: Ist der Kreislauf gegenseitiger Verletzungen erst einmal in Gang, wird es schwierig, Nähe wieder herzustellen. Denke ich selbst an solche Momente in meinen Beziehungen, dann merke ich: Nie fühle ich mich einsamer, als wenn ich spüre, dass wir beide einander gerade nicht genügend sehen und nicht wirklich offen füreinander sind. Das einzige, was hier hilft: Entschleunigen, Abstand nehmen und sich immer wieder vergegenwärtigen: Wir wünschen uns vom anderen Geschlecht, dass wir in unserem Gutsein als Männer oder Frauen anerkannt werden. Und wir können uns vornehmen, dies ab jetzt wieder zu tun und damit beginnen, die Stimmung wieder zu entgiften.

Wie präsent sind Sie wirklich?
Wollen wir Nähe zulassen oder wieder mehr Nähe herstellen, so können wir uns darin üben, noch präsenter zu werden. Präsent sein heißt gegenwärtig sein; geistig, emotional wie körperlich anwesend zu sein; hellwach im Hier und Jetzt; offen für das, was gerade ist, sei es angenehm oder unangenehm.

Präsent sein beim Dating
Sind Sie gerade voller Aufregung im ersten Gespräch mit einem neuen Dating-Partner, Sie verspüren Sympathie und Wohlwollen und Ihre Begegnung läuft gut, so können Sie sich fragen: Bin ich gerade präsent für dich oder bin ich innerlich abwesend, mit mir und meiner Anspannung beschäftigt? Bekomme ich mit, wer du bist und wie ich mich mit dir fühle? Vermeide ich Kontakt, zum Beispiel Blickkontakt, oder stelle ich ihn bewusst her? Überlasse ich es dir, eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen oder tue ich es bewusst selbst? Halte ich mich zurück oder sage ich jetzt etwas, das uns einander näherbringt? Etwas, das über die Grenze des Üblichen hinausgeht und mein Gegenüber echt berührt? Auch wenn wir hierfür etwas Mut brauchen, kommt es nicht auf Heldentaten an. Präsent zu sein kann zum Beispiel bedeuten, ganz aus dem Moment heraus von sich zu sprechen: „Mein Herz klopft und ich fühle mich unsicher wie ein Teenager bei seiner ersten Verabredung!“ Nähe herzustellen kann aber auch gelingen, indem man die Small-Talk-Ebene verlässt und seinem Dating-Partner eine unerwartete, persönliche Frage stellt: „Wenn du magst, erzähl‘ mir doch mal was von dir: Wofür in deinem Leben bist du dankbar?“ Wollen Sie Ihren Dating-Partner für sich gewinnen, sind achtsame und präsente Feedbacks immer richtig. Sprechen Sie ganz bewusst eine persönliche Seite Ihres Gegenübers an; etwas, das ihn auszeichnet oder das er besonders gut kann. Sagen Sie etwas Wertschätzendes, das man in einer solchen Situation normalerweise nicht sagt.

Präsent sein in Liebesbeziehungen
In einer festen Beziehung füreinander präsent zu sein ist eine stetige Herausforderung, weil wir uns aneinander gewöhnen; glauben, einander zu kennen und zudem noch permanent von den Belastungen des Alltags abgelenkt werden. Wir brauchen also eine hohe Bewusstheit für die Wichtigkeit von Präsenz und müssen sie regelmäßig praktizieren. Nähe will gepflegt werden, sonst verflüchtigt sie sich und verschwindet schließlich ganz. Wollen Sie wieder präsenter für Ihre Partnerin oder Ihren Partner werden, können Sie damit beginnen, sie oder ihn mehr an Ihrem inneren Erleben teilhaben zu lassen. Erzählen Sie, wie Sie Ihren Tag erlebt haben, wie Sie sich fühlen, was Ihnen gelungen ist und was nicht. Und fragen Sie Ihren Partner, wie es ihm geht und wie er sich fühlt. Begnügen Sie sich nicht mit den Floskeln, die Sie sich aus alter Gewohnheit hinwerfen. Fragen Sie nach, bis Ihr Partner merkt, dass er Ihnen wirklich wichtig ist.
Präsent werden kann bedeuteten, ganz aus dem Moment zu sprechen; es kann aber auch bedeuten, aus einer übergreifenden Perspektive auf sein Gegenüber zu schauen. Sie können sich fragen: Werde ich dir wirklich gerecht? Weiß ich, was dich im Herzen gerade bewegt? Kriege ich mit, was dich belastet, was dir gerade am meisten fehlt oder was du dir jetzt am meisten wünschst? Wenn Sie jetzt ein einfühlsames, präsentes Feedback geben wie „Ich sehe, du hast ja echt einen anstrengenden Tag heute, wie sollst du dich da gut fühlen!“ ist das in den meisten Fällen mehr Wert als jeder Versuch einer aktiven Problemlösung.
Die Familientherapeutin Virginia Satir sagt, dass jeder Mensch am Tag sieben Umarmungen braucht, um sich geliebt zu fühlen. Nehmen Sie Ihren Partner siebenmal am Tag in den Arm? Wie oft sagen Sie ihm, was Sie an ihm schätzen? Wieviel Ernst legen Sie dabei in Ihre Worte? Wie oft berühren Sie Ihr Gegenüber dabei im Herzen? Wie wäre es, wenn Sie Ihrem Partner siebenmal am Tag präsent begegnen und Ihm etwas Nettes, Aufmerksames sagen würden? Wie wäre es umgekehrt? Wahrscheinlich würde Ihnen ein bis zweimal reichen, richtig? Gelingt es Ihnen, Ihrem Partner regelmäßig Ihre Zuneigung zu zeigen und ihm ab und an unaufgefordert einen echten Herzenswunsch zu erfüllen, wird er sich geliebt fühlen und Ihnen lange dankbar sein.

Präsent werden für die Situation, in der Sie gerade sind
Damit Nähe entsteht und erhalten bleibt, benötigen wir nicht nur körperliche Umarmungen, wir brauchen auch entsprechende Worte und ein entsprechendes Verhalten. Wir brauchen eine Präsenz für unser Gegenüber, aber auch für die Situation, in der wir uns gerade befinden. Treffen Sie einen neuen Dating-Partner zum ersten Mal, so können Sie sich fragen: Bin ich präsent für das, was hier gerade zwischen uns beiden möglich ist? Erfasse ich das Potential der Situation? Werde ich dem gerecht, was jetzt gerade zwischen uns beiden abläuft? Bin ich „nah dran“ oder vermeide ich, mich näher einzulassen? Möchte ich mehr in Kontakt gehen oder an dieser Stelle ganz bewusst nicht weitermachen? Jede Begegnung ist für etwas gut, wenn wir sie entsprechend wahrnehmen und präsent für ihr Potential sind. Wir können in jeder Begegnung einen Sinn finden oder ihr einen Sinn geben.
Genauso können Sie sich fragen, wenn Sie in einer Beziehung sind: Wieviel Nähe teilen wir miteinander, wann vermeiden wir sie? Wie oft berühren wir einander im Herzen? Wie sehr fühle ich mich von dir gesehen? Und wie oft du dich wohl von mir? Leben wir beide wirklich unser volles Potential an Nähe, Lust und Lebendigsein? Erkenne ich wirklich das gesamte Potential unserer Beziehung? Was könnten wir noch mehr entfalten? Bin ich wirklich präsent für das, was zwischen uns beiden möglich ist? Bin ich eher Initiator für das, was unsere Beziehung lebendiger macht, oder eher passiver Zuschauer? Finden Sie Antworten auf diese Fragen und bringen Sie sie in Ihre Beziehung ein, so werden Sie ein immer präsenterer Partner, der sich gern für seine Partnerschaft engagiert. Eines kann ich Ihnen garantieren: Ihre Liebe wird aufblühen und Sie werden sich besser fühlen!

Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. weitere Infos auf www.jochen-meyer-coaching.de


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