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Ausgabe Januar/Februar 2015
40 Tage Achtsamkeit. Impulse für eine etwas andere Fastenzeit von Christa Spannbauer


Nach den ausgelassenen Faschingstagen beginnt mit dem Aschermittwoch im christlichen Kulturkreis eine 40-tägige Fastenzeit. In der katholischen Kirche wird sie mit dem etwas morbide anmutenden Ritus eingeleitet, den Gläubigen ein Aschekreuz auf die Stirn zu zeichnen. „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst“, murmelt der Priester dabei. Als Kind fand ich das schaurig-schön und trug stolz mein Aschehaupt zur Schau. Weniger schön fand ich dann jedoch, dass in den folgenden Wochen im gesamten Haus keine Süßigkeiten zu finden waren und ich mich vor die Entscheidung gestellt sah, entweder meine Lieblingsvorabendsendung oder mein Lieblingsspielzeug zu opfern. Mein Verzicht galt als Solidaritätsgeste mit Jesus. Dieser hatte schließlich 40 Tage lang betend und fastend in der Wüste zugebracht, bevor er sein Leben für uns opferte.
Kein Wunder also, dass die Fastenzeit bei Menschen, die einem christlichen Elternhaus entstammen, reichlich gemischte Gefühle auslöst. Die Frage ist daher: Können wir die Fastenzeit neu denken? Diesen 40 Tagen einen zeitgemäßen Inhalt geben? Sie für unser heutiges spirituelles Leben nutzbar machen? Sie vielleicht sogar Menschen schmackhaft machen, die keinen christlichen Hintergrund haben?
Wir könnten uns etwa dafür entscheiden, die 40 Tage zu einem Übungsfeld der Achtsamkeit zu machen. Indem wir uns auf das Wesentliche besinnen und dieses wertschätzen, indem wir die Fülle des Lebens im Hier und Jetzt wahrnehmen, indem wir das Leben bewusst mit allen Sinnen auskosten. So könnten die österlichen Bußtage zu einer intensiven Zeit unseres Lebens werden.
Denn die Frage: „Was brauchen wir wirklich, um ein gutes Leben zu führen?“ ist heute aktueller denn je. Vielleicht entscheiden wir uns dafür, an diesen Tagen bewusst weniger zu konsumieren, um natürliche Ressourcen zu schonen; vielleicht stellen wir unser rastloses Multitasking ein, um zu mehr innerer Ruhe zu finden; vielleicht auch entscheiden wir uns dafür, weniger Süßigkeiten zu essen und das Fleisch vom Speiseplan zu streichen. Damit tun wir nicht nur unserer Gesundheit etwas Gutes, sondern gehen zugleich verantwortlich mit unseren Mitwesen um. Die Fastenzeit lädt von jeher dazu ein, enthaltsam mit dem Essen umzugehen. Was läge also näher, als diese Zeit dafür zu nutzen, um einen bewussten Umgang mit dem Essen zu pflegen? Unsere Sinne zu aktivieren, um so die Geschenke, die uns die Erde täglich kredenzt, auskosten und wertschätzen zu können. Hierfür bedarf es keiner kulinarischen oder exotischen Hochgenüsse. Auch im Einfachen ist der Genuss zu finden, wenn wir uns ihm mit allen Sinnen zuwenden. Beim achtsamen Essen geht es daher nicht um Verzicht, sondern um die Vermeidung von gedankenlosem Lust- und Frustessen. Das heißt zu essen, wenn wir Hunger haben und damit aufzuhören, wenn wir satt sind. Das klingt so einfach. Doch genau dies tun wir oft nicht. Denn hierfür bedarf es eines achtsamen Umgangs mit unserem Körper und seinen Bedürfnissen. Doch oft sind wir weit davon entfernt, ihm die Aufmerksamkeit und Fürsorge zu geben, die er verdient? „Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“, sagte die Mystikerin Teresa von Avila. Wäre nicht jetzt eine gute Gelegenheit, ihren Worten Folge zu leisten?
Die Fastentage bieten jedem von uns die Gelegenheit, sich wichtigen Fragen zuzuwenden: Wie kann ich mein Leben entschleunigen und dem Zeit einräumen, was in der Hektik des Alltags oft viel zu kurz kommt? Wie kann ich effektiv mit Sorgen, belastenden Gefühlen und zerstreuten Gedanken umgehen? Und wie kann ich dabei gezielt den Atem einsetzen? Das Buch und der Kurs „40 Tage Achtsamkeit“ geben hierfür zahlreiche Impulse der Achtsamkeit für jeden Tag und unterstützen Sie darin, zu mehr Gelassenheit, Zufriedenheit und innerer Stärke im Alltag zu finden.
Heute das einfache Leben wertschätzen:„Jeder Tag ein guter Tag!“ (Zen-Meister Ummon)
Jeder Tag bietet uns die Gelegenheit, zu einem guten Tag zu werden. Ganz gleich, mit was er uns überraschen oder vielleicht auch behelligen mag. Auch die schwierigen Etappen des Tages haben durchaus das Zeug dazu, ihn zu einem guten Tag zu machen. Sie sind es schließlich, die uns oft die wichtigsten Lektionen lehren. Denn genau darin liegt die Kunst des Lebens: Die unangenehmen Überraschungen des Lebens ebenso willkommen zu heißen und ihnen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen wie den angenehmen Erlebnissen. Zu einem Lebenskünstler werden Sie, wenn Sie die einfachen und alltäglichen Dingen des Lebens, die wir nur allzu oft als selbstverständlich erachten, auskosten können: den duftenden Kaffee am Morgen, die Sonnenstrahlen, die ins Zimmer fallen, das gemeinsame Frühstück mit der Familie. Wer täglich die Schönheit in den einfachen Dingen des Lebens zu entdecken vermag, erhöht den Glücksfaktor seines Lebens.

Tipps für den Tag
Werden Sie heute zum Glückssucher! Halten Sie während des Tages immer wieder inne und verankern Sie sich mit einigen Atemzügen im Hier und Jetzt. Blicken Sie um sich, lauschen Sie, spüren Sie, welche Geschenke Ihnen das Leben in diesem Augenblick anbietet. Nehmen Sie sich die Zeit, die schönen Momente tief in sich aufzunehmen. Zelebrieren Sie diese. Vielleicht mögen Sie mit einem Morgenritual den Tag willkommen heißen, vor jedem Essen einen Segen sprechen, am Abend Dank sagen. Dann werden Sie am Ende des Tages zu dem Schluss kommen: Ja, das war ein guter Tag!

(Buchauszug: Christa Spannbauer. 40 Tage Achtsamkeit. Impulse für eine etwas andere Fastenzeit. Herder, 2015)

Die Autorin Christa Spannbauer lebt in Berlin. In ihren Publikationen und Kursen zeigt sie die Alltagstauglichkeit der Weisheitswege aus Ost und West auf.


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