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Ausgabe Januar/Februar 2015
Konsequenzen im Blick? Von Nothart Rohlfs

Ziele gesetzt, Begeisterung entfacht und dabei die Konsequenzen bedacht? Der Organisationsentwickler und Coach Nothart Rohlfs kennt die Situation nur allzu gut: Ziele werden gefasst, ohne sich über die damit verbundenen Konsequenzen Klarheit zu verschaffe

Die meisten von uns kennen das: Wir setzen uns Ziele und entdecken erst unterwegs, was es heißt, diese umzusetzen. Irgendwann bemerken wir dann, was alles dazugehört, die betreffenden Ziele zu verwirklichen. Auf solche Weise scheitern wir unter Umständen an der Umsetzung oder bringen nur ein Drittel dessen zustande, was wir eigentlich wollten. Woran liegt das? Positiv gesetzte Ziele sind das eine. Dass sie jedoch einen Haufen Konsequenzen im Schlepptau haben, das entgeht uns, solange wir nur sie ins Auge fassen. Und dass sie neben den eigentlichen Konsequenzen auch mit vielem einhergehen, was berücksichtigt, abgewogen, miteinbezogen werden will und muss an parallelen Entwicklungen, Geschehnissen, an vielleicht wesentlichen Voraussetzungen für das Gelingen – das bleibt oft auf der Strecke. Um ein realistisches Verhältnis zu unseren Zielen zu gewinnen, ist es unabdingbar, die Frage nach dem „Umland“ zu stellen, in dem die Ziele verwirklicht werden sollen, sonst kann die Umsetzung von Zielen und Visionen schwieriger werden, als es uns lieb ist und als wir in der Lage sind zu bewältigen.

Das „Umland“ erfassen, in dem Ziele verwirklicht werden sollen
Welche Konsequenzen hat es, wenn wir dieses oder jenes Ziel erreichen wollen? Welcher Art sind die Konsequenzen? Bestimmte Konsequenzen stellen sich für unser eigenes Handeln: Dies und jenes werden wir tun müssen, um zum Ziel zu gelangen. Wollen wir uns den absehbaren Konsequenzen stellen? Sind wir darüber hinaus bereit, uns auch jenen Konsequenzen zu stellen, die gegenwärtig noch nicht absehbar sind? Wollen wir Zeit, Kraft und Ausdauer aufbringen, uns vielleicht mit ihnen herumzuschlagen, obwohl wir nicht einmal im Traum mit ihnen gerechnet haben? Und: Kann ich, können wir überhaupt in die Tat umsetzen, was sich an Konsequenzen für unser Tun aus den Zielen ergibt? Sind wir fähig und in der Lage, uns den Konsequenzen zu stellen, die unsere Ziele mit sich bringen, und uns erfolgversprechend mit ihnen zu beschäftigen? Zwei Perspektiven sind ins Auge zu fassen: Will ich das, akzeptiere ich, was sich aus den gesetzten Zielen für mein Handeln ergibt? Und: Kann ich das leisten, was sich als erforderlich erweist, wenn ich mein Ziel erreichen will? Derselbe Sachverhalt, etwas anders betrachtet: Es kommt häufig vor, dass Projekte geplant werden, ohne mögliche Auswirkungen genügend zu berücksichtigen. Die Folgen sind, dass der anberaumte Zeitplan nicht eingehalten werden kann (ein klassisches Beispiel ist die Planung des Berliner Großflughafens Schönefeld), dass Arbeitsaufwand und Kosten steigen und dass Widerstände gegen das Vorhaben bei uns selbst oder anderen auftreten, die sonst kaum aufgetreten wären. Es empfiehlt sich also, die möglichen Begleiterscheinungen und Konsequenzen angestrebter Ziele sorgfältig ins Auge zu fassen, bevor deren Umsetzung geplant wird. Sonst ergeben sich Situationen wie diejenige, vor die sich die griechische Regierung gestellt sah, nachdem sie im Juni dieses Jahres Hals über Kopf den Staatsrundfunk schließen ließ, um Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor einzusparen.

Konsequenzen einbeziehen – aber wie?
Was kann es konkret heißen, mögliche Konsequenzen der eigenen unternehmerischen, politischen oder bürgerschaftlichen Ziele in die Planung von Projekten und Vorhaben miteinzubeziehen? Zunächst muss das Ziel des Vorhabens klar und positiv formuliert vor Augen stehen. Negative Aussagen und Abgrenzungen genügen nicht als Zielformulierung! Dann können Art und Weise wahrscheinlicher Implikationen erwogen werden.
Um sich im Einzelnen darüber Klarheit zu verschaffen, können eine Reihe von Fragen hilfreich sein, die nach besten Möglichkeiten bedacht und beantwortet werden sollten.

Welche Faktoren müssen als Voraussetzung für die Umsetzung der Ziele oder des Vorhabens geklärt werden und hinlänglich bekannt sein?
Welcher Anteil der erforderlichen Aktivitäten wird von uns selbst, vom eigenen Unternehmen, der eigenen Organisation oder Initiative erbracht, welcher von anderen?
Sind Verlässlichkeit und Leistungsfähigkeit dieser „anderen“ – der Freunde, Kooperations- oder Geschäftspartner – bekannt bzw. realistisch einschätzbar?
Wo könnten zeitliche Verzögerungen bei der Umsetzung der Projektziele auftreten und wodurch? Welche räumlichen bzw. örtlichen Gegebenheiten könnten das Erreichen des Ziels behindern, erschweren oder zum Scheitern bringen?
Könnten Widerstände und Ablehnung die Zielerreichung beeinträchtigen bzw. gefährden, wenn ja welcher Art und von welcher Seite?
Welche Faktoren könnten Sinn und Zweck der gesetzten Ziele und damit die Verwirklichung des Vorhabens in Frage stellen?


Werden diese Punkte abgefragt und auf ihre Wahrscheinlichkeit sowie Tragweite hin untersucht, so entsteht damit zumeist eine gute Grundlage für eine verlässliche Planung, gesteckte Ziele zu erreichen. Denn nun können gezielt Maßnahmen erwogen, in die Planung miteinbezogen und terminiert werden, welche geeignet sind, möglichen erschwerenden Folgen den Wind aus den Segeln zu nehmen, vorbeugend auf sie zuzugehen oder sie konstruktiv miteinzubeziehen und ins Boot zu holen, sobald sie auftreten. Die Frage nach den Konsequenzen gefasster Ziele stellt sich jedoch noch auf eine andere Weise: Wir gehen, wenn wir uns ein Ziel gesetzt haben, in aller Regel zu Taten über, die wir für sinnvoll und notwendig halten, um das Ziel zu erreichen. Nach einiger Zeit erweist sich, ob wir auf dem eingeschlagenen Weg unseren Zielen näher kommen oder nicht.
Seltener stellen wir die Frage, ob die Vorgehensweise, die wir gewählt haben, und die konkreten Schritte, die wir vollzogen haben, die geeigneten und angemessenen waren. Haben wir wirklich das getan, was uns innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit angesichts der verfügbaren Mittel und Kräfte dem Ziel hätte näher bringen können? Fällt es uns möglicherweise schwer zu erkennen oder uns einzugestehen, dass die gewählten Mittel offensichtlich nicht geeignet waren, das vorgesehene Ziel zu erreichen? Zum einen erweist es sich als hilfreich, absehbare Auswirkungen und Begleiterscheinungen beim Verfolgen unserer Ziele umfassend zu berücksichtigen. Zum anderen ist es ratsam, sich sorgfältig klar zu machen, welche Konsequenzen (Handlungen, Maßnahmen) erforderlich sind, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Dies gilt besonders für Ziele, die uns neu sind und für die wir Mittel und Wege zu erfolgreicher Umsetzung noch nicht kennen. Damit beugen wir möglichen Enttäuschungen vor und erhöhen die Chance, dorthin zu gelangen, wohin unsere Ziele uns den Weg weisen wollen.

Der Autor Nothart Rohlfs, Jg. 55, Organisationsentwicklung (Mittelstand und Non Profit, Schwerpunkt: Selbstorganisation), Coach und Mediator sowie Autor und Seminarleitung (Dialog mit den verborgenen Playern, Konfliktbiografie, Vertrauensbildung) in Brandenburg und Berlin. 1975-81 Studium Geistes- und Sozialwissenschaften. 1989-95 Leben und Arbeit in Schweden.
www.nothartrohlfs.de


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