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Ausgabe Januar/Februar 2015
Lernen fängt im Körper an. Von Monika Feuerlein

Körper, Geist und Seele arbeiten zusammen, das gilt auch für den traditionell der Regie des Verstandes zugeschriebenen Bereich des Lernens. Einfache Körperübungen können helfen, die Freude und die Leichtigkeit beim Lernen wiederzugewinnen.

Wir können eigentlich gar nicht anders, als permanent zu lernen. Die gute Nachricht der Neurowissenschaften lautet, dass bei jeder Erfahrung, die wir machen, entsprechende Nervenbahnen in unserem Gehirn gestärkt, vernetzt oder neu angelegt werden. Das beginnt bereits im Mutterleib und gilt bis ins hohe Alter. Menschen sind nicht etwa irgendwann zu alt zum Lernen. Sie altern, wenn sie aufhören zu lernen.

Ein gestörtes Grundbedürfnis
Und doch ist allein das bloße Wort „Lernen“ für viele zu einem Reizwort geworden, belegt mit der Erinnerung an frustrierende Schultage, Kritik, Scham und langweilige Stunden, in denen wir von unserer Lebenslust - der eigentlichen Spielwiese positiven Lernens - abgeschnitten wurden. Der natürliche Funken der Entdeckerfreude, der Vierjährige noch selbstvergessen mit einem Fussel oder einer Rassel spielen lässt, scheint bei den heranwachsenden Teenies bereits wenige Schuljahre später all zu oft verschwunden.
Die Crux liegt darin, dass wir nicht nur mit dem Kopf, sondern mit unserem ganzen Körpereinsatz lernen. Eindrückliches Lernen begeistert und geht „unter die Haut“, schreibt der als Querdenker bekannte Neurowissenschaftler Gerald Hüther. Nur, wenn wir in Beziehung gehen und unsere Gefühle angesprochen werden, können wir nachhaltig lernen. Selbstwirksamkeit, das heißt, wenn wir eigene Lösungen für Probleme finden, schenkt Erfüllung. Stupides Auswendiglernen von Sachverhalten, die uns nicht wirklich „angehen“, grenzt dagegen an Dressur. Wenn wir zudem auch noch durch ein Bestrafungs- und Belohnungssystem dazu gebracht werden, uns fremde Inhalte zu lernen, koppeln wir dabei wohlmöglich in unserer Erinnerung die englische Sprache mit dem Gefühl, vor der Klasse bloßgestellt zu werden.

Denken braucht Bewegung
Doch auch das Körpergefühl und die Motorik hängen eng mit unserer Lernfähigkeit zusammen. Entwicklungspsychologen gehen beispielsweise davon aus, dass das ungestörte Ausleben der Bewegungsfunktionen in der Kleinkindphase eine grundlegende Bedeutung für die Entfaltung mentaler Fähigkeiten hat. Malen, Plantschen und Aufbäumeklettern - die konkrete Erfahrung des eigenen Körpers in der Dreidimensionalität - ist wichtig für die Ausbildung des abstrakten Denkens. Dies unterstreichen Studien, nach denen beispielsweise Schüler, die gut balancieren können, auch besonders „gut“ in Mathe sind.
Selbstverständlich ist das Wechselspiel zwischen Denken und Bewegung weitaus komplexer, als hier angedeutet wird. Durch meine Beschäftigung mit der sogenannten Edu-Kinestetik, einem auf das Lernen ausgerichteten Bereich der Kinesiologie, konnte ich einige Einblicke in diese faszinierende Regulation unseres Körper-Geist-Systems erlangen. Wussten Sie zum Beispiel, dass eine spontane Verkürzung der Wadenmuskulatur Auswirkungen auf den Selbstausdruck und die Fähigkeit zum Zuhören haben kann? Wenn wir unter Stress stehen, beispielsweise in Prüfungssituationen, zieht sich diese Muskulatur gerne als instinktiver Fluchtreflex zusammen - mit der Konsequenz, dass wir uns möglicherweise noch schlechter konzentrieren können. Die Nackenmuskulatur wiederum bringen Chiropraktiker mit der Konzentration und dem Gedächtnis in Zusammenhang.

Gymnastik fürs Gehirn
Aus solchen Beobachtungen entwickelten der amerikanische Sonderpädagoge Paul Dennison und seine Frau in den 90er Jahren ein inzwischen von vielen weiter verfeinertes System, das darauf abzielt, über bestimmte Körperreflexe ein optimales Zusammenarbeiten der Gehirnfunktionen zu erreichen. Den Kern bilden einfache Übungen, beispielsweise zur Stärkung der Auge-Hand-Koordination oder zur Regulierung des Fokus, die, wenn sie gezielt eingesetzt werden, das Lernen unmittelbar erleichtern sollen. Nach Beobachtung von Kinesiologen wie der Lehrerin und Buchautorin Christina Buchner kann, wenn keine physiologischen und neurologischen Behinderungen gegeben sind, eine Umkonditionierung des Körpers stattfinden. Das heißt, wir können lernen wie wir leichter lernen.
Selbstredend handelt es sich bei diesen Übungen (wie bei den meisten ganzheitlichen Ansätzen) um keine im wissenschaftlichen Sinne empirisch bewiesenen Methoden oder Diagnosen. Dies liegt auch daran, dass Ansätze, die explizit die Einzigartigkeit jedes Menschen berücksichtigen, nur unzureichend in standardisierten Abläufen und Statistiken abzubilden sind. Die schnelle Verbreitung der Edu-Kinestetik weltweit in Kindergärten, Schulen und Firmen spricht jedoch für sich. Erste Studien weisen unter anderem auf positive Auswirkungen bei Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche, Menschen mit Aufmerksamkeitsschwäche sowie auf die Reaktionsfähigkeit von Erwachsenen hin.

Was einfach ist, ist einfach gut!
In meinem eigenen Alltag nutze ich die Edu-Kinestetik, wenn ich mich „mal wieder durch den Wind fühle“, mein Gedächtnis streikt oder ich vor einem anstehenden Gespräch nervös bin. Die Anwendungsmöglichkeiten sind breit: Meine zehnjährige Tochter konnte nach einer entsprechenden Balance (so nennen Kinesiologen eine Sitzung) endlich bis zum Boden des Schwimmbads tauchen und erlangte das lang ersehnte Schwimmabzeichen.
Immer wieder ertappe ich mich dabei zu glauben, Methoden müssten kompliziert sein, um zu wirken. Auch das ist ein Glaubenssatz, der in unserer Gesellschaft tief verankert ist. Meine Erfahrungen der letzten Jahre belehren mich eines Besseren: Lernen darf auch leicht sein! Letztendlich kann es nur jede für sich selbst herausfinden. Methoden, die uns letztendlich unabhängig von externer Begleitung und Hilfsmitteln machen und unsere Freude und Leichtigkeit verstärken, sind die richtigen.


Übungen:

Liegende Acht
Malen Sie mit dem Daumen einer Hand in Lesedistanz vor Ihrem Gesichtsfeld eine liegende Acht. Beginnen Sie nach links oben und folgen Sie den Bewegungen ihres Daumens mit den Augen, ohne den Kopf zu drehen. Dann wiederholen Sie dies mit der anderen Hand.
Diese Übung kann unterstützend vor dem Lesen oder Schreiben ausgeführt werden und immer dann, wenn Gelerntes abgespeichert werden soll.

Die Eule
Massieren Sie mit der rechten Hand den linken Nacken-Schulter-Muskel. Gleichzeitig drehen Sie den Kopf langsam so weit, wie es der natürliche Bewegungsradius zulässt, zuerst über die linke Schulter, dann zurück über die Mitte auf die andere Seite. Seitenwechsel.
Diese Übung kann unterstützend vor Bildschirmarbeit oder wenn das Hörverständnis gefragt ist, ausgeführt werden.

Die Autorin Monika Feuerlein ist Begründerin der Praxis „Lebensrad“. Sie gibt kinesiologische und schamanische Einzelsitzungen für Erwachsene und Kinder in Berlin-Prenzlauer Berg sowie schamanische Fernbehandlungen. www.lebensrad.net


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