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Ausgabe Januar/Februar 2015
Was ist Kreativität? Wie wir unser Leben in „Flow“ bringen. Von Christian Salvesen

Zwischen dem Schöpfergott oder einem Genie und der brauchbaren Lösung eines alltäglichen Problems scheinen Welten zu liegen - und doch gibt es da einen fließenden Übergang namens Kreativität. Christian Salvesen wagt sich an ein vielschichtiges Phänomen.

Was verbinde ich mit Kreativität? Ist das eine nur begabten Künstlern oder gar Genies vorbehaltene Eigenschaft oder ist jeder auf seine Weise kreativ – also etwa erfinderisch bei der Lösung von alltäglichen Problemen? Geht es eher um Improvisation und Spontanität oder vielmehr um die gezielte Umsetzung von Vorstellungen und Wünschen? Sind wir womöglich alle Magier und Schöpfer unserer Welt? Wir wollen hier diesen Fragen einmal nachgehen und die wichtigsten Vorschläge dazu wahrnehmen und überprüfen – Ansätze und Erfahrungen von Psychologen, Neurologen, Philosophen, Musikern, Künstlern, Unternehmern und auch spirituellen Lehrern und Bestsellerautoren.

Von Göttern und Genies
Der Begriff der Kreativität kommt vom lateinischen creare = etwas erfinden, herstellen, aber auch von crescere = wachsen. Er enthält also schon aufgrund seiner Wortherkunft eine aktive und eine eher passive Komponente. In vielen Schöpfungsmythen wird die ganze Welt so kreiert wie ein Kind geboren wird. Laut Bibel begann dagegen alles mit dem göttlichen Wort, in der griechischen Ausgabe übersetzt mit Logos. Für die Griechen ist die Schöpfung ein geistiger Akt, wobei aus dem Chaos der Kosmos, die Ordnung entsteht. Gemäß dem jüdischen Schöpfungsmythos erschuf Gott den ersten Menschen aus einem Klumpen Lehm – so wie eben seinerzeit, als dieser Mythos entstand, Krüge und kleine Statuen aus Lehm gemacht wurden. Sogar der große Denker Aristoteles erklärte sich die Dinge („Substanzen“) in der Techno-Logik eines Handwerkes oder Bildhauers: Eine Portion Material wie Stein, Holz oder Lehm erhält eine Form, die es für uns funktionstüchtig und zählbar macht.
Wer etwas erschafft, kann es im Prinzip auch wieder zerstören. Entsprechend sind Götter wie Chronos/Saturn oder Shiva Schöpfer, Erhalter und Zerstörer in Personalunion. Im Laufe der Jahrhunderte wurden Künstler, Musiker und Poeten immer wieder mit Göttern verglichen. Nach einer längeren Phase, wo Künstler in erster Linie Fürsten und Bischöfen dienten, kam um 1800 in Europa ein neues Ideal auf: Das freie, nur seiner Begabung verpflichtete Genie – mit all seinen seelischen Höhen und Tiefen. Als Genies gelten bis heute Komponisten wie Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann und Wagner, Dichter wie Schiller, Goethe, Hölderlin und Maler wie Caspar David Friedrich, Vincent van Gogh und Pablo Picasso. Kommen mehrere Begabungen zusammen, spricht man auch von Universalgenies. Bekanntestes Beispiel ist wohl Leonardo da Vinci.
Zum romantischen Bild des Kreativen gehört eine Reihe von Ideen: Das Genie zeigt sich oft früh, siehe musikalische Wunderkinder wie Wolfgang Amadeus Mozart, Yehudi Menuhin u.a. In diesem Zusammenhang gilt Kreativität als eine außerordentliche Begabung, die nicht erlernt werden kann. Sie überkommt den Künstler und treibt ihn zu höchster Verausgabung, was einen frühen Tod bedeuten kann – siehe Mozart, Schubert oder Georg Büchner. Genie und Wahnsinn liegen dicht zusammen, was Schumann, Hölderlin, Nietzsche und van Gogh belegen und in der romantischen Literatur ein beliebtes Thema ist. Das Genie gleicht dem tragischen Held der Antike. Es kämpft gegen die gesellschaftlichen Zwänge und das Schicksal, getrieben von der Kreativität wie von einem Dämon und bringt etwas Unvergleichliches, Wundervolles in unsere gewöhnliche Welt.

Jeder Mensch ist kreativ!
Spätestens nachdem sich Machthaber wie Hitler als Genies hatten verehren lassen, war es mit dem Geniekult vorbei. Einen Wendepunkt in der psychologischen Erforschung der Kreativität stellte ein Vortrag von Joy Paul Guilford (1897-1987) dar. Der bereits als Intelligenzforscher anerkannte Psychologe sprach am 5. September 1950 vor der Jahrestagung der American Psychological Association darüber, dass das Thema Kreativität wissenschaftlich bisher so gut wie gar nicht behandelt worden sei und behauptete schließlich: „Jeder Mensch ist kreativ!“
Kreativität lässt sich nicht willentlich oder gar durch Opfergaben „abrufen“. Sie scheint sich tatsächlich dann am ehesten einzustellen, wenn der Geist entspannt ist und die Phantasie frei umherschweifen kann. Morris Kline, Mathematiker
Für Guilford hat Kreativität mit einer bestimmten Art des Denkens und der Problemlösung zu tun und ist nicht gebunden an Künstlertum und Hochbegabung. Damit eröffnen sich neue Fragestellungen, die zum Beispiel die Wirtschaft interessieren: Wie kommen innovative Produkte und Herstellungsweisen zustande? Was macht einen kreativen Unternehmer aus? Guilford und nach ihm viele andere Psychologen haben einerseits die Eigenschaften zu bestimmen versucht, die eine kreative Persönlichkeit ausmachen, andererseits aber auch die unterschiedlichen Phasen eines kreativen Prozesses am Beispiel einer Problemlösung und weitere Faktoren im gesellschaftlichen und historischen Bereich. Kreativität erweist sich dabei - kaum verwunderlich - als ein überaus komplexes und schwer greifbares Phänomen. Beim kreativen Problemlösen kommt es laut Guilford zunächst einmal darauf an, dass man überhaupt etwas als ein Problem erkennt („Problemsensitivität“). Dann geht es darum, relativ schnell und im Denken beweglich („Flexibilität“) Lösungsvorschläge einzubringen, die neu sind („Originalität“), und es sollten mehrere Möglichkeiten angeboten werden („Ideenflüssigkeit“).

Kreativität braucht auch Stabilität
Bis heute gibt es keine allgemeingültige Definition der Kreativität und keine eindeutigen Messdaten. Doch immer stärker ist sie am Arbeitsplatz erwünscht und wird auch in Einstellungsgesprächen getestet. Die Liste der Eigenschaften, die eine kreative Persönlichkeit ausmachen, reicht von Ausdauer und Authentizität über Engagement, Neugier, Nonkonformismus, Originalität, Risikobereitschaft, Selbstachtung und Spontaneität bis hin zu Unvoreingenommenheit und Widerstandskraft. Obendrein sind erwünscht: Problembewusstsein, selbständiges Urteilen, Freundlichkeit, andere motivieren können – also alles in allem: Mehr als jedes Genie leisten kann. Das und vieles mehr haben die Psychologen in den vergangenen Jahrzehnten zusammengetragen. Dazu noch etliche subtile Erkenntnisse, wie ein kreativer Prozess angestoßen wird, an welcher Stelle der – nicht messbare – Geistesblitz oder das Aha-Erlebnis wichtig ist – wo Informationen von außen nötig sind, wann und wie das Team ins Spiel kommt usw.
Außerdem finden Neurologen immer neue Zusammenhänge heraus, wie das Gehirn Kreativität zustande bringt bzw. selbst kreativ ist. In einem Interview fasst Rainer Holm-Hadulla, Professor für Psychotherapeutische Medizin an der Universität Heidelberg, einige Ergebnisse zusammen:
Nietzsche sagte mal: »Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.« Entscheidend ist das Wort »noch«. Man darf nicht nur Chaos haben, man braucht auch viel Struktur, Klarheit und Gewohnheit, um sich auf das Chaos einlassen und es ertragen zu können. Seit der Antike kennen wir die Vorstellung, dass außergewöhnlich kreative Menschen besonders labil sind. In dieser Labilität empfangen sie den Kuss der Musen und öffnen sich der Inspiration. Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Aus zahlreichen Studien wissen wir, dass viele Künstler und Wissenschaftler besonders stabil, zielgerichtet und diszipliniert arbeiten und deswegen die Labilisierung im kreativen Prozess besser ertragen können.“ (Quelle: ZEIT online)

Flow – oder die Kunst, im Moment zu sein
Jeder kennt wohl Momente, wo alles zu gelingen scheint. Ein Strom von inspirierenden Gedanken und guten Gefühlen – ich bin im Fluss, im „Flow“. Das kann ohne besonderen Grund geschehen, einfach so, eher aber, wenn ich in einer Beschäftigung vollkommen aufgehe. Der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi (geb. 1934) entwickelte seine Flow-Theorie zunächst im Zusammenhang mit Extremsport, stellte aber bald durch Interviews fest, dass weder die zu starke Herausforderung noch eine Unterforderung für den „Flow“ förderlich sind. Kinder sind oft in diesem Zustand, denn sie gehen beim Malen, Basteln und Spielen ganz in ihrer Beschäftigung auf. Wenn wir etwas tun, ohne etwas Bestimmtes erreichen zu wollen, einfach aus Freude am Tun, dann sind wir kreativ und glücklich. Das kann jedes Kind. Und ich auch.
Alex Wilson, der erfolgreich seine Karateschule führte, erlitt plötzlich einen Hirnschlag und musste sich völlig neu orientieren. Im Gespräch sagte er mir: „Früher war mein Leben sehr viel rigider, ich hatte klare Vorstellungen, wie die Dinge zu laufen haben. Heute gibt es das nicht und dadurch kann alles so entstehen, wie es seinem natürlichen Impuls entspricht.“ (Interview in Visionen Juli/2011). Nun hat er ein Buch über das Leben im Flow mit dem Titel „Die Weisheit des Wellenreiters“ veröffentlicht. Ich möchte daraus einen Abschnitt zitieren:
„Je stiller der Verstand wird, je weniger Ich-Bewusstsein vorhanden ist, desto klarer kannst du dich als Wellenreiter in deinem individuellen Flow positionieren und in Harmonie mit ihm sein. Leben im Flow ist aber auch immer mit dem Wissen verbunden, dass es nie ein „mein Leben im Flow“ geben kann, weil paradoxerweise gerade dieses besitzergreifende Ich ab einem gewissen Punkt das eigentliche Hindernis für das Leben im Flow darstellt.
Der Wellenreiter wendet an, statt zu verstehen. Er ist ein Pragmatiker, der wie ein Kind lieber gleich surft, als über das Surfen zu philosophieren oder am Ende gar zu diskutieren.
Der Wellenreiter spürt durch eigene Überprüfung seiner praktischen Erfahrungen, dass er immer dann am besten surft, wenn er den Willen der Natur als seinen eigenen akzeptiert und sich seine Bemühungen folglich darauf reduzieren, dem Ausdruck dieses übergeordneten Willens nicht im Wege zu stehen.“

Improvisation
In der musikalischen Improvisation kann es bei Profis und auch bei völligen Laien zu einem berauschenden und kaum zu beschreibenden Gefühl der Leichtigkeit und Einheit mit dem Leben, dem Ganzen kommen. Da mag kurz der Gedanke aufkommen: „Nanu, das läuft ja alles wie von selbst, jeder Ton, jeder Impuls passt, ist genau richtig.“ Der Improvisierende empfindet sich selbst als Instrument in einer göttlichen Sinfonie. Er erlebt das nicht als eine Degradierung oder Beschränkung, sondern im Gegenteil als eine wunderbare Befreiung.
Die weiterführende Frage lautet: Kann das auch im alltäglichen Handeln erlebt und umgesetzt werden?
Kann ich das Leben mehr und mehr so erleben wie in einer fließenden musikalischen Improvisation?
Das müsste doch möglich sein! Es ist möglich. Stephen Nachmanovitch, Musiker, bildender Künstler und gefragter Redner an Universitäten, leitet dazu in seinen Workshops weltweit an, wie auch in seinem Buch „Free Play“ (vormals „Tao der Kreativität“). Er schreibt:
„Als ich mich das erste Mal beim Improvisieren ertappte, spürte ich mit Begeisterung, dass ich da an einer großen Sache dran war, einer Art spiritueller Verbundenheit, die über das Gebiet des Musizierens weit hinausgeht. Gleichzeitig erweiterte Improvisation das Gebiet und die Bedeutung des Musizierens, bis die Grenzen zwischen Kunst und Leben verschwammen. Ich erkannte, dass Freiheit sowohl erfrischend als auch anspruchsvoll ist. Immer wenn ich den Moment der Improvisation betrachtete, entdeckte ich Strukturen, die auf alle möglichen anderen Arten von Kreativität verwiesen. Ich entdeckte Anhaltspunkte, wie man das Leben so leben könnte, dass es selbstschaffend, selbstorganisierend und authentisch ist. So kam ich zu dem Punkt, Improvisation als den Hauptschlüssel für Kreativität zu betrachten.“

Und das Gesetz der Resonanz?
Die Idee, dass wir mit positiven Gedanken unser Leben zum Guten wenden sollten, ist bekanntlich ein Dauerseller und hat viele überzeugte Vertreter. Ich selbst zähle nicht dazu.
Mein Leben ist bisher ganz wunderbar verlaufen, auch ohne irgendeine besondere Ausrichtung von Wünschen und Vorstellungen auf Erfolg, Gesundheit, Liebe usw. Ich bestreite nicht die Möglichkeit, dass unsere Gedanken und Wünsche – speziell die Gebete – eine Wirkung haben. Das ist ja wohl auch durch etliche Versuche bereits nachgewiesen.
Doch ich finde, der Begriff der Kreativität passt hier nicht so recht – so wie ich auch eine Mutter von acht Kindern im Unterschied zu einer kinderlosen Frau nicht als besonders kreativ bezeichnen würde. Sicher, im weitesten Sinne ist das Leben als solches super kreativ, aber wenn sich Kreativität auf alles beziehen kann, verliert der Begriff seine Funktion.
Das Gesetz der Resonanz oder Anziehung ist ein Phänomen für sich. Es wirkt unabhängig von all dem, was allgemein unter Kreativität verstanden wird und womit sich die Psychologen und Künstler auseinandersetzen. Auch wenn jeder Mensch kreativ ist, wie Guilford behauptete, braucht es doch dazu einige besondere Qualitäten und eine Art eigene Leistung, und sei es auch nur Anstrengung. Wie Thomas Alva Edison, der Erfinder der Glühbirne meinte: „Kreativität ist zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration.“

Der Autor Christian Salvesen, geboren 1951 in Celle, Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet seit 1982 als freier Journalist und seit 2006 als Redakteur bei Visionen. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Sein bewegtes Leben, seine Indienreisen und seine Begegnungen mit spirituellen Lehrern aus Ost und West spiegeln sich in seinen Büchern. Homepage: www.Christian-Salvesen.de

Buchtipps
Mr. Wilson: Die Weisheit des Wellenreiters: In drei Stufen zum Surfen der Lebenswellen. 220 S., TB, tao.de GmbH, € 19.99
Stephen Nachmanovitch: Free Play: Kreativität geschehen lassen. 271 S., O. W. Barth, € 19.99
Christine Bolam: Kreativität – Die Kunst, im Fluss zu sein. J. Kamphausen, € 12.80
Christian Salvesen: Der Siebte »Tibeter«®: Die eigene Stimme entwickeln und erfolgreich einsetzen. Scherz, € 14.90


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