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Ausgabe Januar/Februar 2015
Begeisterung als Mut zur Tiefe. Von Wolf Schneider

„Spirituality light“ genügt nicht. Wir brauchen Geist, Mut und das BGE

Heute musst du achtsam, nachhaltig und inspiriert sein, wenn du dazugehören willst. Erst recht in einer Stadt wie Berlin, die eine der coolsten Städte der Welt sein will – und es vielleicht immer noch ist. Heute ist Nachhaltigkeit das Modewort der Greenwasher, der Vermarkter der auf grün geschminkten neoliberalen Betriebe. Achtsamkeit ist ein Muss für die Schickeria der Spiri-Szene – wir sollten heute nicht mehr nur achtsam unseren Darm entleeren (dagegen gibt’s ja nichts zu sagen) und achtsam über die Schwächen anderer Menschen herziehen (dagegen schon eher), sondern entwickeln auch noch achtsam überflüssige Produkte, die unsere Müllberge erhöhen, nur weil es dafür Nachfrage gibt, was wir Hochsensiblen, Feinfühligen natürlich früh bemerken.

Achtsam, nachhaltig und inspiriert
Doch, der Kern der Achtsamkeit ist ein guter: wachsam und bewusst sein, hier und jetzt. Ebenso wie die Nachhaltigkeit, die ja von der wirtschaftlichen Kurzsichtigkeit wegführen soll zum vorausschauenden Handeln bis auf mindestens sieben Generationen. Nun ist als Drittes die Inspiration zum Pflichtbestandteil der mentalen Ausstattung des Zeitgenossen geworden: Inspiriertsein als Synonym für die spirituality light von heute. Fundamentalismus ist pfui, aber ein bisschen spirituell wollen wir schon sein. Das gehört zum veganen Essen, der Mülltrennung, dem Über-alles-lachen-Können und Immer-schön-mitgehen mit den Trends doch dazu.

Ich bin begeistert!
So ist auch die heute angesagte Begeisterung zu verstehen: Wer inspiriert ist, hat Spirit alias Geist und ist folglich begeistert. Egal von was. Nur nicht apathisch sein, nur nicht ohne Leidenschaft. Wir brennen für etwas! Für das neue Handy oder Ayurvedarezept, für unsere Fußballmannschaft oder die Firma, bei der wir gerade arbeiten. Für meine neue Flamme, die ich gestern aufgerissen habe und den neuen Kinofilm, die gerade stattfindende Jahreszeit oder das Land, in dem wir leben: Deutschland – heute das beliebteste Land der Welt! Ich bin begeistert.

Wähle – egal was
Was mich an alledem nervt, ist die Beliebigkeit des Objektes der Begeisterung, die der gelangweilte Zeitgeist von mir verlangt. Die vielen Möglichkeiten, die wir heute haben, erschlagen uns. Wir können heutzutage ja nicht nur zwischen tausenden von Produkten im Supermarkt wählen, sondern auch Standort, Lebensgefährten, Karrierewege, spirituelle Wege und religiöse Beheimatungen auswählen unter unzähligen Möglichkeiten. Irgendwas unter all dem vielen müssen wählen, irgendwelche Menschen (oder einen unter ihnen) als Gefährten, irgendeinen Ort als Standort, irgendeine Tätigkeit als Profession, möge sie uns Lebensunterhalt und soziale Bedeutung geben. Mach endlich irgendwas zu deinem Ding, und dann bitte sei davon begeistert! Sonst wirst du das Produkt, deine Entscheidung und deine Kompetenz nicht verkaufen können, dein soziales Profil hat keinen Glanz, und du wirst im Prekariat landen.

Mut zur Tiefe
Das ist der Fluch der Freiheit. So viele Optionen zu haben kann einen völlig fertig machen. Freiheit ist aber auch ein Segen, oh ja, gelobt sei die Freiheit! Sie verschärft jedoch die Sinnfrage. Dein Engagement für das Gewählte muss tief sein, sonst kippst du aus den getroffenen Entscheidungen immer wieder raus, schwankst, bleibst oberflächlich und unzufrieden. Wir brauchen Mut, um nicht nur das zeitgeistig Angesagte zu wählen, sondern das, was uns wirklich von innen ruft, wohin auch immer der Hase des Zeitgeistes gerade läuft. Ist das dann spirituell? Egal – Spiritualität ist doch nur ein Modewort.

Was ist Geist?
Als Spiritualität noch nicht angesagt war, sprach man manchmal von geistvollen Menschen. Das waren tendenziell eher »gebildete« Menschen, aber da Bildung ja nur die gerade gesellschaftlich angesagte Art der Gehirnwäsche ist, hilft uns das hier nicht weiter. Das vor den beiden Weltkriegen im weltweiten Vergleich bestausgebildete Volk der Welt, das Volk der Dichter und Denker hat den Holocaust zu verantworten – wo waren in der Zeit denn alle die Gebildeten? Nein, das hilft uns wirklich nicht weiter. Geist muss etwas anderes sein als Bildung, wenn es denn etwas Gutes sein soll.

Geist ist kein Glaube
Geist kann nicht eine spezielle Art der Weltanschauung sein. Und ganz sicher ist Geist auch nicht der Glaube an etwas Geistiges, das dem Materiellen gegenüberstünde als Gegengewicht, Kontrapunkt oder gar überlegener Herrscher. Geist ist kein Glaube. Geist ist die Fähigkeit, den Standpunkt ändern zu können, ja, das ist es. Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann, sagten wir Spontis in den 70er Jahren hierzu. Geist ist die Fähigkeit, einen Metastandpunkt einnehmen zu können, das heißt, einen Ort beziehen zu können, von dem aus man den jetzigen Standpunkt betrachten kann. Und immer so weiter, meta, meta, meta – das ist die Freiheit vom Anhaften an nur eine Perspektive.

Spirituell obdachlos
Verdammt uns das nicht zur ewigen Unentschiedenheit, zur Heimatlosigkeit und geistigen Obdachlosigkeit? »Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit«, schreibt Rilke hierzu in einem seiner großartigsten Gedichte und deutet damit an, dass es in all der Freiheit, die das wilde Herz sich da nimmt, immer wieder nimmt und nehmen muss, nur einen Landeplatz gibt: die Unvergänglichkeit, das Ewige. Der Kern des Spirituellen, die Mystik.
Doch ist die Unvergänglichkeit keine Brücke, unter der wir Obdachlosen unsere Zelte aufschlagen können. Wir müssen uns entscheiden. Und dann müssen wir begeistert sein für diese Entscheidung, für jede von ihnen! Weil Freiheit kein Fluch ist, sondern nur eine sehr, sehr große Herausforderung an die Fähigkeit zur Tiefe.

Bedingungsloses Grundeinkommen
Und jetzt ganz praktisch: Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, darf unser Alltag nicht mit Kleinkram, Verwaltung und wirtschaftlichen Überlebensaufgaben zugemüllt sein. Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wäre dafür die angemessene politische Struktur. Fast egal wie niedrig es ist, zum Überleben genügt wenig, unzählige Überlebenskünstler haben das bewiesen. Und es muss weltweit eingeführt werden, auch, um diese schrecklichen Migrationsströme überflüssig zu machen: Damit das Prekariat in Mittelamerika nicht mehr versuchen muss, unter Lebensgefahr über den Rio Grande in die USA zu gelangen und die Menschen aus der Sahelzone sich nicht mehr von Schleppern auf Geisterboote ins Mittelmeer locken lassen.

NGOs statt Nationen
Auch Menschen wie wir, in den reichen Ländern, würden dann nicht mehr unsere Arbeitskraft verkaufen und uns wirtschaftlich prostituieren müssen, sondern könnten uns Aufgaben widmen, die uns wirklich begeistern! Und die aus unserer Welt eine Welt machen, in der es sich zu leben lohnt. Ein begeistertes Leben ist unter den heutigen politisch-wirtschaftlichen Umständen für 90 % der Weltbevölkerung fast unmöglich, deshalb müssen auch die von Begriffen wie Geist, Geistigkeit und Spirit Inspirierten nach politischen Lösungen suchen. Und dies nicht mehr nur innerhalb einer Nation, sondern weltweit. In einer globalisierten Welt dürfen Parteien wie Podemos oder Initiativen wie die für das BGE nicht auf nationale Räume beschränkt bleiben, sonst sind sie zum Scheitern verdammt. Deshalb begeistern mich NGOs wie Amnesty oder der Target e.V., Greenpeace und die Grünhelme mehr als jede nationale Regierung.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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