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Ausgabe November/Dezember 2014
Wege in die Stille. von Christian Salvesen

Seit jeher gelten Stille und Ruhe als Voraussetzung für eine gelungene Meditation, eine besondere geistige oder kreative Leistung und für das Gesunden. Stille ist vielleicht sogar die Quelle allen Seins. Christian Salvesen folgt ihrer Spur.

Je näher wir dem Winter kommen, desto stiller wird es in der Natur. Kaum ein Vogel ruft, der erste Schnee packt alle Laute wie in Watte ein. In der Stadt läuft das Leben geschäftig weiter, es geht auf Weihnachten zu, was für viele vor allem Geschäft und Einkauf bedeutet. Doch wenn ein Leben sich dem Ende neigt, wird es ganz von selbst still. Der Tote ist außerordentlich still. Auch die Nacht ist für die meisten Menschen stiller als der Tag. Der Schlaf spendet die lebensnotwendige Ruhephase.
Es scheint, als würden wir heute ganz besonders unter Stress und Hektik leiden und bedürften der Ruhe mehr als Menschen zu früheren Zeiten. Doch die Sehnsucht nach Rückzug in die Stille, sei es in die Natur oder in ein Kloster, ist Jahrtausende alt. Schon damals, als Ochsenkarren durch die Dörfer rumpelten und sich die Menschen auf den Märkten und den Schlachtfeldern anbrüllten, war das Einigen zu laut, zu viel Ablenkung. Sie zogen sich in die Berge, Wälder und Wüsten als Einsiedler zurück.
Doch geht es bei dieser Art von Rückzug nur um Lärmschutz? Wohl kaum. Die beiden Seiten Stille und Schweigen einerseits und Lärm und Reden andererseits können für zwei gegensätzliche Lebensweisen oder Typen stehen: Der nach Innen gerichtete Asket, Yogi, Wahrheitssucher und der extrovertierte Erfolgsmensch und Partygänger. Diese beiden Extreme sind allerdings durchaus in einer Person vereinbar und lassen etliche Mischformen zu.

Die künstliche Stille
Alter stiller Teich. Fröschlein springt hinein. Platsch! - Haiku von Zenmeister Basho

Wer zurückgezogen oder abgeschottet von der Welt der Menschen lebt, mag weniger weltliche Sorgen haben. Ob das wirklich näher zu Gott oder zur Quelle des Seins führt, ist eine andere Frage. Zunächst einmal haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass sich im Gehirn manches ändert, wenn die Reize aus der Außenwelt reduziert werden. Eine solche sensorische Deprivation beantwortet unser Gehirn durch eine Art Ausgleich: Wenn von außen wenig kommt, setzen verstärkt innere Bilder ein.
Das geschieht zum Beispiel beim schamanischen gleichmäßigen Trommeln. Die Aufmerksamkeit verengt sich auf den monotonen Rhythmus und es entsteht eine Trance, eine Reise in die innere Welt, wo Krafttiere oder Geister erscheinen können. Die Deprivation ist wissenschaftlich bereits unter ganz verschiedenen Bedingungen erforscht worden, zum Beispiel in -schallisolierten weißen oder dunklen Räumen. Die Wirkung auf die Psyche kann auch sehr unangenehm sein und Angst oder Wahnzustände auslösen, vor allem natürlich, wenn man sich der Deprivation nicht freiwillig unterzieht. Sie kann etwa bei Entführungsopfern schwere Traumata nach sich ziehen und wurde und wird sogar als Foltermethode benutzt.
Stille in Verbindung mit Isolation ist für sich genommen weder spirituell noch gesund, schon gar nicht, wenn sie erzwungen ist. Doch wer sich freiwillig in den von Dr. John Lilly erfundenen Schall- und Lichtundurchlässigen Samadhitank legt und 90 Minuten im Salzwasser „schwebt“, erlebt womöglich eine Weite und Stille, wie sie sonst nur Meistern der Meditation in sehr tiefer Versenkung widerfahren.

Die Kunst der Stille
Wenn es nur einmal so ganz stille wäre. Wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte und das nachbarliche Lachen, wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, mich nicht so sehr verhinderte am Wachen... Rainer Maria Rilke aus dem Stundenbuch

Marcel Marceau charakterisierte einmal die Pantomime als die „Kunst der Stille“. Doch in allen Bereichen der Kunst spielt Stille eine wesentliche Rolle, sogar in der ohnehin lautlosen Welt der Gemälde. Darstellungen von unbewegten Dingen wie Blumensträußen oder Obstschalen heißen bekanntlich „Stillleben“. Manche Landschaftsbilder lassen den Betrachter innerlich still werden. Und dann dieses erschütternde Gemälde Der Schrei von Edvard Munch. Es entsteht der Eindruck einer erbarmungslosen Stille, durch die kein Hilferuf dringen kann.
Die großen Dichter verstanden es, in wenigen Zeilen eine Atmosphäre der Stille zu zaubern. So Goethe in Wanderers Nachtlied:
Über allen Gipfeln ist Ruh, In allen Wipfeln spürest du Kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest du auch.
In jeder Zeitkunst, sei es gesprochene Poesie, eine Rede, Theater oder aber Musik erscheint Stille entweder als Pause oder indirekt als Hintergrund und Quelle. Berühmt sind die Pausen in der 5. Sinfonie von Beet-hoven. Sie sind Teil des prägnanten Motivs der 4 bzw. 8 Töne am Anfang. Sie vertiefen die Wirkung dieses Motivs - auch als Klopfen des Schicksals gedeutet - enorm, und der Dirigent kann mit einer minimalen Verlängerung oder Verkürzung der Pausen die ganze Gestalt verändern. Eine Pause an der richtigen Stelle erhöht in jedem Fall die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Ein extremes Beispiel für die musikalische Verwendung von Pausen ist das Klavierstück 433 von John Cage. Es besteht nur aus Pausen, die insgesamt vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden dauern.
Seit gut 40 Jahren wird in Deutschland Musik zur Meditation angeboten: Bekannte Vertreter sind Deuter und Stefan Micus (Flöten u.a.), Klaus Wiese (Klangschalen), Michael Vetter und Christian Bollmann (Obertongesang). Allein wie der Musiker sein Instrument spielt, wie er den Ton einsetzt und verklingen lässt, kann den Hörer auf eben jene Stille hinweisen, aus der alles kommt und in die alles – wir selbst auch – verschwindet. Bestimmte Instrumente wie Klangschalen, Gongs oder Monochord sind besonders dazu geeignet, die Achtsamkeit auf immer feinere Schwingungen zu lenken.

Die heilende Kunst des Lauschens
Wahre Intelligenz arbeitet im Stillen. Es ist die Stille, in der Kreativität und Problemlösungen zu finden sind. - Eckhart Tolle

Wer krank ist, braucht Ruhe, um zu genesen. Musik kann in diesem Zusammenhang die Stille gleichsam in heilenden Portionen verabreichen. Aber entscheidend ist auch, wie sich der Therapeut, Arzt oder Heiler auf seinen Patienten einlässt. Er oder sie sollte so offen, wach und innerlich still wie möglich sein.
Die Musikpsychotherapeutin Sabine Rittner forscht, therapiert und lehrt seit Jahrzehnten an der Nahtstelle von Klang und Trance (www.sabinerittner.de). Hören bedeutet für Rittner: „Kontakt. Kontakt nach außen, Kontakt nach innen - hineinlauschend oder heraushörend -, in besonderen Augenblicken auch Kontakt zum Unhörbaren.“ Während einer Therapiestunde oder eines Seminars „vergesse“ sie alles andere um sich herum, sagt sie in einem Interview. „Ich tauche ein in die Tiefendimension des Augenblicks, die Begegnung, den momentanen Prozess, den ich als Gestalt höre, spüre, sehe. Häufig gehe ich in einen tranceartigen Zustand fokussierter Präsenz, einen Ort innerer Stille und Klarheit, an welchem Wissen, Erfahrung und Intuition miteinander verschmelzen.“
Ein ganz anderer Bereich, wo Stille und Heilkunst zusammenkommen, ist das Pulsfühlen, speziell in der TCM, der Tibetischen Medizin und im Ayurveda. Im Folgenden möchte ich meine Eindrücke von einer ayurvedischen Sitzung in Sri Lanka wiedergeben: Die Finger der Ärztin suchten kurz und sanft und drückten dann fest und bestimmt zu, an drei verschiedenen Punkten in der Pulsgegend meines linken Arms. Es war still. Nach einer Minute öffnete die Ärztin ihre dunklen Augen und sagte betont kühl und sachlich: „Ihr Blutdruck ist zu hoch. Sie nehmen Betablocker. Chronische Harnwegentzündung. Sie kommen schwer aus dem Bett!“
Die war ganz schön direkt. Aber sie hatte Recht. Dabei spürte sie nur einen Rhythmus mit den Fingerspitzen, fühlte den Puls, den Rhythmus, in dem das Herz das Blut durch die Adern pumpt. Ein Rhythmus des Lebens. Doch wie fein das Gespür dieser Ärztin war! Sie war so ganz bei der Sache, horchte wie auf Geisterstimmen und verschlüsselte Botschaften. Der Hintergrund – die Stille – das war es, woran sie sich eigentlich orientierte. Das ist es, was die Heilkunst des Ostens immer noch der westlichen voraus hat: Dieses Vermögen der Ärzte, sich innerlich auf die Stille hin auszurichten. Nicht nur nach einem angelernten intellektuellen Schema zu diagnostizieren, sondern erstmal zu spüren, zu horchen, auf das Innere, die feinen Schwingungen zu achten.

Stille und Spiritualität
Wo die Stille mit dem Gedanken Gottes ist, da ist nicht Unruhe noch Zerfahrenheit. - Franz von Assisi
In seinem Dokumentarfilm „Die große Stille“ stellt der deutsche Regisseur Philip Gröning das Leben im französischen Kartäuserkloster Grande Chartreuse dar. Er erhielt (als bisher einziger außen stehende) die Erlaubnis, sechs Monate bei den Mönchen zu leben und mit einer kleinen Handkamera zu filmen. Die Mönche sprechen nicht, sie befolgen ein striktes Schweigegelübde. Der mehrfach preisgekrönte Film führt auf über 160 Minuten Länge beeindruckend in dieses Leben in der Stille hinein. Es wird im gesamten Film so gut wie kein Wort gesprochen, man hört nur die Geräusche des Alltags und zu den gegebenen Anlässen die Gesänge der Mönche. „Philip Grönings nachdenklicher Film berührt die geheimnisvolle Welt des Glaubens und unser Bedürfnis nach Ruhe im Gegensatz zum modernen Leben.“ So begründete die Jury ihre Vergabe des Europäischen Filmpreises 2006.
Die klassischen Meditationen (Vipassana, ZaZen), Kontemplationen und spirituellen Übungen finden schweigend, in Stille statt. In vielen christlichen Orden bzw. Klöstern gibt es die Klausur, ein abgeschlossener Bereich, wohin sich die Mönche oder Nonnen für eine gewisse Zeit zurückziehen und in der Regel nicht sprechen. Bei den protestantischen Quäkern wird der Gottesdienst in Stille gefeiert – also ohne Liturgie, Gesang, Predigt usw. – da auf diese Weise die Gegenwart Gottes am ehesten erfahren werden könne. Auch in den heutigen, von unterschiedlichen religiösen Traditionen bestimmten spirituellen Angeboten finden sich die „Stille-Retreats“, wo die Teilnehmer einige Tage nicht miteinander sprechen sollen.
Ich habe früher öfter an solchen Retreats teilgenommen und kann es als eine zumindest inspirierende Erfahrung empfehlen, zum Beispiel bei den Mahlzeiten gemeinsam mit 20 oder mehr Menschen einfach mal zu schweigen. Andererseits kann diese „verordnete Stille“ auch zu einer unangenehmen, verkrampften Atmosphäre führen. Mit dem spirituellen Erwachen – der Realisation der Ichlosigkeit und Ungetrenntheit – hat diese Form der Enthaltsamkeit nach meiner Einschätzung allerdings nichts zu tun. Die wahre Stille umfasst alle Worte, Laute und Geräusche. Sie ist die unbegreifliche Quelle, aus der alles erscheint. Um mit Eckart Tolle zu sprechen: „Stille ist deine wahre Natur. Was ist Stille? Der innere Raum von Bewusstsein, in dem diese Worte wahrgenommen und zu Gedanken werden. Ohne dieses Bewusstsein würde es keine Wahrnehmung, keine Gedanken, keine Welt geben. Du bist dieses Bewusstsein.“

Stressbewältigung - eine Übung
Sitzen Sie fünf Minuten still und aufrecht, die rechte Hand liegt auf der Mitte der Brust.
Spüren Sie Ihren Herzschlag?
Versenken Sie sich in ihn hinein, lassen Sie ihm Raum, sich erweitern, sich ausdehnen, so weit, dass Sie darin aufgehen, zum Rhythmus Ihres Herzens werden. Anfangs werden Sie vielleicht wenig spüren, doch schon nach wenigen Tagen bemerken Sie eine neue Qualität von innerer Stille und Frieden.


Der Autor Christian Salvesen, geboren 1951 in Celle, Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet seit 1982 als freier Journalist und seit 2006 als Redakteur bei Visionen. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Sein bewegtes Leben, seine Indienreisen und seine Begegnungen mit spirituellen Lehrern aus Ost und West spiegeln sich in seinen Büchern. Weiter Infos auf www.christian-salvesen.de

Buch- und DVD-Tipps:
Eckart Tolle: Stille spricht. Das Sein berühren. Goldmann (2003)
Anselm Grün: Stille im Rhythmus des Lebens: Von der Kunst, allein zu sein. Gütersloher Verlagshaus (2013)
Joachim-Ernst Berendt: Kraft aus der Stille: Vom Wachsen des Bewusstseins. MensSana/Knaur (2010)
Philip Gröning: Die große Stille. DVD, 161 min., Warner, (2006) über amazon.de


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