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Ausgabe November/Dezember 2014
Wo die Angst ist, ist der Weg. aus dem Buch von Ruediger Dahlke

„Wo die Angst ist, ist der Weg“, sagte der Gestalttherapeut Rollo May. Angst ist Enge und inzwischen ein beherrschender Faktor des Unbehagens in der modernen Leistungsgesellschaft. Ein Auszug aus dem neuen Buch von Ruediger Dahlke „Angstfrei leben“ mit fr

Geburt und Todesangst
Bedrückende Enge ist die Grundsituation der Angst, und da wir alle unser Leben in dieser Welt der Gegensätze mit der Geburt und der damit verbundenen Enge beginnen, stellt Angst naturgemäß für uns ein großes und oft existenzielles Thema dar. Für das Ungeborene nimmt die anfangs scheinbar unbegrenzte Weite des Fruchtwasserreiches im Zuge der Schwangerschaft immer mehr ab. Die bergende Höhle des Mutterleibes, die ihm zu Beginn Empfindungen von Weite und Einheit ermöglicht, bekommt mit dem Näherrücken der Geburt etwas geradezu höllisch Enges. Wo zu Anfang freies Schweben in Grenzenlosigkeit die Grundlage späteren Urvertrauens legte, tritt der Gegenpol ein. In Vorbereitung auf die Geburt wandert der kindliche Kopf – von Senkwehen vorangetrieben – in das kleine (enge) Becken der Mutter hinab. Hier ist er wie in einen Schraubstock eingezwängt. Der Muttermund ist noch verschlossen, und das Ungeborene wird von Presswehen mit seinem Kopf gleichsam an die Wand gedrückt. Es ist die bedrängendste und am stärksten mit Angst belastete Phase der Geburt.
Der Druck wächst ins Dramatische, solange der Gebärmuttermund verschlossen ist und sich keine Perspektive öffnet. Wir erkennen hier in der Geburtsangst gleichzeitig die wichtigste Ausdrucksebene der Todesangst – in diesem Fall der Angst, in der Enge des Geburtskanals zu Tode gepresst und zerdrückt zu werden. Nach dem Muster des individuellen Geburtserlebens entwickelt sich generell der spätere Umgang mit Situationen von Enge, und eine schwierige, stockende Geburt nährt die verschiedenen Angstarten im Laufe des Lebens. Wenn es später im Leben wieder einmal eng wird, bekommen viele Menschen Angst, und natürlich besonders diejenigen, die schon zu Beginn die Enge im Geburtskanal nicht bewältigen konnten. Wir verstehen nun, dass ein nicht bewältigtes Geburtstrauma zu einer ständigen Quelle der Angst wird. Andere, konkretere Ängste werden daraus mit Angstenergie gespeist. Insofern ist die Bewältigung der eigenen Geburt – auch von Kaiserschnittkindern – von entscheidender Bedeutung für ein von neurotischen Ängsten freies Leben.
Empfehlenswert für die Auseinandersetzung mit Ängsten ist das nochmalige bewusste Durchleben der Geburtssituation, wie es bei der Schattentherapie oder auch bei Sitzungen mit dem verbundenen Atem möglich ist. Es wird zwar das Gefühl schrecklicher Enge erneut mit sich bringen, ist aber nicht annähernd so unerträglich wie in der Ursituation, da das Ausmaß körperlichen Miterlebens therapeutisch gut dosierbar ist. Das Wiedererleben der Geburt im therapeutischen Rahmen führt zum Akzeptieren der Wirklichkeit und löst so den darum entstandenen Angstknoten. Sobald die mit der Urangst verbundene blockierende Energie, die mit der Geburt versöhnt, in solch einer Therapiesitzung wieder frei wird, führt das sowohl zu großer Erleichterung als auch zu einem Zustrom von Lebensenergie; sie wird aus der Blockade gelöst und steht nun zur freien Verfügung. Wir reparieren auf diesem Weg sozusagen den Beginn des Lebens und damit unsere Vergangenheit.

Die Schule des Lebens
Leicht durchschaubar, wenn auch für viele schwer zu akzeptieren, ist die Tatsache, dass das Leben oder Schicksal – oder wie immer man diese übergeordnete Instanz nennen will – ein Interesse hat, jeden Menschen immer wieder genau mit den Problemen zu konfrontieren, die ihn am meisten tangieren und belasten. Insofern ist es viel klüger, dem Schicksal und seinem Einfallsreichtum therapeutisch nachzuhelfen, die Problematik bewusst deuten zu lernen und sie damit offensiv, mutig und grundsätzlich anzugehen.

Ruediger Dahlke ist Arzt, Psychotherapeut und Autor und steht wie kein anderer für ganzheitliche Medizin bzw. Psychosomatik. Siehe auch www.dahlke.at

Buchtipp:
Ruediger Dahlke: Angstfrei leben – Ein Selbstheilungsprogramm, arkana, München, 2013, 128 Seiten mit CD, 16,99 Euro


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