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Ausgabe November/Dezember 2014
Das Licht des Bewusstseins...und seine Schattenseiten. von Wolf Schneider


Wie gut ist es doch, bewusst zu sein! Unbewusst zu sein ist schlecht. Licht ist gut, im besten Falle sind wir sogar »Lichtarbeiter« ohne Schattenseiten, und was im Schatten liegt, diese Seelenanteile von uns, die sind natürlich gar nicht gut. Blinde Flecken zu haben, das heißt Seelenanteile, die uns nicht bewusst sind, ist dementsprechend sehr, sehr schlecht. Für Beziehungen aller Art ist es ein Desaster.
Im Dämmerlicht des Halbschlafs durchs Leben gehen, das tun nur sehr primitive Menschen, die weiter Entwickelten sind erwacht oder streben wenigstens danach aufzuwachen. Unter spirituell oder psychotherapeutisch bewegten Menschen gibt man am besten von Anfang an zu, »noch« sehr viele blinde Flecken zu haben, ausreichend Schattenarbeit zu praktizieren und damit »im Prozess« zu sein, sonst vermutet unsere soziale Umgebung, dass uns nicht mal bewusst ist, blinde Flecken zu haben, diese dunklen, unbewussten Stellen in uns selbst.
Denn das ist das Schlimmste: unbewusst zu sein, unerwacht und nicht zu wissen, dass das der Fall ist. Dann ist das Licht am Ende des Tunnels noch sehr, sehr weit weg von dir, und das von dort herannahende Licht ist vermutlich eher ein entgegenkommender Zug, der dich blind im Dunkeln Tappenden gleich überrollen wird.

Der glücklich Unbewusste
Ist das wirklich so? 99,9 Prozent dessen, was bei uns im Körper funktioniert, ist uns nicht bewusst: der Blutkreislauf, ebenso die Bewegungen in den Nervenbahnen, die das Wesen unseres Gehirn ausmachen. Nicht einmal die Einzelheiten unseres Verdauungsvorgangs sind uns bewusst. Das ganze vegetative Körpersystem funktioniert ohne Bewusstsein sogar besser. Wer sich einzelner Vorgänge darin bewusst wird, stört die eher als sie zu verbessern. Sogar beim Gehen und Radfahren stört Bewusstsein eher, wir tun das fast automatisch, wir können währenddessen über etwas anderes nachdenken. Es ist gut, dass das unbewusst geschieht.
Berühmt ist die Geschichte vom Tausendfüßler, dem ein Bewunderer erklärte, wie faszinierend schön und elegant er seine vielen Füße bewege, so als ginge eine Welle durch seine Beine – auf einmal konnte er daraufhin nicht mehr gehen, so sehr hemmte ihn das neu gewonnene Bewusstsein seines schönen Gehens.
Wo also ist Bewusstsein etwas Positives? Die so weit verbreitete Verherrlichung von Bewusstsein, Licht und Wachheit muss doch von irgendwo herkommen!

Der Verdrängende
Die Verherrlichung von Bewusstsein rührt zum Beispiel aus der Erfahrung, dass wir als Menschen manchmal nicht erreichen, was wir wollen, weil nur der bewusste Teil unseres psychosomatischen Organismus auf das ersehnte Ziel zusteuert, der unbewusste Teil aber in die entgegengesetzte Richtung strebt. Der bewusste Teil von dir liebt deinen Partner, der unbewusste hingegen hasst ihn, weil du früher einmal von einem dir eng verbundenen Menschen verletzt wurdest und nun misstrauisch bist oder sogar dich rächen willst. Aber das weißt du nicht, es ist dir nicht bewusst. Du denkst, du würdest lieben, während du in der Gesamtheit deines Verhaltens eher ein Ablehnender, Abweisender bist. Weil dein so schön hingetrimmtes Selbstbild diese unschöne Tatsache nicht zulässt, kannst du sie nicht erkennen. Du »willst nicht sehen«, was für andere in deiner Umgebung offensichtlich ist.

Das verflixte Ich
Wir müssen also unterscheiden, wo Bewusstsein gut ist und wo nicht. Ein generelles Bejubeln von Bewusstsein in allen Fällen, in denen es auftritt, ist kontraproduktiv. Ebenso ein generelles Beschimpfen oder Verachten von Unbewusstheit.
Generell wird ja vermutet, dass es einen Kern von Unbewusstheit oder Schatten gibt, der sozusagen die Mutter aller Unbewusstheitssünden ist: das Ego. Das ist die Stelle, von der aus wir in die Welt hinausschauen, die wir aber nicht sehen können. Denn den Ort, von dem aus man schaut, den kann man nicht sehen, das ist technisch unmöglich. Indem wir versuchen, diese Stelle anzuschauen, machen wir sie zum Objekt, und der Ort, von wo wir dann wieder schauen, wird wieder eine neue Stelle, eine neues Subjekt, das nicht gesehen wird, während es sieht. Und immer so weiter. Dieses Drama des Sich-selbst-Anschauens – bzw. des Sich-nicht-selbst-anschauen-Könnens – führt schon seit Jahrtausenden zu allerlei philosophischen Differenzen. Allerdings auch zu Einsichten, Paradoxien und Erleuchtungserlebnissen. Trotzdem wird man dabei die Tatsache nicht los, dass man die Stelle, von der aus man schaut, während man schaut, nicht sehen kann. So wenig wie eine Kamera sich selbst filmen kann.

Ruhendes Schauen
Das Einzige, was wir in dieser verflixten Lage tun können, ist, ein gewisses Maß an Achtsamkeit auf die Stelle zu lenken bzw. an dieser Stelle zu lassen, von der aus wir schauen, handeln, wahrnehmen, entscheiden oder urteilen, und dass wir dieses Bezeugen des eigenen Tuns, Denkens, Fühlens und Handelns nie völlig aussetzen. Das wäre dann Sati, die von Buddha empfohlene Achtsamkeit. Sie ist kein Fokussieren auf ein neues Objekt, sondern ein Gewahrwerden der ununterbrochen bestehenden Achse Subjekt-Objekt. Ein Ruhen im schauenden oder handelnden Subjekt, während dieses ein Objekt anschaut oder behandelt. Ohne Anstrengung. Denn jede Anstrengung hat die Tendenz, neue, dabei nicht wahrgenommene Felder – neue blinde Flecken – des sich anstrengenden Subjektes zu schaffen. Die Anstrengung, ein guter, allround bewusster Lichtarbeiter zu sein, hat in sich die Tendenz Schattenbereiche zu produzieren. So kann die Suche nach Licht Schatten werfen – und das ist doch genau das, was wir dabei nicht wollen.

Sich gehen lassen
Darf ich denn auch mal achtlos sein und mich gehen lassen? Mal hemmungslos unbewusst und fünf gerade sein lassen? Ich finde ja. Dionysos ist ja auch noch da, wir können nicht immer nur Apollo dienen. Wir wollen auch den Rausch, die Ekstase, das Wegtreten und Hin-übergehen in den anderen Raum, die Anderswelt. Wenn wir dabei auch für dieses Hinübergehen Verantwortung übernehmen und nicht sagen »Das bin ich nicht, nach mir die Sintflut«, dann finde ich das ethisch okay. Und es kann achtsam geschehen! Wir können bewusst hinübergehen in den Raum, in dem wir uns gehen lassen. Auf einer Goa-Trance-Party, im Sex, in der Verliebtheit oder beim Tanzen. Vielleicht fällt uns dann sogar auf, dass unsere angestrengte Achtsamkeit, die wir vorher praktiziert haben, eine kontrahierende, kontrollierende war, die uns ein bisschen verkrampft hat.
Die Verpflichtung, immer bewusst sein zu müssen, führt im Normalfall zu einer gewissen Kontrolliertheit, die zwar einiges erhellt, dabei aber neue Schatten wirft. Ein unachtsam geführtes Leben in ein achtsames zu verwandeln, das ist ohne Anstrengung kaum zu haben. Die dabei praktizierte Kontrolliertheit ist fast unvermeidlich, aber auf Dauer nicht gesund und auch nicht klug oder gar weise. Besser ist es völlig entspannt achtsam zu sein. Die Mitte finden zwischen Dionysos und Apollo. Dem hätte wohl auch Nietzsche zugestimmt.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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