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Ausgabe September/Oktober 2014
Glaube und Freiheit, Nina Hagen im Gespräch mit KGS Berlin

Nina Hagen gehört international zu den bekanntesten Sängerinnen Deutschlands. Anlässlich ihres Friedens-Gospel-Konzerts in der Gethsemanekirche in Berlin Anfang Oktober sprachen wir mit ihr über ihre Arbeit, ihr Programm und auch über ihre spirituelle Ide

KGS Berlin: Es ist deine Berufung, Musik zu machen - Lieder zu komponieren und vorzutragen
Nina Hagen: … ja, und auch vieles von anderen Menschen zu spielen. Ich greife ja auch in die große Schatzkiste anderer Musikrichtungen.

Du hast über 40 Jahre Musikerfahrungen - da wollen wir herzlich gratulieren - und hast vor fünf Jahren entschieden, dich evangelisch taufen zu lassen und dich mehr der afro-amerikanischen Gospeltradition zu widmen und eine Gospel-Platte zu machen mit dem Titel "Personal Jesus".
Mit der Gospeltradition habe ich mich schon mein ganzes Leben beschäftigt. Die erste Gospelplatte hatte ich im Schrank meiner Mutter in Ostberlin entdeckt.

Jetzt sag mal, was dich zu dieser Entscheidung bewogen, dich in so eine Tradition zu bewegen?
Wenn man meine Konzerte kennt, die ich auch in den 80iger Jahren gegeben habe und auch meine erste englische Platte "NunSexMonkRock" Anfang der 80iger, habe ich immer Gospellieder in meine Konzerte mit reingebracht. Ich sang immer schon über meinen Glauben an Gott, beispielsweise in einem Lied namens Lorelei, und wollte dem Publikum den Glauben an Gott näher bringen - auch lange vor meiner Taufe. Bei "Rock in Rio" bin ich mit einem großen Metallkreuz auf die Bühne gekommen, habe es immer hochgehalten und dabei "spirit in the sky" gesungen und über Jesus geschwärmt und habe "the lord prayer" - das Vater Unser - schon in den 80iger Jahren auf meiner Platte in einer heavy-metal rockigen Version gehabt mit russischem Säbeltanz-Motiv. Das war mein Vater-Unser: Den gab es auf deutsch und in englisch und immer auf den Konzerten. Genauso wie "spirit in the sky", was übersetzt "Gott im Himmel" bedeutet. Das gibt es auch in einer deutschen Version. Ich habe das Publikum mein Leben lang darauf vorbereitet, dass wir uns jetzt bald taufen lassen. Ich verkündete Gospels, da wusste noch keiner, dass ich Gospel verkünde - außer den Menschen im Publikum.
Meine Konzerte hatten schon immer von vornherein Gospel in sich getragen, weil es mein Hauptgrund ist, auf die Bühne zu gehen. Es ist meine Liebe zu Gott. Und ich habe viele Menschen bekehrt zu ihrer Liebe zu Gott. Noch heute kommen Menschen aus den 80igern und 90igern zu mir und sagen: "Nina, wegen dir habe ich zu Gott gefunden" und das freut mich natürlich riesig.

Nina, wenn du jemandem die große Liebe und Gnade Gottes erklären willst, der eigentlich keinen Begriff davon hat: Was sagst du dann?
Kommt auf die Situation an ,Ich habe eine psychatrieerfahrene Freundin in Dresden, die wie ich gegen Gewalt und Zwang in der Psychatrie ist und habe mit dieser Freundin mal ein Interview gemacht (www.disy-magazin.de/Nina-Hagen) und da erzählte ich ihr, dass Gott kein Erbsenzähler, sondern ein väterlicher und in seiner Liebe treuer im Grunde Mensch ist, auf den man sich verlassen kann - auf den lieben Gott nämlich. Wir sind vom Guten zusammengefügt worden. Ich nenne ihn "Gott". Die Atheisten sagen "das Gute". Das ist dasselbe. Hella von Sinnen sagt immer: Warum kannst du nicht "die Liebe" statt "Gott" sagen? Kann ich auch machen, Hella, wenn es dir besser dabei geht. Das sind doch nur menschliche Worte, die wir für etwas benutzen. Es steht geschrieben , dass wir hier auf Erden nur "Stückwerk" erkennen können,aber wenn wir das Sterbliche gesegnet haben werden, dann werden wir uns nicht mehr mit " Stückwerk" befassen und Wortklauberei, denn dann werden wir der lebendigen Liebe Gottes ins Gesicht sehen, von Angesicht zu Angesicht!

Nina, der wichtigste Aspekt deiner Arbeit ist doch, dass du deine Mitmenschen als Brüder und Schwestern siehst. Du singst auch in Gefängnissen, Du gehst zu Friedens-Demos und hältst Mahnwachen. Dir sind Solidarität und politisch-soziales Engagement ganz wichtige Elemente Deiner sozialen Identität.
Du findest es wichtig, für den Respekt zwischen den Menschen, die Würde und den Wert eines jeden einzelnen Menschen, zu streiten und dafür zu gehen. Du hältst Hilfe und Solidarität zu praktizieren für eins der wichtigsten Dinge im Leben eines Menschen.

Ja, und das habe ich auch schon von meinem Papa gelernt und auch von der Mama in der Kindheit. Ich bin ja 1955 auf die Welt gekommen und meine Eltern haben schon so viel erlebt, den Weltkrieg überlebt und mein Papa den Holocaust, den der Großvater leider nicht überlebte, er wurde im KZ Sachsenhausen ermordet. Ich bin quasi durch meine Eltern zur Solidarität mit meinen Mitmenschen erzogen worden. Mein Papa und auch die Mama haben mir schon als Kind vieles aus ihrem Leben anvertraut, auf ganz wunderbare Art und Weise.
Schon als Kind habe ich eine menschenpolitische Einstellung in mir getragen. Der heilige Geist lebt ja in jedem Menschen und das beschert ihm so schöne Erkenntnisse und Seelenzustände, dass man schon als Kind spürt, wenn man von einem heiligen Geist umarmt und geküsst wird. Auch wenn meine Eltern aufgrund des schrecklichen Krieges Atheisten waren, ich fühlte mich bei ihnen geborgen, sie waren mein Himmel auf Erden, und ich war richtig stolz auf sie. Ich saß zum Beispiel mit meinem Papa vor dem Fernseher und fing an zu heulen, weil gezeigt wurde, wie im Zirkus die Tiere trainiert wurden und es immer darum ging, im Kreis zu rennen, angetrieben von einer Peitsche. Das brachte die kleine Nina so auf die Barrikaden, dass sie beruhigt werden musste. Da kannst du sehen, dass diese wunderbaren Eltern, die so viel Traumatisches überlebt haben, das Kind unterstützen, sich politisch und religiös sehnsuchtsvoll nach der Wahrheit auszustrecken.

Das hat auch zu tun mit dem anderen Gedanken, den ich von dir gelesen habe, nämlich dass es für uns Menschen möglich ist, ewiges Lebens zu erlangen und du sprichst da auch vom jüngsten Gericht. Daraufhin habe ich mir überlegt, ob es nicht sein könnte, dass alle Menschen in uns eine Art inneres Gericht in sich ausbilden, das in jedem Moment auch schon entscheidet und reflektiert, ob wir auf dem richtigen Weg sind?
Aus unserer aus der Liebe demütigen geborenen Haltung Gott gegenüber, haben wir quasi unsere Radiostation so fein eingestellt, dass wir sehr wohl diese Art von Empfindungen in diesem Leben auf Erden jetzt schon haben. Deswegen können wir uns auch immer wieder darauf berufen, dass nicht uns die Rache gebührt, sondern dass wir alle Gottes Zeugen sein werden. Hier auf Erden kenne ich einen psychatrie-erfahrenen jungen Menschen, der so viel Traumatisches durchgemacht hat, dass er aus einer schimpfenden Haltung gar nicht mehr heraus kam. Der ist so von anderen Menschen gequält worden, dass er gar nicht mehr darüber hinweg kam. Wie soll ich ihm als Christin am besten helfen? Ich versuchte ihm klarzumachen, dass man sich durch die Position als Täter die Freude am Leben zunichte macht, wenn man sich zu viel mit dem Thema Rache rumplagt. Die Bestimmung von uns Menschen ist, in den Frieden Gottes zu finden. Ich wollte ihm vermitteln, dass Gott uns verheißen hat, einen Frieden zu finden - jetzt, in unserem Alltag. Die großartigen Vorbilder wie Martin Luther King und der Martin Luther, der uns vermittelte, noch heute einen Apfelbaum zu pflanzen und Samen zu säen - we shell over come - weitermachen, weiterleben, wir schaffen das schon. Am Ende unserer Lebenszeit werden wir sowieso nach Hause abgeholt und wir können uns ja schon hier visionäre Gedanken machen, wie das Zuhause aussieht - obwohl wir natürlich wissen, dass in unserer Bibel steht, dass sich das kein Mensch vorstellen oder erahnen kann, wie schön es im ewigen Zuhause sein wird. Aber trotzdem, wenn man sich die Schöpfung hier auf Erden anschaut, kommt man ja aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Da kann man sich ja vorstellen, dass es in der himmlischen Welt, in der ewigen Welt mindestens genauso schön ist. Wenn ich mir in der Provence diese blühenden Lavendelfelder angucke, dann weiß ich, dass es so etwas Schönes nicht nur auf Erden, sondern auch dort gibt, wo der ursprüngliche Lavendelgedanke überhaupt entstanden ist: im göttlichen Reich.

Ich bin bei dir immer hin und hergerissen: Wenn ich Gott höre, dann höre ich einerseits die gesamte Schöpfung, das Geschenk des Lebens, und ich höre auch eine väterliche Bezogenheit, also einen ganz persönlichen Draht.
Dass Jesus männlich ist, wissen wir ja seit der Geburtsurkunde. Es ist ja nicht die Jesus, sondern der Jesus gewesen und wird es auch immer so bleiben und Gott hat Männer und Frauen geschaffen. Und Jesus Christus hat gesagt "Ab jetzt seid ihr alle frei - egal ob Mann oder Frau oder Jude oder Nicht-Jude, ob Angestellter oder Chefetage - ihr seid alle eine Einheit in Gott." Es ist die großartigste Freiheitsannonce, die Jesus uns geben konnte: Uns zu erklären, dass wir - egal ob Mann oder Frau - vollkommen gleichwertig sind. Eine Einheit und das für alle Ewigkeit. In der Ewigkeit ist alles gut, so wie es ist.
Es ist gut so, dass ich ein weiblicher Mensch geworden bin. Ich werde wahrscheinlich auch im Himmel ein weiblicher Mensch sein. Trotzdem werden wir im Himmel auch Männlein und Weiblein sein, aber da wird es diesen großen Unterschied nicht mehr geben, sondern wir werden wirklich auf einer Stufe stehen und auf einer Augenhöhe sein.

Nina, du hast vorhin kurz dein Projekt mit den Patientenverfügungen erwähnt. Kannst du den Lesern kurz erzählen, worum es da geht.
Das ist eine lange Geschichte. Die Patientenverfügung gibt es seit 2009. Sie gilt für jede und jeden psychisch Behinderten (siehe Bürgerliches Gesetzbuch, BGB, §1901a), und jeden, der als Psychisch Behindert gerichtlich begutachtet wird . Denn es gibt zweierlei Rechts-Sprechung, die eine für Straftäter mit Schuldfähigkeit, welche bei Verurteilung dann in ein Gefängnis, eine Justizvollzugsanstalt kommen. Aber durch den § 63 StGB können Angeklagte Menschen vor Gericht auch als "nicht schuldfähig" oder "verm. schuldfähig begutachtet" werden und bei Verurteilung kommen sie dann in eine Zwangspsychatrie/Maßregelvollzugsanstalt. Ohne zeitliche Begrenzung. Und eine PatVerfü (www.patverfue.de) kann uns im Notfall vor eventuell angedrohtem Psychiatrischen Zwang schützen.
Ich weiß nicht, ob Sie diesen Satz kennen: "Nicht die Nazis haben die Ärzte gebraucht, sondern die Ärzte haben die Nazis gebraucht." (www.zwangspsychiatrie.de/2014/08). Ein jüdischer Psychologe hat einmal eine sehr interessante Zusammenstellung gemacht von der Entstehung der Zwangspsychatrie und der Schutzhaft und diesen Gestapomethoden, des Verhörens und des Verleugnenes, einen Mensch in die Ecke zu treiben, bis er unter Folter ein Geständnis macht - nichts anderes ist die Zwangspsychatrie, denn die sogenannten Ärzte, die demütigen einen Patienten so lange, bis sie eine sogenannte "Krankheitseinsicht" geben.
Bei meiner Freundin Ilona Haslbauer, die jetzt endlich - nach sieben langen Jahren Zwangspsychatrie wieder frei kam, die übrigens eine evangelische Schwester von uns ist, eine talentierte Lyrikerin und Oregami-Handwerkerin - die hat diese Krankheitseinsicht die ganzen Jahre verwehrt. Genau wie Gustl Mollath und andere viele Menschen wie Sabine Haubner, die vor 22 Jahren wegen einem Bagatelldelikt in ihrer Jugend mit der Psychatrie aneinandergeraten und seitdem da untergebracht ist. Sie war früher auch Sängerin, Schauspielerin und Straßenmusikantin und die hat erzählt, dass sie sich jahrelang, jahrzehntelang gegen diese Krankheit gewehrt hat, aber sie wurde solange entrechtet, gedemütigt, gequält und mit Fixierungen gefoltert, bis sie dem Drängen der "Ärzte" nicht mehr standhalten konnte. Unter www.irrenoffensive.de/foltersystem.htm und auf www.wikipedia.org/wiki/weiße_folter kann man erfahren, dass es sich hier um eine subtile Folter handelt, wo ein Mensch durch bestimmte Maßnahmen so gedemütigt wird, bis er sich einverstanden erklärt: "Ok, Herr Doktor, Sie haben Recht. Ich bin krank. Was soll ich tun?" Wenn der Arzt den Patienten als "krankheitseinsichtig" einstufen kann, dann ist es möglich, ihm die vorgeschriebene Medizin schlucken zu lassen. Bei Ilona hieß das: zwei Jahre Hofgangverbot - das muss man sich mal vorstellen. Es ist unvorstellbar! Aber unsere Schwester Ilona hat Gedichte geschrieben, gegen die Entmenschlichung und Entrechtung in der Zwangspsychiatrie. Was sind das nur für menschenrechtswidrige Zustände in unserem wiedervereinigten Deutschland, das eine gewaltlose Revolution hingekriegt hat, ohne dass ein Tropfen Blut verloren ging, ohne dass ein Schuss losgegangen ist - dass es noch immer diese " Sondergesetzgebung" durch § 63 StGB gibt , die es ermöglicht, dass es Zwang, Bevormundung und Folter in der Psychiatrie noch gibt. Viele Dinge, die in der Psychatrie heute noch alltäglich sind, gehören einfach abgeschafft!

Nina, wir freuen uns auf dein Friedens-Gospel-Konzert…
… das ist das, was ich am besten kann. Ich habe auch ganz viele Gospel-Lieder dazugelernt und mir sind viele neue Songs entgegengeflogen aus anderen Jahrzehnten und anderen Gospel-Sängern, so dass ich euch mit ein paar neuen Songs überraschen kann.

Wir haben viel geredet, aber wir sollten noch sagen, dass die Gethsemanekirche dringend Geld braucht…
… oh ja, es ist nicht nur ein Pilgerkonzert, sondern auch ein Aufruf, die Gethsemanekirche finanziell zu unterstützen. Lustig ist auch, dass die Stargarderstraße meine Kindheitsstraße war. Die ersten drei Jahre meines Lebens habe ich dort gewohnt.

Zum Schluss: Wir feiern 25 Jahre Mauerfall und es ist das größte historische Ereignis, was wir erleben durften. Darf ich fragen: muss für dich doch eine riesen Sache gewesen sein?
Ja. Ich habe auch Lieder geschrieben wie "Die Mauer muss weg" und "Berlin ist dufte", aber ich war genauso überrascht wie viele andere, wie friedlich das vonstatten ging. Ich war damals gerade in Frankfurt am Main zu einem Konzert und auf dem Rückweg im Bus hat der Busfahrer das Radio laut gestellt und wir haben alle weiteren Konzerte abgesagt und sind direkt nach Berlin durch gebrettert in derselben Nacht, weil die Welt auf einmal ganz anders war. Danach haben wir ein riesig großes Vereinigungskonzert in der Deutschlandhalle auf die Beine gestellt, "because the people have the power!"

So sei es! Wir danken dir für das Gespräch und wünschen dir alles, alles Gute.

Das Gespräch führte Thomas Simon-Weidner für die KGS Berlin.

Buchtipp: Nina Hagen, Bekenntnisse, Autobiographie, 296 S., Broschur, Pattloch Verlag 2010

Lorelei
Ich weiss nicht was soll es bedeuten
Aber irgendwas stimmt mit den Leuten nicht
Ich glaube dass wir in Sünde leben
Und Gott lässt bald die Erde beben
Scheisse hier scheisse da, es ist verschissen Jahr für Jahr
Und ich sage euch die Wahrheit
Endlich heute voller Klarheit
Neue Deutsche Welle
Ist neue deutsche Hölle!
Als Fisch bin ich doch sehr sensibel
Und manchmal heul' ich wie ein Zwiebel Ja!!!
Dann greif ich schnell zur meiner Bibel
Und suche Mut bei Furcht, Schutz bei Gefahr
Nebel hier, Nebel da es ist vernebelt Jahr für Jahr
Und ich sage euch die Wahrheit
Endlich heute voller Klarheit
Diese Generation ahnt die Wahrheit schon ....
(http://lyrics.wikia.com/Nina_Hagen:Lorelei)

Aktuelle Links zu Nina Hagen:
http://www.disy-magazin.de/Nina-Hagen (ein Interview mit Nina, auf das sie uns im Gespräch hinwies)
www.ninahagen.com http://ninahagen.beeplog.de
www.facebook.com/NinaHagen
de.betterplace.org/groups/nina-hagen
www.myspace.com/whymeohlord
de.wikipedia.org/wiki/Nina_Hagen


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