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Ausgabe September/Oktober 2014
Bewusst urteilen. Wie wir unsere Bewusstseins-Zustände besser verstehen und navigieren lernen – eine Einführung von Ralph Metzner


Egal, ob wir auf einer äußeren Reise sind oder ob wir einen bestimmten Bewusstseinszustand erkunden, wir bewegen uns durch Räume und Orte, innere wie äußere, geleitet von unseren Absichten und Fragen. Unsere Reisen, sowohl äußere als auch innere, sind unweigerlich von einer gewissen Dauer und finden in einem bestimmten Zeitabschnitt statt, sie „brauchen Zeit“, wie wir sagen. Die Einsteinsche Relativitätstheorie spricht von einem Raum-Zeit-Kontinuum oder von Zeit-Raum. Genauso ist es bei der Erkundung des inneren Raumes: Wir bewegen uns ständig entlang einer Zeitlinie oder eines Zeitstroms und folgen den vergangenen Entwicklungen in der Erinnerung oder den zukünftigen Möglichkeiten in der Vision. Wenn wir uns von den raumzeitlichen Dimensionen der gewöhnlichen Wachzustands-Realität lösen, treten wir in einen anderen Zustand oder Raum ein, der seine eigene charakteristische Zeitlinie oder seinen eigenen Zeitstrom enthält.
Die Zustandsveränderungen des Bewusstseins im alltäglichen Leben können aktiv oder passiv aufgenommen und erfahren werden. Wir können mit der bewussten Absicht schlafen gehen, uns auszuruhen und unsere Energien wieder herzustellen; wir können unfreiwillig „in den Schlaf sinken“, weil wir müde sind; oder wir können, im übertragenen wie im wörtlichen Sinne, durch einen langweiligen Redner in einem Vortragssaal „eingeschläfert werden“. Das gilt genauso für den umgekehrten Übergang: Wir können vom Wecker „geweckt werden“; einfach spontan „aufwachen“; oder uns, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn, gegen den Abwärtssog der Schläfrigkeit stemmen, um unser volles Bewusstsein und unsere Aufmerksamkeit zu steigern.
Der Buddhismus und andere spirituelle Traditionen, wie die von Gurdjieff, bezeichnen das, was wir als unseren normalen Wachzustand verstehen, als eine Art Schlafzustand, in dem wir uns unserer essenziellen Natur nicht bewusst sind. Diesen Lehren zufolge sollen uns yogische und meditative Praktiken dabei helfen, aus den schläfrigen, traumähnlichen Zuständen der gewöhnlichen, unbewussten Existenz zu erwachen - und uns über unsere höchsten spirituellen und kreativen Potenziale klar zu werden. Um expansive, positive Bewusstseinszustände konstruktiv für mehr Gesundheit, Kreativität und Wachstum zu nutzen, müssen wir fähig sein, den Zustand, in dem wir uns gerade befinden, jederzeit wahrzunehmen, und durch ihn hindurch zu navigieren. Schamanische und alchemistische Divinationspraktiken benutzen „Sonic Driving“-Methoden wie Trommeln oder Rasseln, um das nötige Wissen für Heilung, Problemlösung und Führung zu finden. Yogis und Meditierende praktizieren Aufmerksamkeits- und Konzentrationstechniken, um die feinstofflicheren Dimensionen des Bewusstseins zu erleben.
Bei eingeengten und ungesunden Zuständen, wie Angst und Wut, müssen wir den Zustand, in dem wir uns gerade befinden, identifizieren und erkennen, wie dieser uns (unser Denken, unsere Wahrnehmung, unser Verhalten) sowie andere, mit denen wir in Beziehung stehen, beeinflusst. Wir müssen lernen, durch die negativen Zustände hindurch in gesündere, lebensbejahende Zustände zu navigieren. Indem wir uns in jedem einzelnen Moment bewusst werden, in welchem Zustand wir uns gerade befinden, können wir unsere Aufmerksamkeit auf vielfältige Weise nutzen, unsere Entscheidungsmöglichkeiten erweitern und zunehmend die volle Verantwortung für die Auswirkungen dieser Entscheidungen auf andere und in unserer Welt übernehmen.

Automatisches Urteilen und bewusstes Urteilsvermögen
In unserer Alltagserfahrung sind unsere Gedanken, Bilder, Gefühle, Wahrnehmungen und Empfindungen Gegenstand unmittelbarer, meistens unbewusster reflexartiger Beurteilung. Empfindungen werden als angenehm oder unangenehm bewertet; visuelle oder auditive Wahrnehmungen oder Bilder als schön oder hässlich; unsere Gedanken als richtig oder falsch; unsere Gefühle als schlecht oder gut. Die überlagernde Schicht aus Urteilen, die über unseren Erfahrungen liegt, ist normalerweise dichotom („Take it or leave it“) , obgleich sich in einigen Situationen eine dritte, indifferente Möglichkeit ergeben kann.
Nach Paul MacLeans Theorie des Dreieinigen Gehirns werden die grundlegenden gefühlsmäßigen Beurteilungen von „Annäherung versus Vermeidung“ im limbischen System, vor allem in der Amygdala, getroffen und laufen zeitlich vor den höheren Hirnfunktionen ab. Von einem evolutionären Standpunkt aus betrachtet, macht es Sinn, dass die Einschätzung potenzieller Gefahren bevorzugten Zugang zu unserem sensorisch-motorischen System erhält. Wenn ich den Gehsteig verlasse, um die Straße zu überqueren, und ich sehe ein Objekt, das sich auf mich zubewegt, springe ich zurück, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen - ich nehme mir nicht die Zeit, um das näherkommende Ungeheuer oder Gefährt näher zu identifizieren.
Da die dichotome Beurteilung Wahrnehmung, Fühlen, Handeln oder Denken überlagert, ist es richtig, wenn wir sie als „Vor-Beurteilung“ oder „Vorurteil“ bezeichnen. Unsere Vorurteile in der Wahrnehmung beschränken und blockieren die differenzierte Wahrnehmung und vereinfachen auf simple Weise unsere ästhetischen und emotionalen Reaktionen. Der Satz „Ich verstehe nicht viel von Kunst, aber ich weiß, was mir gefällt“, verdeutlicht diese Haltung. Wenn Beschuldigungen und Vorwürfe sich in zwischenmenschliche Beziehungen einmischen, hört die Kommunikation auf. Bei einer meiner Ayahuasca-Erfahrungen teilten mir die kleinen grünen Elfen, die ich oft mit diesem Pflanzenlehrer sehe (irgendwie) mit: „Ihr Menschen seid wirklich seltsam, ihr seht alles schwarz-weiß, wo es doch in Wirklichkeit sieben Farben gibt.“
Die Vorurteile, die wir unseren Erfahrungen leichthin über stülpen, wirken sich einschränkend und behindernd auf unsere Wahrnehmung und unser Verständnis aus, doch das heißt nicht, dass die Fähigkeit der Beurteilung, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, ausgemerzt werden sollte (selbst wenn so etwas möglich wäre). Wenn die Wertungen, die wir treffen, begleitet sind von bewusstem Beobachten und Reflektieren und der Kontext mit einbezogen wird, praktizieren wir unser Urteilsvermögen, wozu ein erhöhtes Maß an differenzierender Bewusstheit und das Abwägen der Situation gehören. Die Buddhisten nennen diese Fähigkeit „unterscheidende Weisheit“ - und diese ist eine der sechs „paramitas“, der Vollkommenheiten oder idealen Qualitäten, die es auf dem spirituellen Weg zu entwickeln gilt.

Aus: Ralph Metzner, Raum des Geistes – Strom der Zeit mit freundlicher Erlaubnis des Verlages

Der Autor Ralph Metzner PhD (18. Mai 1936 in Deutschland) ist amerikanischer Psychologe, Schriftsteller und Forscher, beteiligt an den psychedelischen Forschungen an der Harvard University in den frühen 1960er Jahren mit Timothy Leary und Richard Alpert (später Ram Dass). Dr. Metzner ist auch Psychotherapeut und emeritierter Professor für Psychologie an der California Institute of Integral Studies in San Francisco. Er ist Mitbegründer und Präsident der Green Earth Foundation, einer Non-Profit-Bildungsorganisation.

Buchtipps: Ralph Metzner,
Raum des Geistes – Strom der Zeit, Wie man Bewusstseins-Zustände verstehen und navigieren kann, 168 S., Broschur;
Die sechs Lebenswege, Heiler, Forscher, Beschützer, Künstler, Lehrer, Erbauer, 150 S.,
beide im Nachtschatten Verlag 2012


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