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Ausgabe September/Oktober 2014
Entscheidungswege. Mit dem Herzen denken und mit dem Kopf fühlen. Von Mo Feuerlein

Der kinesiologische Muskeltest bietet eine Brücke zur Körperweisheit und kann in Entscheidungssituationen Klärung bringen. Doch wahrhaftiges Fühlen bedeutet auch das Zulassen von Ambivalenz

Als astrologischer Zwilling kenne ich das Problem, mich zu entscheiden. Wer mich in Bedrängnis bringen will, lade mich ein, in meinem Lieblingsrestaurant nach Lust und Laune zu bestellen. Angesichts der Fülle an leckeren Gerichten in x Variationen gerate ich schon mal ins schwitzen. Noch schwieriger wird es an größeren Weggabelungen, den klassischen Scheidungs-Situationen: Sollte ich mich trennen oder nicht? Will ich auf dem Land leben oder in der Stadt? Was für den einen die Qual der Wahl ist, war für mich lange die Vermeidung der Entscheidung.
Und doch kenne ich sie, diese Momente, in denen sich ein klares JA formt, erhaben über jeden Zweifel, in völliger Gewissheit über den nächsten Schritt. Es sind die Entscheidungen, die aus dem Herzen kommen, unserer Seele entsprechen und – da sie im Allgemeinen auch zum „rechten“ Zeitraum fallen – von einem Zuwachs an Energie und Kraft getragen werden. Sie fühlen sich wahr-haftig an, und eigentlich nicht mehr wie eine Entscheidung, sondern eher wie das Gewahrwerden von etwas, was bereits entschieden ist.

Die Körperweisheit befragen
Was hält uns ab, diese Gewissheit in jedem Moment zu spüren? Warum fällt es uns oft schwer zu fühlen, was für uns gut und „richtig“ ist? Auf meiner Suche entdeckte ich den kinesiologischen Muskeltest. Mit diesem einfachen Instrument, das schon die Mayas nutzten, um die Qualität von Trinkwasser zu testen, ist es möglich, das gespeicherte Körperwissen zu befragen, und auf alle Erfahrungen eines Menschen in diesem und vergangenen Leben zuzugreifen. Genutzt wird die Tatsache, dass das körpereigene Energiesystem auf jede minimale Beeinflussung unmittelbar mit einer Stärkung oder einer Schwächung reagiert, sei es auf Substanzen, Erinnerungen, Emotionen oder auf Gedanken. Meine Begeisterung war (und ist) groß, schließlich hatte ich damit den lebendigen Beweis dafür, dass es in meinem Körper eine untrügliche Instanz gibt, die stets „weiß“, was mich stärkt und was meiner Energie im Moment eher abträglich ist. Und doch musste ich bald erkennen, dass es nicht sinnvoll ist, Entscheidungen, die über die Frage „Erdnusssauce oder süss-sauer“ hinaus gehen - einfach an das Muskeltesten „abzugeben“. Dies liegt schon allein an der Tatsache, dass die Frage: „Ist es gut für mich, auf dem Land zu leben?“ schlichtweg nicht ausreichend definiert ist. In welchem Sinne „gut“: für meine Karriere, meine Lungen, meinen Geldbeutel, meine seelische Erfahrung? Solche Entscheidungen werfen uns zurück auf die Frage: „Was will ich wirklich?“ und „Wer bin ich?“.

Das Gestrüpp vergangener Entscheidungen lichten
Techniken – wie Kinesiologie oder schamanisches Reisen - die uns mit unserer inneren Weisheit in Kontakt bringen, können uns zwar nicht die Verantwortung abnehmen, eine Wahl zu treffen; aber sie können im buchstäblichen Sinne klärend sein: Sie helfen uns Gefühle, Glaubenssätze und Erfahrungsmuster aufzulösen, die sich zwischen uns und unser inneres Ge-Wahrsein (unser Höheres Selbst, unsere ureigene Kraft) geschoben haben, uns mutlos, ängstlich, zögerlich, verwirrt oder blockiert machen. Wir alle haben in unserem Unterbewusstsein Überzeugungen gespeichert, die in der Vergangenheit einmal „Sinn“ ergaben, aber unseren aktuellen Lebenszielen massiv entgegenstehen Sätze wie: „Ich verdiene es nicht, erfolgreich zu sein“, „Ich darf nicht glücklich sein“ oder „Ich muss emotionalen Schmerz erleben, um kreativ zu sein“. Solche Überzeugungen sind rational, mit unserem Wachbewusstsein oft nicht zu greifen – und dennoch können sie für unsere Entscheidungs- und Erfahrungsmuster auf einer grundsätzlichen Ebene prägend sein. Wenn wir dieses ins Unterbewusste verlagerte Gestrüpp aus vergangenen Entscheidungen lichten und immer mehr zu den Wurzeln unserer aktuellen Befindlichkeiten vordringen, fällt es uns immer leichter, unsere Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen. Das ist wie eine Zwiebel, bei der wir Schicht um Schicht abtragen, um zum Kern unseres Wesens zu gelangen.
Im Idealfall zeigen dann unser seelischer Wille, unsere Emotionen, unser Körpergefühl und unser Verstand in eine Richtung. Unsere Entscheidungen sind nicht mehr nur rationale Kopfgeburten, sondern der traumwandlerisch sichere nächste Schritt und der sich öffnende Weg sind eins. Oder wie eine geschätzte Freundin von mir es gerne ausdrückt: Wir sind dann in Klarheit, wenn das Herz denkt und der Kopf fühlt. Mit rationalem Abwägen hat das nicht mehr viel zu tun.

Ein Plädoyer für die Ambivalenz
Gerade weil die „Entscheidungskraft“ so hoch geschätzt wird, möchte ich an dieser Stelle aber auch ein Plädoyer für die Ambivalenz aussprechen – für das Fühlen der inneren Zerrissenheit zwischen gleich-wertigen Alternativen (ambi-valere = beides wertschätzen). Die Fähigkeit, rational zu entscheiden ist in unserer Gesellschaft zu einem offiziellen Kriterium für Mündigkeit und Verantwortungsbewusstsein in allen Lebensphasen geworden, von der Entscheidung über Untersuchungen am ungeborenen Kind bis hin zum Lebensende. Ich glaube, dass der Begriff Selbstbestimmung in diesen Zusammenhängen oft sinnentleert wird, suggeriert er doch, wir könnten auf der Grundlage von vermeintlich neutralen Daten und Informationen eine uns gemäße Entscheidung treffen, noch dazu für Situationen, in denen wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht befinden. Dies (muss nicht) aber kann auch bedeuten, der Unplanbarkeit und Uneindeutigkeit des Lebens auszuweichen. In diesem Sinne kann Ent-scheidung auch die kopfgesteuerte Abtrennung von unbequemen Gefühlen bedeuten: Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Vergänglichkeit...Von der Wortgeschichte her soll sich das Wort „entscheiden“ übrigens vom Ziehen einer Waffe aus der Scheide herleiten, womit der Waffenträger den Kampf gewählt hat (und nicht, wie er oder sie vielleicht glauben mag, die Befriedung innerer oder äußerer Unsicherheiten).
Im Sinne der Gleichwertigkeit und Gleichgültigkeit aller Lebenswege ist Leben zutiefst ambivalent, es gibt kein „richtig“ oder „falsch“, solange wir die Wertigkeit eines jeden anderen Lebensentwurfs tolerieren und respektieren. Gerade als Eltern erleben wir immer wieder Lebenssituationen, in denen wir die zumindest auf den ersten Blick gegensätzliche Bedürfnisse und Wünsche von uns und anderen auszubalancieren versuchen. Auf einer tiefen Ebene ist die körperlich manchmal fast schmerzhafte Ambivalenz, die Schwangersein, Muttersein, Vatersein, pflegender Angehöriger-Sein zuweilen begleitet, auch Ausdruck der Verbundenheit alles Lebendigen. Wenn ich diesen zwiespältigen Gefühlen wirklich Raum gebe und mit Annahme begegne, stellt sich irgendwann darunter ein Gefühl von tiefer Schönheit und ein sehr umfassendes JA! ein.

Die Autorin Monika (Mo) Feuerlein ist Begründerin der Praxis Lebensrad in Berlin. Sie verbindet Kinesiologie mit schamanischer Bewusstseinsarbeit und bietet Achtsamkeitstrainings für schulgestresste Kinder an. www.lebensrad.net


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