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Ausgabe Juli/August 2014
Heilung als Lebenshaltung. Von Jurriaan Kamp über Brant Secunda

Der Schamane Brant Secunda praktiziert der Energiemedizin der mexikanischen Huichol Indianer

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Brant Secunda schlägt auf seine Trommel und murmelt etwas Unverständliches. Ab und zu höre ich den Namen Wali heraus, den Namen meines Sohnes, der neben mir sitzt. Beide starren wir in den Rauch der glühenden Kohle, der aus dem kleinen Gefäß auf dem Tisch vor uns aufsteigt.
Secunda steht jetzt und streicht mit einem Bündel Federn über Walis Körper. Dann legt er seine Faust auf Walis Bauch, spitzt die Lippen und saugt kräftig an der Öffnung, die von der Faust gebildet wird. Er spuckt in seine Hand und prüft die Flüssigkeit genau, bevor er sie auf die Kohle tropfen lässt. Kurz zischt es, während er den Dampf und den Rauch mit den Federn nach oben begleitet. Nun setzt sich Secunda wieder und singt weiter.
Die ganze Sitzung in den Bergen über Santa Cruz mit Ausblick auf den Pazifischen Ozean dauerte vermutlich 20 Minuten, als Secunda mit einem zufriedenen Lächeln aufsteht. Er schaut Wali an und sagt: "Ziemlich komisch, oder? Es ist egal, ob du daran glaubst. Es funktioniert trotzdem."
Vor 2 Jahren, an dem Tag des schamanischen Heilungsrituals, litt Wali bereits seit 4 Jahren an Borreliose. Borreliose ist eine üble, zunehmend verbreitete, bakterielle Infektion, die schwer zu heilen ist. Wir hatten schon jede Menge Behandlungen hinter uns, von Mainstream Antibiotika zur Ozon Therapie, von Chinesischen Kräutern zu Vitamin- und Mineralpräparaten und sahen Besserung aber keine vollständige Heilung. Einige Wochen nach der ungewöhnlichen Erfahrung mit Brant Secunda beobachteten wir dann, dass es Wali besser ging als viele Jahre zuvor, obwohl er keine Behandlungen mehr machte. Jetzt nach zwei Jahren können wir sagen, dass er völlig gesund ist.
Bedeutet das, dass Schamanen wie Secunda Heilung durch Methoden beeinflussen können, die uns ziemlich primitiv erscheinen? Obwohl es viele ähnliche Geschichten erstaunlicher Heilungen gibt, kann der rationale Verstand sie kaum als überzeugenden Beweis anerkennen. Aber es scheint etwas in der schamanischen Herangehensweise zu geben, das jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse über Heilung berührt.
Studien haben gezeigt, dass der Heilungsprozess von Patienten, die sich von einer Operation erholen, beschleunigt wird und mit weniger Komplikationen verbunden ist, wenn Menschen woanders in der Welt für sie beten. Wenn Gebete einen positiven Effekt auf Heilung haben können, kann man sich auch vorstellen, dass das für schamanische Rituale zutrifft.
Schamanismus ist Tausende von Jahren alt, aber es gibt Berührungspunkte mit der neu entstehenden, so genannten "Energiemedizin". Die Energiemedizin behauptet, dass Substanz auf der elementarsten Ebene aus Frequenzen bestehe - letztlich Licht - und dass Krankheit durch Unterbrechung dieser Frequenzen entstehe. In diesem Zusammenhang bedeutet Heilung die Rückkehr zu den natürlichen Prozessen, zur ursprünglichen Balance.
Mit den Worten Secundas: "Energie bewegt sich spiralförmig um jede gesunde Person. Wenn jemand krank ist, sprechen wir von einer Energieblockade. Sie sieht dunkel aus." Der Schamane versucht mit seinen Händen und den Federn, dem indianischen Röntgenapparat, die Blockade zu entfernen, um Bewegung in das Energiefeld der kranken Person zu bringen. Er überträgt aktiv Energie und versucht Licht in die kranke Person zu bringen, so dass ihr Körper aus sich selbst heraus heilen kann.
Schamanismus konzentriert sich nach Secunda darauf, die Harmonie der Person mit der Natur wieder herzustellen. Letztlich heilt die Natur.

"Der Schamane ist die Brücke zwischen der Natur, die heilt, und der Person, die vergessen hat, dass sie ein untrennbarer Teil der Natur ist," sagt er. "Der Schamane hilft den Menschen, Rituale zu verwenden, um wieder Balance für ihre Leben zurück zu gewinnen. Die moderne Welt hat uns so völlig vereinnahmt, dass wir vergessen haben, dass wir spirituelle Wesen sind."
Secunda stellt seinen Patienten seit Jahren immer die selben Frage: "Erzählen Sie über die besten Erfahrungen Ihres Lebens." Fast ohne Ausnahme verbinden Menschen diese mit der Natur. "Augenscheinlich wissen wir, was gut für uns ist. Unseren Alltag verbringen wir jedoch, als ob wir es vergessen hätten," sagt Secunda. "Warum sonst durchstöbern wir Reiseführer nach außergewöhnlichen natürlichen Plätzen an unberührten Orten. Es sind Plätze, wo unsere Seele sich am einfachsten mit Mutter Erde verbinden kann und wo Sorgen, Stress und Angst verschwinden."
Um die Anerkennung als Schamane zu erlangen, muss man zeigen, dass man Menschen heilen kann. Die Huichols stellen zudem eine weitere Anforderung: Schamanen müssen Regen in den trockenen Bergregionen machen können, wo es, für die wenigen Pflanzen, die die Huichols anbauen, keine künstliche Bewässerung gibt. Regenzeremonien dauern mehrere Tage und Secunda ist überzeugt, dass sie wirken. Beweise, die die mehrtägigen Zeremonien mit der Ankunft des Regens in Verbindung bringen, mögen nie gefunden werden. Aber wenn ein Schamane anerkannt wurde, dann ist sein Leben nicht mehr länger sein eigenes. "Du gehörst zu der Gemeinschaft," erklärt Secunda, "und von dir wird erwartet, dass du deine Talente verwendest, um denen zu helfen, die sie brauchen. Niemals schickt man jemanden weg."
Dieses Prinzip passt zu Secunda wie die Faust aufs Auge und seine warme, angenehme Persönlichkeit macht ihn zum idealen Heiler. Er behandelt wöchentlich 15 bis 20 Personen und trotz vieler wundersamer Heilungen bleibt er bodenständig, was den Erfolg seiner Heilungen betrifft: "Die Huichols sagen, es liege letztlich in der Hand der Götter, ob es jemandem besser gehe. Und das ist wahr. Wenn es Zeit ist, dass die Blätter vom Baum fallen, dann fallen sie." Und mit einem Lächeln fügt er hinzu: "Mein Vater sagte immer, das sei eine gute Entschuldigung."
Secunda sagt, dass die Huichols Krankheit als eine Erkenntnismöglichkeit sehen: Was ist im Leben aus dem Gleichgewicht geraten und was kann verbessert werden? Das bedeutet, dass der Gesundheit nicht nur in Zeiten der Krankheit Aufmerksamkeit zu widmen ist. "Heilung ist eine Lebenshaltung," sagt Secunda. "Es ist die immer währende Suche nach Balance zwischen Mensch und Natur."

Am Abschluss von Walis Zeremonie vor zwei Jahren, opferte Secunda Schokolade. In den Augen der Huichols formt Schokolade die Bindung zwischen den Sterblichen und den Göttern. Wenn wir mehr Schokolade essen, so glauben sie, werden wir das Leben und die Welt mehr lieben. Das ist eine simple Beschreibung, aber vielleicht eine wirksame und ein köstlicher Glaube ist es ohnehin.

Die Autorin Jurriaan Kamp ist Journalistin und fragt sich, was ihr Heißhunger auf Schokolade mit schamanischem Talent zu tun haben könnte.


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